Tengri - Das Blau des Himmels

Tengri - Das Blau des Himmels

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Eine kirgisische Liebesgeschichte

Als "schönste Liebesgeschichte der Welt" bezeichnete Louis Aragon die 1958 erschienene Novelle Dshamilja des kirgisischen Autors Tschingis Torekulowitsch Aitmatow, der im vergangenen Jahr verstarb. Und noch heute kann man dieses Lob aus berufenem Munde auf dem Umschlag des Buches lesen. Über Geschmack und Superlative wie diese lässt sich trefflich streiten. Und mit Sicherheit hat Marie Joul de Ponchevilles Film Tengri – Das Blau des Himmels nach Motiven des Buchs von Aitmatov starke Momente und berührt vor allem durch die grandiosen Landschaftsaufnahmen der unendlichen Weiten Kirgisiens. Umso bedauerlicher ist es, dass die Liebesgeschichte, die vor diesem herrlichen Hintergrund spielt, nur selten zu packen versteht.
Vieles hat Temür (Ilimbek Kalmouratov) schon versucht: Er war Fischer auf dem Aralsee und Bergwerksarbeiter, er arbeitete als Schmuggler und versuchte sogar nach Europa zu gelangen, von wo er aber prompt wieder abgeschoben wurde. So bleibt dem ernüchterten Mann nichts weiter als die Rückkehr in das Heimatdorf seines Vaters im zentralasiatischen Kirgisien. Dort allerdings erwarten ihn einige Überraschungen: Sein Vater, so erfährt er, ist schon vor einigen Jahren gestorben, der letzte Strohhalm seiner nomadischen Existenz ist dahin. Trotzdem bliebt Temür, dem keine andere Zuflucht mehr geblieben ist. Und trifft in dem Dorf die achtzehnjährige Amira (Albina Imasheva), deren Mann (Busurman Odurakaev) als Mudschaheddin im Nachbarland Afghanistan kämpft. Fast zwangsläufig kommen sich die beiden Verzweifelten näher und verlieben sich ineinander. Doch eine Verbindung wie die Ihre hat in der Enge und Rückständigkeit des Dorflebens mit seinen jahrhundertealten Regeln und Gebräuchen keine Zukunft. Weswegen die beiden Liebenden beschließen, sich einen anderen Ort zu suchen, an dem ihre Liebe möglich ist. Doch Amiras Ehemann macht sich mit einigen Helfern auf die Fersen des Paares...

Die Landschaft Kirgisiens, die aus Filzzelten bestehenden Dörfer, die seltsamen Rituale und merkwürdigen Gesänge der einfachen Leute und das Zusammenleben nach archaischen Rollen, in denen die Frauen nichts zu sagen haben: Tengri – Das Blau des Himmels lebt vor allem von den erlesenen Kamerabildern und Geräuschen und könnte über weite Strecken ebenso gut ein Dokumentarfilm über das beschwerliche Leben in diesem zentralasiatischen Land sein. Und vielleicht wäre dies tatsächlich die bessere Wahl gewesen. Denn die Liebesgeschichte zwischen Temür und Amira bleibt trotz zweier bemerkenswerter Hauptdarsteller weitgehend frei von nachvollziehbaren Emotionen, geschweige denn von der Leidenschaft, die Aitmatovs Buch auszeichnet.

Was möglicherweise auch daran liegt, dass sich der Film trotz nur sehr spärlicher Informationen über Temürs Vergangenheit unglaublich viel Zeit lässt, bis die beiden Liebenden endlich zueinander finden. Und als es dann soweit ist, gerät Tengri – Das Blau des Himmels beinahe zu einem "Road Movie" (wenngleich in den Steppen Kirgisiens Straßen eine absolute Ausnahme sind), in dessen Verlauf die behauptete, aber niemals wirklich sichtbare Liebe von Amira und Tengür mehr und mehr in den Hintergrund gerät – sie ist nicht sehr viel mehr als ein manchmal beinahe störendes Beiwerk vor einer atemberaubend schönen Landschaft. Fans von Aitmatovs Dshamilja dürften jedenfalls von diesem Film eher enttäuscht sein. Der Zauber Kirgisiens ist ohne Zweifel vorhanden; die Magie der Liebesgeschichte sucht man hingegen vergebens.

Tengri - Das Blau des Himmels

Als "schönste Liebesgeschichte der Welt" bezeichnete Louis Aragon die 1958 erschienene Novelle Dshamilja des kirgisischen Autors Tschingis Torekulowitsch Aitmatow, der im vergangenen Jahr verstarb. Und noch heute kann man dieses Lob aus berufenem Munde auf dem Umschlag des Buches lesen. Über Geschmack und Superlative wie diese lässt sich trefflich streiten.
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