Anchorage (2021)

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Jacob und John wollen ihren ganz eigenen Amerikanischen Traum verwirklichen: Drogen in Alaska verticken. „Anchorage“ ist ein Roadtrip tief hinein in die Geister Amerikas.

Anchorage (2021)

Eine Filmkritik von Bianka-Isabell Scharmann

Geister des Amerikanischen Traums

Bei den Geschwistern Jacob (Scott Monahan, Regie) und John (Dakota Loesch, Drehbuch) herrscht Goldgräberstimmung: Mit einem Kofferraum voller Stofftiere machen sie sich vom wüstenhaften Süden Kaliforniens aus auf den Weg, um ihr Sehnsuchtsziel Anchorage in Alaska zu erreichen. Dort wollen sie ihren Amerikanischen Traum verwirklichen: Die in den unschuldigen Kuschelhüllen verborgenen blauen Pillen sollen sie zu Millionären machen. Schon mit der Prämisse des Films pervertieren Mohanan und Loesch die Trope des American Dream. „Anchorage“ ist ein Roadtrip durch die Geister eines zerbröckelnden Landes, eines Landes hart auf Drogen.

Anchorage spielt vor dem sehr realen Hintergrund der grassierenden Opioid-Abhängigkeit in Amerika. Jacob und John, beide ständig drauf – ihr Auto gleicht einem Füllhorn an Suchtmitteln in flüssiger und fester Form, zum Rauchen, Schnupfen, Schlucken und Inhalieren – wollen eben von diesem neuesten Trend auf dem Suchtmittelmarkt profitieren. Und statt die Drogen zu billig in Kalifornien zu verscherbeln – ein Staat, in dem es die Hollywood-Reichen sowieso viel zu einfach haben, an die begehrten blauen Pillen zu kommen – setzen sie auf das vom Rest der USA abgeschnittene Alaska. Diese Rechnung stellt John in einem beeindruckenden Monolog in den Tiefen eines verlassenen Swimmingpools auf, erstaunlich klar trotz oder gerade wegen der verschiedenen Substanzen, die seinen Körper durchströmen. Hinter der teils spielerischen, teils überdrehten Leichtigkeit drängt eine Schwere hervor, die Protagonisten wie auch Zuschauer*innen einfängt und vor sich hertreibt.

In seinem Aufbau orientiert sich Anchorage an einem klassischen Drama: Exposition, Hinarbeiten zum Klimax, und die Katastrophe, bevor es so etwas wie eine Erlösung oder Auflösung gibt. Reduziert auf John und Jacob, unter der alles zu stark ausleuchtenden Sonne Kaliforniens, kreieren die beiden mit ihrem gemeinsamen Debüt nicht nur einen Trip der fortschreitenden Eskalation, sondern auch eine topografische psychologische Studie ihres Landes. Wir begleiten John und Jacob auf ihrer Reise abseits der Highways durch Geisterstädte und wüstes Land: Relikte der Finanzblase, des Amerikanischen Traums. Grundpfeiler der Amerikanischen Kultur – Baseball, Eigenheim, persönliche Freiheit, Waffenbesitz, Esskultur und Christentum – werden miteinander verschränkt, bespielt und als Geister ihrer Selbst entlarvt. Und ganz nebenbei bekommt toxische Männlichkeit auch noch einen drauf.

Für all dies findet Anchorage die richtigen Bilder, die richtigen Worte, den richtigen Sound: Eine mobile Kamera, die teils sehr nah an ihren Figuren bleibend, teils unerwartete Unter- oder Draufsichten liefernd, wechselt sich ab mit perfekt komponierten, fast schon nach Regeln klassischer Malerei aufgebauten Einstellungen; harte, direkte Worte und Phantastereien in klarer Sprache vorgetragen, ohne einen Auf-Drogen-Singsang zu imitieren, also ein Schauspiel, das fast schon theatral wirkt; psychedelische, treibende Beats und harte Dissonanzen wie auch eine auf hebräisch gesungene Elegie. Ein perfekter Mix, der die Realität des Roadtrips in eine symbolisch aufgeladenen Eloge auf die Amerikanische Kultur zu verwandeln zu verweis.

Anchorage (2021)

Die Brüder John und Jacob haben eine Kofferraumladung Opioide mitgehen lassen, die in 40 knallbunten Teddybären versteckt ist und mit denen sie nun von Florida nach Alaska unterwegs sind, um im Land des Goldes große Kasse zu machen. Dort nämlich würde, zumindest laut Johns kreativer Wirtschaftstheorie, die Profitmarge selbst seine schon längst im Wunschdenken angesiedelten Erwartungen übertreffen. Ständig high dank dem mitgeführten Lagerbestand, durchkreuzen sie ein entvölkertes Amerika, das nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Was als Freudenfahrt in das gelobte Land beginnt, wird zu einer Reise in das dunkle Herz eines amerikanischen Traums, der schon lange nichts als eine Illusion ist. Irgendwo im Nirgendwo der kalifornischen Wüste entgleist ihre Reise und bringt die Brüder auf einen erschütternden Crashkurs.  (Quelle: Filmfest Oldenburg 2021)

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