Joker (2019)

Log Line

Todd Phillips interpretiert mit Joaquin Phoenix Hilfe die Geschichte des berühmten Batman-Antagonisten Joker neu und kreiert dabei einen Film, der so sehr Kind dieser Zeit ist, dass einem Angst und Bange wird. Nicht wegen des Jokers, sondern dem, wofür er steht.

Joker (2019)

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

The Joke(r) is on you…

Wer kann nach Heath Ledgers Performance als Joker noch in seine Fußstapfen treten? Wer kann noch verrückter, ungebändigter, körperlicher sein? Nur Joaquin Phoenix, der nie vor den hässlichen, wahnsinnigen, körperlich abstoßenden, schmerzhaften Rollen zurückschreckt, sondern sie zu seinem Markenzeichen macht. Kein Wunder also, dass Todd Philipps „Joker“ einer der meist erwarteten Filme des Jahres 2019 war. Und, um es gleich voraus zu schicken: Phoenix gibt alles und der Film liefert. Allerdings mehr, als ihm vielleicht klar ist.

Joker weicht von den anderen Origin Stories der Figur ab und begibt sich auf einen ganz eigenen Interpretationspfad des wahnwitzigen Clowns, der Batman das Leben schwer machen wird. Doch noch ist Bruce Wayne ein Junge und Gotham City liegt in tiefer Depression in den 1980er Jahren. Zerfressen von Ratten und Einsparungen ist die Stadt ein Moloch, in dem die einfachen Menschen dahin vegetieren, während die Reichen, wie Bruces Vater Thomas Wayne, sich isolieren und gleichsam versuchen, die politische Macht weiter unter sich aufzuteilen. Kurzum, die Fronten sind klar: reich gegen arm. Die da oben gegen die da unten.

Unten ist auch Arthur Fleck (Joaquin Phoenix), der aus der Psychiatrie entlassen einmal pro Woche zum Sozialdienst muss, wo eine überarbeitete Sozialarbeiterin ihn fragt, wie es ihm geht und ihm seine Medikamente verschreibt. Ansonsten arbeitet Arthur als Clown und träumt davon Stand-Up-Comedian zu werden. Er lebt mit seiner fragilen Mutter, die ihn „Happy“ nennt, denn Arthur soll immer glücklich sein. Das Gegenteil ist natürlich der Fall. Sein Leben ist trostlos und besteht vor allem daraus, nicht gesehen oder misshandelt zu werden. Dabei möchte Arthur selbst nur eins: Menschen glücklich machen. Doch dann passieren mehrere Ereignisse, die ihn und seine Psychosen schließlich eskalieren lassen: Er wird mehrmals verprügelt und gedemütigt, verliert seinen Job, der Sozialdienst schließt und damit versiegt sein Zugang zu Medikamenten und seine Mutter hat einen Schlaganfall. Als er in der U-Bahn von ein paar besoffenen Wall-Street-Jungs fertig gemacht wird, zückt er eine Waffe und erschießt zwei von ihnen in Notwehr. Den dritten aber richtet Arthur förmlich hin und fühlt darin, so wird er später sagen, eine regelrechte Befreiung. 

Sie werden nicht die einzigen Opfer bleiben, doch wen und wie viele Arthur, der sich später Joker nennen wird, tötet, wird letztendlich im Film als irrelevant dargestellt. Zumal Arthur, der der Erzähler der Handlung ist, keineswegs verlässlich Bericht erstattet, sondern zwischen Imagination und von Psychosen gefärbter Realität hin und her wechselt. All das ist erwartbar, wenn man die Figur des Jokers etwa näher kennt. Erwartbar ist ebenfalls, dass die Darstellung extrem intensiv sein wird, schließlich ist das das Markenzeichen und die große Kunst von Joaquin Phoenix, der hier durchaus hervorragend besetzt ist und der Figur eine ganz neue Schärfe gibt. All das ist faszinierend und gut gemacht. Und geht mit jeder Minute weiter und tiefer und dehnt sich damit weit über die Komfortzone des Publikums hinaus.

