Submarino

Submarino

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Es bleibt in der Familie

Zwei Brüder, deren Wege auseinander gingen und die sich nun wieder kreuzen: Das ist der Stoff, aus dem Thomas Vinterbergs neuer Film Submarino gestrickt ist. Und es scheint so, als habe Vinterberg mit seiner neuerlichen Analyse einer dysfunktionalen Familie (nach Das Fest) wieder zu seinem eigentlichen Thema zurückgefunden. Denn obwohl sich Submarino nicht den Prinzipien von DOGMA 95 unterwirft, erreicht er eine ähnliche Wucht und Relevanz wie Vinterbergs Erstling, der ihn einst berühmt machte.
Nick (Jacob Cedergren) und sein jüngerer Bruder (Peter Plaugborg) haben eine schwere Kindheit hinter sich – die Mutter war eine Hardcore-Alkoholikerin, so dass die beiden Jungen ihr kleines Brüderchen versorgen mussten, bis es eines Morgens tot im Bettchen lag. Sehr viel mehr wissen wir zunächst nicht. Doch man ahnt schnell, dass dies seine Spuren hinterlassen hat, auch heute noch, viele Jahre danach. Nick ist gerade aus dem Knast entlassen worden, er ist zu einem Klotz von Kerl geworden, der wie ein Besessener seinen Körper stählt, Unmengen von Bier trinkt und sich gelegentlich von seiner Nachbarin einen Blowjob verpassen lässt. Ansonsten ist er unfähig zu jeder Form von Bindung und Beziehung und spürbar darauf bedacht, sich gegen die Welt zu wappnen. Als seine Mutter stirbt, begegnet er zum ersten Mal seit langer Zeit wieder seinem jüngeren Bruder, der zumindest auf den ersten Blick den Absprung in ein besseres, geordneteres Leben geschafft hat. Doch der Schein trügt. Zwar hat Nicks Bruder einen sechs Jahre alten Jungen namens Martin, um den er sich liebevoll kümmert. Doch sein Leben wird neben der Sorge um seinen kleinen Sohn vor allem von seiner Drogensucht bestimmt. Obwohl die beiden Brüder in der gleichen Gegend leben, kreuzen sich ihre Wege nur selten. Und als sie sich schließlich beide im Gefängnis wieder finden, ist es zu spät für eine Aussprache und eine Aufarbeitung ihrer verheerenden Vergangenheit…

Es ist eine kaputte Welt, die Thomas Vinterberg in seinem neuen Film schildert. Suff, Verwahrlosung, Gewaltphantasien, Drogensucht und sexuelle Übergriffe jedweder Art, tote Babies und in den eigenen körperlichen Ausscheidungen liegende Mütter – kaum etwas bleibt einem erspart und es ist eigentlich zum Heulen, wie viel Elend sich in einer einzigen Familie ereignen kann. Dennoch wirkt das Ganze nie übertrieben oder voyeuristisch, sondern ist bei aller Härte und vor allem emotionaler Brutalität immer auch zärtlich, mitfühlend und voller berührender Momente.

Misslungen ist an diesem Film kaum etwas – im Gegenteil. Angefangen von zwei wunderbaren Hauptdarstellern und zwei ebenfalls bestens agierenden Kindern, die am Anfang und am Ende des Films zu sehen sind, über ein klug verschränkendes Drehbuch, das beinahe alle Klischees zielsicher umschifft bis hin zu einer beeindruckenden Bildgestaltung macht Vinterberg fast alles richtig und erreicht mit seinem Film vor allem die Herzen der Zuschauer. Und obwohl das Thema schwer und düster ist, findet er dennoch die Möglichkeit, auf seine eigene Weise Humor in sein Porträt zweier Bruder aus zerrütteten Verhältnissen einzustreuen, so dass man zumindest an zwei Stellen wirklich befreit lachen konnte, um im nächsten Moment festzustellen, dass diese groben Scherze durchaus dazu angetan waren, das Lachen im Halse steckenbleiben zu lassen.

Doch wenn man unbedingt nach dem Haar in der Suppe dieses verstörenden Dramas suchen will, dann sei hier auf die unnötige Auflösung einer offenen Frage vom Anfang des Films verwiesen, die stärker gewirkt hätte, wenn sie eben nicht am Ende auserzählt worden wäre. Ein kleiner Hinweis: Es geht um die „Taufe“ des kleinen Bruders unter dem Laken. Gerade angesichts der vielen Lücken und blinden Flecken in der Story, die der Film aber stets geschickt zu seinem Vorteil einzusetzen weiß, wirkt diese Auflösung eines kleinen familiären Geheimnisses seltsam deplatziert und vor allem überflüssig. Man hätte es sich nämlich so denken können. Sehr viel mehr lässt sich aber an diesem sehr gelungenen Film auch nicht aussetzen. Auch wenn man sich danach ein wenig wie durch den Fleischwolf gedreht fühlt. Vielleicht aber, diese Hoffnung lässt der Film zumindest für einen kurzen Moment aufkeimen, gibt es ja zumindest für zwei der Figuren die Chance, doch noch etwas aus ihrem Leben zu machen – mögen die Begleitumstände auch derart ungünstig sein.

Submarino

Zwei Brüder, deren Wege auseinander gingen und die sich nun wieder kreuzen: Das ist der Stoff, aus dem Thomas Vinterbergs neuer Film Submarino gestrickt ist. Und es scheint so, als habe Vinterberg mit seiner neuerlichen Analyse einer dysfunktionalen Familie (nach „Das Fest“) wieder zu seinem eigentlichen Thema zurückgefunden.
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