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Kinder mögen Wildwestspiele, aber sie lesen nicht mehr Karl May. Ihre Großeltern werden ihnen wohl erzählen müssen, dass dieser Filmtitel die Origin Story einer ruhmreichen Roman- und Filmfigur verheißt. Der Name Winnetou sichert Mike Marzuks Western für Kinder jedenfalls erhöhte Aufmerksamkeit. 

Der junge Häuptling Winnetou (2022)

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Zwei Jungen im Wilden Westen

Zur beliebtesten Lektüre vieler Jugendgenerationen zählten die Romane von Karl May, vor allem jene, in denen Winnetou, der edle Häuptling der Apachen, mit seinem weißen Blutsbruder Old Shatterhand über die Prärien des Wilden Westens reitet. In den legendären Karl-May-Verfilmungen der 1960er Jahre – die drei Winnetou-Filme erhielten gerade in restaurierter Fassung eine Wiederaufführung im Kino — wurde der Schauspieler Pierre Brice zur Leinwandikone in der Rolle des stolzen Apachen. Winnetou-Fans wissen nicht viel über die Kindheit des Häuptling, sie kennen hauptsächlich sein kurzes Erwachsenenleben. Da das deutsche Kinderfilmgenre jedoch immer auf der Suche nach verwertbaren erfolgreichen Buchvorlagen oder -figuren zu sein scheint, wurde es wohl an der Zeit, Winnetou auch eine Kindheitsgeschichte anzudichten. 

Unter der Regie von Mike Marzuk (Fünf Freunde-Reihe), der mit Gesa Scheibner das Drehbuch schrieb, muss der 12-jährige Häuptlingssohn Winnetou (Mika Ullritz) ein gefährliches Abenteuer im Wilden Westen des Jahres 1852 bestehen. Dabei wird er vom gleichaltrigen Weißen Tom Silver (Milo Haaf) begleitet, der als ertappter Pferdedieb erst noch beweisen muss, ob er seine Freundschaft wirklich verdient. Tom Silver soll nicht der spätere Old Shatterhand sein, denn die Filmemacher nehmen Rücksicht darauf, dass sich bei Karl May der Apache und der deutsche Westmann erst als Erwachsene begegnen. Aber weil die Idee zweier Blutsbrüder, die einen kulturellen Brückenschlag meistern, den zentralen Reiz der Winnetou-Saga darstellt, darf sie auch hier nicht fehlen. 

Winnetou will seinem Vater Intschu tschuna (Mehmet Kurtulus) beweisen, dass er groß genug ist für wichtige Aufgaben wie die Nachtwache im Tipi-Lager. Mit einem Trick löst er die Wache ab, stellt Tom beim Versuch, ein Pferd zu stehen, aber im Gerangel bricht ein Feuer aus und zerstört die Vorräte. Darüber ist der Häuptling sehr erbost, zumal der Stamm zum ersten Mal keine Bisons zum Jagen fand und dem winterlichen „langen Nachtmond“ mit Sorge entgegensieht. Winnetou wird ins Zelt mit Tom verbannt, der ihm erzählt, im Saloon von Rio Santo habe ein Mann von den verschwundenen Bisons erzählt. Heimlich brechen Winnetou und Tom auf nach Rio Santo, wo Tom steckbrieflich gesucht wird und Apachen nicht gerne gesehen sind.

Zu den bekannten Namen des Karl-May-Universums zählen in diesem Film außer Intschu tschuna und Winnetous Schwester Nscho-tschi (Lola Linnéa Padotzke), die hier zehn Jahre alt ist, auch Sam Hawkens (Marwin Haas). Der fröhliche Junge taucht in Begleitung seiner Mutter (Silke Franz) im Westernstädtchen Rio Santo auf und beendet seine Sätze bereits wie der Westmann, der er mal werden wird, mit seiner typischen Redewendung „wenn ich mich nicht irre“. Zu den vielen neuen Charakteren zählen etwa die Stammesälteste Sikari-zinu (Hildegard Schmahl), die als weise Frau die Apachen berät und Winnetou wohlwollend ein paar Dinge über den Wert der Gemeinschaft beibringt. Die Rolle der Frauen wird zeitgemäß auch noch ein wenig mit einer jungen Apachenkriegerin aufgewertet und indem Nscho-tschi mit ein paar gewitzten Einfällen ihrem Bruder wiederholt hilft. 