Nur wenige Filme gehen so klar und so weit, erlauben sich so viel Widerlichkeit wie Joker es tut. Und das ist erst einmal sehr gut so. Film und Kunst dürfen und sollen gern unbequem sein. Was dem Werk allerdings abhanden kommt, ist, über sich selbst nachzudenken und zu kontextualisieren, was es hier eigentlich darstellt, in welchem System es sich positioniert und wie und warum es tut, was es tut. Denn jeder Film ist, wie immer in der Kunst, ein Kind seiner Zeit und es ist unmöglich, vor allem in diesen Tagen, das Werk von der Gesellschaft, in der es kreiert wurde, gänzlich zu trennen. Sie bedingen einander, spiegeln sich, wenn auch verzerrt und beeinflussen einander. Das ist die Kraft des Geschichtenerzählens, des Bildererschaffens. Was also ist es, das Joker erzählt? Und in welcher Matrix tut er es? 

Die Reaktion auf Joker ist eine durchaus viszerale, die man im Magen spürt. Für die einen mag es einfach die Vehemenz der Darstellungen selbst sein. Doch darunter liegt eine weitere erschreckende Ebene, die sich nach und nach aus dem Film pellt. Und diese ist mindestens ernüchternd, wenn nicht gar hochproblematisch. Es scheint dem Filmemacher und Drehbuchautor Todd Philipps (Hangover 1-3) vielleicht nicht bewusst zu sein, doch Joker ist ein wahres Geschenk an den derzeitigen Populismus, vor allem den der Incels, Maskulinisten, Amokläufer und Rechten, denn er kreiert eine Gallionsfigur für ihre Causa und  vor allem ihren Blick auf den Rest der Gesellschaft. Arthur Fleck ist der Prototyp der zahlreichen Männer, die sich selbst als underdogs, als Beta-Männer sehen und in deren Narrativ die Welt, vor allem die Frauen, ihnen Aufmerksamkeit, Liebe und andere Dinge schulden. In ihrem Narrativ sind es die Alpha-Männer, die toll aussehen oder so wie Thomas Wayne steinreich und mächtig sind, die ihnen alles nehmen und sie demütigen. Man ist eine armen Sau, man badet sich im Selbstmitleid, so wie Arthur es nur zu gern tut. Und dann wird man sich an all denen eines Tages rächen. Mit purer Gewalt. Und man wird entweder ein Märtyrer oder gottgleich sein. Der Joker übernimmt diesen größenwahnsinnigen Gewalttraum für sie mit großem Vergnügen und setzt ihn um. Und der Film feiert ihn dafür und gibt dieser Bewegung eine neue Figur. 

Doch nicht nur das, er übernimmt auch sämtliche typischen Erklärungs- und Abschirmungsstrategien. Arthur wurde als Kind misshandelt. Arthur hat eine schlimme Mutter. Arthur wird gedemütigt. Arthur bekommt nicht genug Aufmerksamkeit von Frauen. All dies und mehr wird systematisch und repetitiv im Film aufgebaut und bietet eine ideologische Grundlage dafür, dass Arthur schließlich töten darf. Nein, dass er sogar das Recht dazu hat zu töten. Und dass ihn das zu einem Helden macht, der gefeiert wird. Und gleichsam schließt dieses Konstrukt, um dessen Aufbau sich der Film in mehr als der Hälfte seiner Zeit bemüht, auch die klassische Strategie mit ein, die im Rechtspopulismus weltweit gerade so gern und erfolgreich benutzt wird. Es sind „die Anderen“. In Gotham sind es „die da oben“, es könnten aber genauso gut die Ausländer, die Geflüchteten oder sonst wer sein. Hinzu kommt noch eine kleine Verschwörungsstrategie und der unzuverlässige Erzähler, dessen Geschichte perfekt in die derzeitige Zeit der fake news passt.

Wahrlich, Joker ist ein Film seiner Zeit, doch es ist einer, der die Fieberträume des Wahnsinns auslebt und feiert und das macht ihn zu einem äußerst problematischen Film. Denn er liefert eine neue Ikone für Hass und Mord und das gleich mit einer ganzen Reihe an Legitimierungen. Dieser Joker ist die perfekte Projektionsfläche, da letztendlich selbst das bisschen Ambivalenz und der letzte Funken Widerlichkeit ob der fehlenden Menschlichkeit am Ende des Films in einem Blutbad ersäuft, für das die Figur noch gefeiert wie ein neuer Gott. 

