Chichinette - Wie ich zufällig Spionin wurde (2019)

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Marthe Cohn hat ein beeindruckendes Leben hinter sich: Durch ihre Informationen konnte der Krieg an der deutsch-französischen Front verkürzt werden. 60 Jahre lang hat sie geschwiegen, dann ein Buch geschrieben. Nun erzählt sie davon – mit viel Charme und Esprit.

Chichinette - Wie ich zufällig Spionin wurde (2019)

Eine Filmkritik von Verena Schmöller

Wie man durch Zufall zur Spionin wird

Marthe Cohn ist eine kleine, aber feine Dame. Mit ihren 96 Jahren sieht sie immer top aus: gepflegt, gut angezogen, mit Schmuck und Halstuch und frisierten Haaren. An manchen Tagen kann sie sich fast gar nicht bewegen, sie geht etwas steif und gebückt, aber sie ist immer adrett und hat immer leuchtende Augen. Denn trotz ihres hohen Alters hat Marthe Cohn noch ein bewegtes Leben: Die Jüdin, die im Zweiten Weltkrieg zur französischen Armee ging und dort durch Zufall zur Spionin wurde und den französischen Truppen beim Kampf gegen die Deutschen half, tourt heute um die halbe Welt, um ihre Geschichte zu erzählen.

Marthe wurde als Marthe Hoffnung in Metz, Lothringen, geboren und wuchs dort in einer orthodox jüdischen Großfamilie auf. Sie hat fünf Geschwister, und man merkt ihr noch heute an, wie wichtig die Bande innerhalb der Familie für sie sind. Ein besonders enges Verhältnis hat sie zu ihrer Schwester Stéphanie, die schon früh weiß, dass sie einmal Ärztin werden will. So hält sich Marthe auch in den Kreisen der Medizin-Studenten auf und verliebt sich in Jacques, einen Kommilitonen ihrer Schwester. 1939 flieht die Familie von Metz nach Poitiers und 1942 weiter nach Marseille. Jacques, der im Widerstand aktiv ist, wird erschossen, ihre Schwester verhaftet und schließlich deportiert.

Fast nüchtern erzählt Marthe im Dokumentarfilm Chichinette von diesen Erlebnissen, von dem Schmerz, den der Tod des Verlobten auslöst, von der Verzweiflung und dieser dunklen Zeit in ihrem Leben. Und doch wird das alles greifbar und man merkt ihr an, warum sie zur Kämpferin geworden ist. Sie wollte sich dem Widerstand anschließen, wurde allerdings nicht aufgenommen. Nach der Befreiung von Paris 1944 meldet sie sich schließlich als Krankenschwester bei der französischen Armee, und als Oberbefehlshaber, Colonel Fabien, davon erfährt, dass sie fließend Deutsch spricht, überstellt er sie zum Geheimdienst. Und sie hilft schließlich mit ihren Erfahrungen über die deutschen Truppenbewegungen, den Krieg an der deutsch-französischen Front zu verkürzen.

In ausführlichen Bildern erzählt Marthe davon, wie sie die Grenze nach Deutschland überquert, wie sie all ihren Mut zusammennimmt, um das Vergangene zu bewältigen und mit ihrem Tun etwas zu verändern. Der Film von Nicola Alice Hens veranschaulicht ihre Erzählungen, in dem er an den Originalschauplätzen Landschaften und Straßen aufnimmt, die Bilder aus dem Blickwinkel von Marthe nachstellt und eine animierte Figur – Marthe – in die Bilder setzt. Das geschieht auf einfache, natürliche Art und Weise, ohne dass Szenen nachgespielt werden. Das ist die große Leistung von Chichinette: Dass er versucht, das, was Marthe erzählt, so gut wie möglich zu bebildern, ohne dabei zu künstlich zu wirken. Er bedient sich auch alter Fotografien, die Marthe und ihre Familie, ihre Freunde zeigen, und setzt sie gekonnt in Szene. Besser und ja, schöner, kann man nicht von Vergangenem erzählen.

Zwischendurch begleitet der Film das Ehepaar Cohn auf ihren Reisen. Major L. Cohn, den Marthe 1958 geheiratet und mit dem sie zwei Kinder bekommen hat, ist immer an ihrer Seite, trägt die Koffer, hilft ihr Treppenstufen hinauf und hinunter, stützt sie und spaziert mit ihr durch die Straßen von London und Paris, aber auch durch die von Metz, die Straßen ihrer Kindheit. Und Major trägt ihre Medaillen, darauf ist er stolz. Sie habe ihn jahrelang als Assistentin bei seinen Forschungsarbeiten unterstützt, erzählt der Wissenschaftler, nach dem Erscheinen ihres Buches Im Land des Feindes hätten sie die Rollen getauscht.

Bis 1999 allerdings hat Major nichts von Marthes Vergangenheit gewusst. Marthe hat 60 Jahre lang geschwiegen und nicht erzählt, was sie erlebt und geleistet hat: „Ich habe immer an die Geschichten gedacht“, sagt sie. „Aber ich habe erst darüber gesprochen, als ich verstanden habe, dass es wichtig ist.“ 1996 suchte Steven Spielberg nach Personen, die während des Krieges gekämpft hatten. Sie hat sich gemeldet, denn sie „konnte nun beweisen, dass eine Französin, eine Jüdin, gekämpft hatte.“ Daraufhin wurde sie 2000 mit der französischen Medaille Militaire, der höchsten Auszeichnung des französischen Militärs, geehrt. Seither reist sie mit ihrer Geschichte um die Welt.

Am liebsten erzählt sie der jungen Generation von ihrem Leben. Und gibt ihnen Ratschläge: „Engagiert euch!“, sagt sie. „Und führt keine Befehle aus, die mit euren Gefühlen nicht vereinbar sind.“ Die 96-Jährige ist fast jede Woche unterwegs. Sie bereist die USA und fliegt immer wieder auch nach Europa, um in Vereinen, Schulklassen oder Gemeinden zu berichten. Sie hält Vorträge und diskutiert mit ihrem Publikum. Man merkt ihr an, wie sehr sie das Weitergeben ihrer Erfahrungen genießt, und sie tut es mit demselben Charme und derselben beharrlichen Schlagfertigkeit, der ihr als Spionin geholfen und ihr den Namen „Chichinette“ (französisch für „kleine Nervensäge“) beschert hat. Sie hat immer dieses Funkeln in den Augen, antwortet schlagfertig und mit einem humorvollen Blick auf das Leben. Und damit begeistert sie ihre Gäste – und bestimmt auch das Kinopublikum.

Chichinette - Wie ich zufällig Spionin wurde (2019)

Die bisher unbekannte Geschichte einer französisch-jüdischen Spionin, Marthe Cohn — alias Chichinette. Nachdem sie fast 60 Jahre lang geschwiegen hat, erzählt sie nun ihre außergewöhnliche Geschichte von einer 4,5 Fuß großen Frau, die es schaffte, entgegen aller Wahrscheinlichkeiten, die Nazis als Spionin zu bekämpfen. Im Alter von 98 Jahren bereist sie heute die Welt und vermittelt ihre Botschaft an Menschen aller Generationen.

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Meinungen
Hanna Reuss · 07.03.2020

Bewegende Geschichte einer tollen Protagonistin, poetisch erzählt.

Petra · 04.03.2020

Ein gelungener FIlm! Absolut sehenswert!

Kommentare

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