Der in Andalusien gedrehte Film weist viele typische Western-Motive auf, wie die Schlägerei im Saloon oder den Sheriff (Helmfried von Lüttichau), der Banditen jagt. Die Spur der verschwundenen Bisons führt zum Banditenchef Todd Crow (Anatole Taubman), mit dem Tom eine gemeinsame Vergangenheit verbindet. Todd wirkt als schräger, halb verrückter Kerl recht unheimlich, während seine Gehilfen mehr oder weniger doof geraten sind und damit für Komik sorgen. 

Aber im Grunde tragen Winnetou und Tom die Geschichte fast allein auf ihren Schultern, als ungleiche Buddys, die sich zusammenraufen müssen. Wirkt Winnetou anfangs sehr schweigsam, fast trotzig und der redegewandte Tom cleverer, so erfährt dieses Bild bald eine entscheidende Ergänzung und damit auch Korrektur. Was Winnetou wirklich draufhat, zeigt er in einer atemberaubenden Actionszene. Die beiden Jungen sitzen in einem Planwagen, den zwei wild gewordene Pferde auf einen Abgrund zusteuern. Winnetou hängt die Pferde vom Wagen ab, springt auf den Rücken des einen, aber weil Tom es ihm nicht gleichtun will, muss er ihn auf noch waghalsigere Weise retten. Nicht alle Passagen dieser Handlung sind so temporeich und spannend, gelegentlich mutet die Geschichte sogar etwas langatmig an. Einige Stationen und Nebenfiguren – etwa die esoterisch weichgezeichnete Stammesälteste oder der Apachenkrieger Nagi-nita (Tim Oliver Schultz), der seine eigene Agenda verfolgt -, hätten sich getrost herausstreichen lassen. 

Die Beziehung der beiden Jungen und ihre Wortwechsel bleiben jedoch reizvoll bis zum Schluss. Tom beginnt, von Winnetou zu lernen – etwa, wie man mit dem Aufeinanderschlagen von Steinen die Pferde ruft. Ob das in der Realität auch funktioniert, scheint nicht so wichtig wie die Botschaft, dass der junge Apache vieles weiß, was Siedlerkinder nicht lernen. Mika Ullritz ist als Winnetou, den er mit jungenhaftem Eifer und Ernst spielt, ausgezeichnet besetzt. Er drückt die Gefühle seines schon jetzt würdevollen Charakters ohne Worte auf beredte und natürlich wirkende Weise aus. Milo Haaf ist als Tom die unbeschwertere Figur und dabei ebenfalls ein Sympathieträger. Es gelingt dem Film sehr gut, ein reizvolles Gleichgewicht zwischen den beiden Hauptfiguren herzustellen: Sie sind ähnlich attraktiv und übernehmen im Wechsel die Führung in der Handlung.

Aber im Gegensatz zu den Gefahren, die sie meistern müssen, sind die beiden Jungen oft noch kindlich gezeichnet und sorgen so dafür, dass der Western immer wieder wie ein großes Abenteuerspiel anmutet. Beispielsweise hält sich die Geschichte gar nicht erst mit dem Problem auf, wie sich ein weißer Junge und ein Apachenkind sprachlich verständigen, sie tun es ganz selbstverständlich, wie die anderen Figuren beider Welten auch. Sie sprechen Deutsch, was wohl für Englisch im Kontext der Handlung steht. Marzuk dürfte es mit dieser buchstäblichen Verjüngungskur Winnetous im Großen und Ganzen gelungen sein, den legendären fiktionalen Charakter einer neuen Generation von Kinobesuchern ans Herz zu legen.

Der junge Häuptling Winnetou (2022)

Während sich der zwölfjährige Häuptlingssohn Winnetou (Mika Ullritz) selbst bereits als großer Krieger sieht, ist sein Vater Intschu-tschuna (Mehmet Kurtulus) der Meinung, sein Sohn müsse erst noch lernen, sein hitziges Gemüt zu zügeln und Verantwortung für andere zu übernehmen. Als das Ausbleiben der Büffel die Apachen existenziell bedroht, ergreift Winnetou die Chance, sich seinem Vater gegenüber zu beweisen. Dazu muss er sich mit dem Waisenjungen Tom (Milo Haaf) arrangieren und sich auf ein gefährliches Abenteuer begeben, denn nur gemeinsam mit ihm und mit Unterstützung seiner Schwester Nscho-tschi (Lola Linnéa Padotzke) kann Winnetou das Volk der Apachen retten. (Quelle: Leonine)

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