Joker (2019)

Im Gotham City der 1980er Jahre beschreitet ein gescheiterter Komiker den Weg des Verbrechens und wird zu Batmans größtem Widersacher.

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Meinungen
gregor hans · 02.12.2019

Der Film ist eine Sozialstudie. Er zeigt, wie solche rechten Tendenzen und rechtes Opferverhalten entsteht. Ich bin mir nicht sicher, ob der Film das verharmlost, ich hab es nicht so gesehen.
Er erklärt, wie solche Menschen sich fühlen.
Es ist ein kapitalismuskritischer Film, denn die Gier nach Geld und Macht der Reichen und Mächtigen schafft ein Metier, in dem solche Tendenzen und ein solches Verhalten gedeihen kann.
Ich freue mich, dass es geschafft wurde, der Masse eine Sozialstudie unterzujubeln, noch dazu eine fein geschliffene Erzählung und ein Schauspiel, das ganz weit vorne ist. Für diese Dinge ist das MCU, nun ja, nicht gerade bekannt.

Danke an das Team von kino-zeit und an Beatrice Behn für ihre Kritik! Macht weiter so, wir brauchen Euch <3

Mike · 21.11.2019

Meiner Meinung nach einer der besten Filme der letzten Zeit!!!
Fantastischer Schauspieler.
Tolle Vorgeschichte und Hinführung zu "The dark night"
Ich habe mich super unterhalten.

Dennis · 17.11.2019

Also ich sehe die zweite Hälfte der Rezension anders. Für mich ist "Joker" ein zeitgemäßes Kommentar zu "The dark Knight". Einer der Gründe, der den letztgenannten Film so großartig für mich machte, war die Tatsache, dass Batman darin nicht als strahlender Superheld dargestellt wurde, der gegen die finsteren Mächte kämpft (á la Superman vs. Lex Luthor). Es ging um Selbstjustiz. Darum, sich selbst über das Gesetz zu stellen (So wie es auch der Joker in dem Film tut). Dabei hatte Bruce Wayne den Vorteil in die High Society geboren worden zu sein. Er hatte das Geld, die Macht und die Beziehungen. Der Joker ist demgegenüber in der Scheisse aufgewachsen und kämpfte in dem Streifen um das Chaos, welches seiner Meinung nach gleiche Chancen für alle bedeutet. In "Joker" geht es hingegen nicht um Gerechtigkeit. Es geht um die Motive des Jokers, die gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten, die eine kranke, missverstandene und alleine gelassene tragische Figur zu solchen Taten treibt. Seine Taten werden dabei nicht objektiv gerechtfertigt. Der Film zeigt lediglich das subjektive Empfinden des (wie schon richtig erwähnten unzuverlässigen Erzählers und) Antagonisten. Das wird alleine dadurch deutlich, dass auf jegliche Nebenhandlungen (und somit auch alternative Perspektiven) verzichtet wird. In der Welt des Jokers werden seine Handlungen daher nachvollziehbar. Als am Ende des Films schließlich Thomas Wayne (der hier im Gegensatz zu The Dark Knight als korrupte Machtinstanz dargestellt wird, wie er auf der untersten Seite der Gesellschaft konsequenterweise wahrgenommen werden muss) von den Anhängern des Jokers ermordet wird, schließt der Film mit dem Statement, dass Gewalt Gegengewalt erzeugt. "Joker" ist somit nicht nur ein herrlicher Stinkefinger an das oberflächliche Superhelden-Hollywoodkino, sondern auch ein Aufruf dazu, sich auch mal von den gängigen Perspektiven zu lösen um die Handlungsmotive der "Feinde" zu hinterfragen.

