Stille Seelen

Stille Seelen

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Eine Reise auf dem Fluss der Erinnerung

Nach dem Tod seiner Frau Tanja (Yuliya Aug) möchte Miron (Yuriy Tsurilo) nicht allein sein. Er bittet seinen Freund Aist (Igor Sergeyev), die Tote mit ihm nach altem Ritual zu bestatten. Die Männer verlassen mit dem Leichnam im Auto die russische Stadt Neja. Sie wollen zu einem bestimmten Ort am Wasser in der Nähe der Stadt, in der das Paar seine Flitterwochen verbrachte. Unterwegs erzählt Miron seinem Freund Details aus seinem Liebesleben mit Tanja, wie es Brauch bei den Merja ist. Aist informiert in seiner Funktion als Ich-Erzähler des Films über dieses finno-ugrische Volk, das vor vielen Jahrhunderten hier siedelte. Miron und er stammen von den Merja ab, hängen noch vage an einigen alten Bräuchen und Namen. Aber wie das trübe Novemberwetter die Gedanken an glückliche Sommertage, die nicht wiederkehren, heraufbeschwört, taumeln auch Aist und Miron auf ihrer Reise zwischen Schmerz und dem Bedürfnis nach Trost.
Die Fahrt führt in den Grenzbereich zwischen an sich unvereinbaren Dualitäten wie Leben und Tod, Gegenwart und Vergangenheit, Wirklichkeit und Traum. Wenn Aist in Voice-Over von den Ritualen der Merja-Vorfahren erzählt oder von seinem Vater, wenn dieser in einer Rückblende seine Schreibmaschine im Fluss versenkt, wirkt vieles sonderbar und zweifelhaft. Der russische Regisseur Aleksei Fedorchenko verwendet die weite, einsame Landschaft als Spielwiese für den Ausflug der Protagonisten in ihre Gefühlswelten. Das noch nicht vom Wind herabgewehte Laub auf den Bäumen am Flussufer, die vertrockneten Gräser leuchten in dem gleichen verwegenen Flammenton wie das rotblonde Haar Tanjas oder des jugendlichen Aist.

Die einzelnen Stationen der Geschichte fügen sich in der Art eines Puzzles zu einem lange ungewissen, aber atmosphärisch dichten Gesamtbild. Dabei geben sie ihre möglichen Zusammenhänge erst allmählich preis, ähnlich wie die introvertierte Fahrt in Nuri Bilge Ceylans Once Upon a Time in Anatolia. Am Anfang sieht man Aist auf dem Rad mit einem Vogelkäfig durch den verregneten Tannenwald fahren. Er hat auf dem Markt zum ersten Mal im Leben zwei Spatzen gesehen und sie gekauft. Dass die Art offenbar vom Aussterben bedroht ist, hängt wohl mit dem Verlust der Heimat zusammen, wie ihn Aist schildert.

Die Spatzen bekommen am Ende kurz eine führende Rolle. Aber auch die körperliche Liebe, das Wasser der Flüsse, die Todessehnsucht, vage Andeutungen über eine Dreiecksgeschichte ziehen sich als weitere rote Fäden durch das Roadmovie. Rückblenden, die auch Fantasien sein könnten, zeigen die junge Frau als Lustobjekt für den viel älteren Miron. Die sexuell recht expliziten Bilder und Worte entfalten eine betörende Intensität, geraten in flammenden Kontrast zur wortkargen, seltsamen Haltlosigkeit der beiden Männer unterwegs. Auch der wehklagende, eintönige Gesang oder die zwischendurch aufdrehende archaische Instrumentalmusik drücken sowohl Innigkeit, als auch Trauer und Verlassenheit aus.

Auf den Filmfestspielen von Venedig bekam Silent Souls 2010 neben dem Preis der internationalen Filmkritik auch den Kamerapreis. Die Bilder von Mikhail Krichman sind mehrdeutig und offen wie ein Gedicht. Die Kamera späht während der Fahrt durch die Windschutzscheibe auf die holprige Straße mit den blauen Holzhütten oder durch das Seitenfenster hinein auf die Gesichter der Männer, die das Gestern und vielleicht auch das Lebensglück hinter sich lassen. Ruhige Einstellungen auf ein Gesicht, eine Stelle am Wasser lassen Wahrnehmungen und Erinnerungen zu emotionalen Standbildern gerinnen. Dieser lyrische Film über die Sehnsucht des Menschen nach Verankerung berührt, verführt zum Träumen, verstört mit seiner Nähe zum Abgrund.

Nun scheint es der Film in Deutschland unter dem Titel Stille Seelen in die deutschen Kinos zu schaffen, ein genauer Termin steht bislang noch nicht fest.

Stille Seelen

Nach dem Tod seiner Frau Tanja (Yuliya Aug) möchte Miron (Yuriy Tsurilo) nicht allein sein. Er bittet seinen Freund Aist (Igor Sergeyev), die Tote mit ihm nach altem Ritual zu bestatten. Die Männer verlassen mit dem Leichnam im Auto die russische Stadt Neja. Sie wollen zu einem bestimmten Ort am Wasser in der Nähe der Stadt, in der das Paar seine Flitterwochen verbrachte.
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