Tobias Hinz · 16.11.2019

Ich weiß wirklich nicht was viele an diesem Film gut finden. Eine langweilige vorhersehbare Story,. Kurz vor dem Einschlafen wurde es interessant, aber da war der Film auch schon zu Ende. Eine gute schauspielerische Leistung machen noch keinen guten Film.
Fazit: Langweilig, nicht unterhaltsam!

Lana · 16.11.2019

Meiner Meinung nach, wird hier die Krankheit von Joker erklärt, wie er eben zum Joker wurde. Das Gesundheitswesen hat versagt, und ein Monster erschaffen. Er ist es leid, immer zu versagen, weil er anders ist als alle anderen. Nun hat er einen anderen Weg gefunden. Ich finde, dieser Film ist ein Kunstwerk. Aber es ist ein Film, und sollte nicht als Lebensvorbild gelten.

Wie kommt man dazu, es sei ein Horrorfilm?!

Woolfman · 15.11.2019

Eins vorweg,ich lasse mich immer total auf den Film ein den ich schaue.Und das mit Emphatie die alle Emotionen rauskitzelt.
Der Film sollte sicher auch nicht gruselig werden.
Was Phoenix da macht ist einfach einzigartig.Er ist sicherlich einer der besten Charekterdarsteller.Er schafft es immer wieder große Emotionen aus der dunkelsten Ecke zu holen.Man liebt ihn und man hasst ihn.
Und genau das zeichnet einen Schauspieler aus.Er nimmt einen vollständig ein und lässt einen sein Spiel nicht vergessen.
Ich persönlich kann diese "Heile Welt USA"Filme nicht mehr sehen und ich kann Kritiken die so Bedeutungsschwanger sind wie diese von Kino Zeit nicht verstehen.Keiner wird jetzt losgehen und Amok laufen weil er diesen Film gesehen hat.Leute die so etwas machen sind krank und nicht einfach festzumachen an einem Film.
Es ist ein Film und Phoenix macht es zu einem Kunstwerk.Aus Ende.

Elke · 18.11.2019

Was für ein Film... Ich kenne keinen einzigen Bat Man Film. Deshalb sehe ich alles als die Lebensgeschichte eines Mannes der von Kindheit an nie Glück hatte. Wenn Phoenix für diesen hervorragend gespielten Charakter keinen Oscar bekommt, dann weiß ich auch nicht...

Ich · 15.11.2019

Wenn es denn Joker jemals gegeben hätte, er wäre wohl im Erdboden versunken. Die Schauspielerische Leistung von Joaquin Phoenix ist genial aber die Handlung und das "aus den Flingern gesaugte" Drehbuch absolut lächerlich.
Wenn man die Geschichte vom Joker kennt und was daraus in vielen Filmen wurde, müsste jetzt alles neu nachgeschrieben werden.

Nono · 11.11.2019

Sry aber wir fanden den Film nicht gut ,nicht unterhaltsam, nicht spannend, hat nichts mit Horror zu tun. Hatten was ganz anderes erwartet. Hätte man sehr viel mehr draus machen können. Da war ,,ES'' 10x besser u gruseliger . Mehr als 2 Sterne gebe ich nicht für den Film!! Hat sich echt nicht gelohnt...

Claudia · 16.11.2019

Wer hat gesagt, dass es sich um einen Horrorfilm handelt? Mal wieder nichts verstanden. Kommt mir gleich der Film Eternal Sunshine of the spotless mind in den Sinn mir Jim Carrey, wo einer schrieb der Film war nicht gut, weil Jim Carrey ja gar nicht lustig war.

Romina Hesselbach · 17.11.2019

Also dem kann ich mich nur anschließen! Wir waren auch mehr als enttäuscht, das Geld hätte man sinnvoller ausgeben können 😞 einfach nur grottenschlecht und mega langweilig, im Kino sind sogar einige Leute eingeschlafen 🤷🏻‍♀️ Na klar soll der Film irgendwo aufzeigen, was die Gesellschaft aus Menschen machen kann (Joker wird zum Serienmörder) aber ganz ehrlich, da gibt es mit Abstand deutlich bessere Filme!!!!

gregor hans · 02.12.2019

Hi Nono!
Eine Meinung zu einem Film steht jeder und jedem zu, eine Bewertung aber nur indirekt.
Deine Wahrnehmung des Films bestimmt deine Meinung, doch die deckt sich nicht mit einer Bewertung - Du hast etwas anderes erwartet, also fandest du den Film nicht gut. Was kann der Film dafür, was du erwartet hast? Die richtige Erwartungshaltung zu entwickeln, das ist dein Job, weil niemand weiß, wie du die richtige bekommst, damit du den Film so siehst, wie er verstanden sein wollte.

Viele haben Grusel erwartet, andere Horror, andere einen weiteren Superheldenfilm, den man zu den anderen Filmen schmeißen kann, die dann wie ein Memory-Spiel sind, und auf allen Kärtchen ist dasselbe Motiv. Dieser Film war eine Sozialstudie. Das war aus der Vorab-Berichterstattung ersichtlich, auch aus dem Trailer.

Die richtige Erwartungshaltung entwickeln können, das will geübt sein. Nicht der Film muss es dir recht machen - du musst lernen, wie du den Film möglichst unverfälscht wahrnehmen kannst. Sonst siehst du nur dich selbst.
LG gh

leandra · 08.12.2019

Vielen Dank für ihren sprachlichen Ausdruck sie haben das auf dem Bildschirm gebracht was auf meiner Zunge lag
aber nicht in die Finger fließen wollte.

lg L

Heinz · 10.11.2019

Vielen Dank für die Rezension. Ich denke wir sollten dem Zuschauern schon noch die Unterscheidung zwischen Fiktion und Wirklichkeit zutrauen. In Zeiten der Verknappung von Tatsachen und dem Ruf nach einfachen Slogans wird es immer auch eine nicht unerhebliche Anzahl von Menschen geben die in der Lage sind zu differenzieren. Die Schauspielerische Leistung von Joaquin Phoenix finde ich jedenfalls absolut Oscarwürdig.

Olcay · 25.10.2019

Ich finde diese Kritik ist eine Fehlinterpretation. Hier wird nichts gefeiert, hier wird gesellschaftliches und politisches Versagen aufgezeigt und was das mit Menschen machen kann. Nach jeder Tragödie, jedem Anschlag werden Symptome und keine Ursachen bekämpft. Der Film sagt schmerzhaft: sehr genau hin!

Ernst · 24.10.2019

Sehr geehrte Frau Behn,
liebe (Mit-)Leser,
erst kürzlich habe ich den Film gesehen und war zunächst sprachlos und musste ihn -auf einer gewissen Ebene- zunächst verarbeiten und reflektieren. Nun, da ich meine Meinung gefunden habe, interessiere ich mich für Filmkritiken und beschäftige mich mit der Ansicht von Cineasten, welche mitunter mehr fachliches Know-How haben, da Sie in diesem Metier ihre berufliche Heimat gefunden haben. Daher vorab großen Respekt vor Ihnen und Ihrer erarbeiteten Kritik, welche argumentativ absolut nachvollziehbar und auch vertretbar ist.

Rein cineastisch empfinde ich diesen Film als einen der Besten, den ich jemals gesehen habe und wandelt auf Augenhöhe mit einem -mittlerweile hoch angesehenen- ,,Fight Club", den viele Stimmen heutzutage als ,,Meisterwerk" titulieren.
Die Geschichte ist schlüssig, Bild und Ton fesselnd und die schauspielerische Klasse von Joaquin Phoenix erledigt den Rest. Genau dies ist und sollte Grundlage einer Kritik sein (sofern man es eben so empfindet). Mit einer gesamtgesellschaftlichen Auswirkung beziehungsweise potentieller Gefahren tue ich mich hingegen schwer:
Das dieser Film einen Nährboden für porpagandistische Kräfte darstellen kann teile ich nicht.
Film ist Kunst und Kunst darf niemals Grenzen gesetzt werden, auch wenn sie unangenehme Realitäten (überzeichnet und eskalierend) abbildet. Meinung und Haltung kann nachweislich unterschwellig gesteuert werden, doch dieser Film tut dies nicht. Sollten Kräfte dieses Kunstwerk interpretieren und nutzen wollen, um Ihren Standpunkt zu untermauern, ist es -so traurig es ist- eine Option, welche ihnen nicht verboten werden kann. Aber ein Kunstwerk dahingehend zu kritisieren weil es ,,zu einem ungünstigen Zeitpunkt entsteht/existiert" ist nicht richtig.
Deswegen lässt sich hier umso mehr eine tolle Parallele zu ,,Fight Club" ziehen, welcher von vielen Kritikern seiner Zeit ähnlich argumentativ kritisiert wurde. Heute existiert die Welt noch - sie mag besser oder schlechter geworden sein, aber sie existiert.

Alles in allem finde ich Ihre Kritik wirklich gut und argumentativ nachvollziehbar, aber ich teile Ihre Auffassung, ob einer vermeintlichen ,,Gefahr" welche hiervon ausgeht, nicht.
Liebe Grüße

Batman · 25.10.2019

Lieber Ernst,
Liebe Mitleser und Mitleserinnen
Liebe Clowns und Clowninnnen

Ganz tolle, sprachlich solide und kohärente Kritik von Ihnen. Insbesondere gefällt mir auch der Vergleich mit Fight Club. Chapeau.

Allerdings möchte ich Ihnen im entscheidenden inhaltlichen Punkt widersprechen. Solch ein Film kann durchaus zu einem „Nährboden für porpagandistische Kräfte“ werden — tut er schon, wenn Sie genau auf das Rumoren in den Niederungen der Webkommentarsparten lauschen wollen. Kunst darf durchaus Grenzen gesetzt werden, dann nämlich, wenn z.B. menschen oder Gruppen von Menschen beleidigt oder in ihrer Würde verletzt werden. Oder eben, wenn durch Kunst Idioten zu idiotischen Taten motiviert werden. Sie sagen es ja, “Meinung und Haltung kann nachweislich unterschwellig gesteuert werden“. Der Film tut dies, selbst wenn er keine solche Absichten hat. Wir leben halt in einer populistischen Welt, in der zunehmend die Ästhetik des Populismus regiert und Menschen von dieser Ästhetik angezogen und fasziniert sind.

Der Filmfreund · 16.10.2019

Beatrice Behn vorzuwerfen, sie verfasse "Unfug" anstelle von informierter Filmkritik ist unangebracht, wie ich finde. Sie hat Ahnung von Film und besitzt die Integrität, nur über Material zu schreiben, das sie aus eigener Anschauung kennt. Diesen Eindruck hatte ich bisher immer, wenn ich eine ihrer Filmbesprechungen las; so auch in diesem Fall.
Wenn Frau Behn nun für sich die Frage stellt, "Was also ist es, das JOKER erzählt?" dann ist sie auch gut beraten zu versuchen ihre eigene Antwort darauf zu finden, anstatt diese (was sie ja nicht tut, wohlgemerkt) von anderen abzuschreiben (etwa von uninformierten Feuilletonisten).
Ich finde die Argumentation von Frau Behn tatsächlich nicht an den Haaren herbeigezogen. Ein Aspekt dieses komplexen Films liefert in der Tat scharfe Munition für "Scharfmacher"- ausgerechnet derjenige Aspekt, der diesen Film auch mit einer so heftigen emotionalen Wucht auflädt, dass ich mich ihr gar nicht entziehen konnte: Die Geschichte des Joker wird aus der Perspektive von Arthur Fleck erzählt. In diesem Zusammenhang sprach neulich ein (mir unbekannter) Kinobesucher seine Begleitung beim Verlassen des Kinosaals an: "Da hat der Joker recht. Diese Scheißwelt kriegt eben was diese Scheißwelt verdient! Logisch."
Ich bezweifle allerdings sehr stark, ob Filme reflexhaft diskreditiert werden müssen, weil sie das Potenzial in sich tragen, "hochproblematisch kontextualisiert und interpretiert" zu werden.
Ich für meinen Teil habe den JOKER fünf Mal gesehen und ich habe mindestens fünf teils ähnliche, teils unterschiedliche Antworten gefunden auf die Frage: "Was also ist es, das JOKER erzählt?" Nur eine Antwort habe ich aus dem Film partout NICHT gewinnen können: "Kill The Rich".

Batman · 16.10.2019

Schon klar finden sie 5 verschiedene antworten, dem arthur gehts ja auch miserabel (krank, mitellos, gedemütigt, geschlagen, ausgelacht, you tell me). Das problem an diesem film ist ja eben genau, dass das alles- und damit nichtssagende zur radikalisierung zu einem selbstbedienungsladen und sogar empowerment für potentialtäter werde kann. Jeder findet, was er will, wichtig ist nicht der versuch einer erklärung für die tat, sondern dessen radikale umsetzung.

What · 15.10.2019

Das ist mehr eine neu Interpretation, als eine Kritik. An keiner stelle im Film wird behauptet der Joker hätte das Recht zu töten. Der hier angestellte Vergleich von "oben und unten" zu Ausländern, die diskriminiert werden, spricht für sich. Außerdem wenn dieser Film so kritisiert wird. Warum hat er dann trotzdem eine Wertung von 3,7?

spongebob · 13.10.2019

Ein Film der nicht ganz in das augenscheinlich doch recht linksorientierte, dem Mainstream angepasste Weltbild von Frau Behn passt. Es gibt durchaus weiße Männer die eben kein >white privilege< erfahren oder den sozialen Schutzbereich von Gruppen genießen, die sich degenerierten Sexualvorlieben verschrieben haben. Das ist bittere Realität und der Film versucht hieraus auch keineswegs Rechtfertigungen für bestimmte Verhalten zu bestärken. Er zeigt viel mehr eine in unserer linken Gesellschaft oftmals tabuisierte und ungemütliche Kausalität auf, die manch einer nicht erkennt oder wahrnehmen will. In dieser Hinsicht ist Joker ein Meisterwerk, da er dieses Problem und die Konsequenzen hieraus jedem noch so voreingenommenen Zuschauer unverhohlen vor Augen führt. Joker ist große Kunst, die endlich wieder für die dringend notwendige Abwechslung im Kino sorgt.

Batman · 14.10.2019

Ach was sie nicht sagen... Der film ist eben genau populistisch und gefällt dem volk. Es gibt weisse männer die kein white privilege erfahren? - haha, natürlich, was haben denn sie für ansprüche? Welche kausalität? psychische krankheit + demütigung im leben führt zwangsläufig zu mord und totschlag? usw. Sie haben die kritik definitiv nicht verstanden. der film lebt von der anziehung von j phoenix und der gesamtästhetik (bild und ton) aber sicher nicht vom plot den es nicht gibt.

Blubb · 24.09.2019

Was für ein Unfug diese Kritik!
Ich darf daran erinnern das ein Film ein Film ist, ein Gesamtkunstwerk,
was eben mal mehr mal weniger gelingt. Aber hier wird ja nicht mal auf den Film direkt
eingegangen sondern nur dessen "angebliche" Intention, die völlig an den Haaren herbeigezogen ist. Am besten man verbietet sämtliche Videospiele, Comics und Filme damit in der Zukunft nichts schreckliches mehr passiert. Der Film will doch wohl etwas anstoßen, aber darauf kommen eben manche nicht. Ich weiß nicht aus welcher Weltansicht diese Kritik verfasst ist, aber so oder so ähnlich ist nun mal die sogenannte "Realität". Es soll immer auf "happy" gemacht werden, alles muss stimmig und perfekt sein. Bloß nicht krank werden, dass darf man heute nicht mehr. Und die Welt retten, geht gar nicht. Das versucht der Protagonist aber doch verzweifelt anfangs. Aber so scheint es mir eher, will sie sich nicht mehr retten lassen.

Lasse · 07.10.2019

Gleiche Meinung. Diesen Film als problematisch darzustellen ist komplett daran vorbei gedacht dass es mehr um psychische Krankheiten geht und nicht um Incels oder Betas...

Batman · 13.10.2019

Sehr solide, gut begründete Kritik, die auch bewunderung und lob übrig hat.. Ihr kommentar, herr blubb, bestätigt nur die befürchtungen, die kritische zeitgenossen heute haben.

Kommentare

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