Sehnsucht (Luchino Visconti Edition)

Sehnsucht (Luchino Visconti Edition)

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Contessa Livia und der österreichische Offizier

Anlässlich einer Opernvorführung von Giuseppe Verdis Der Troubadour / Il trovatore in Venedig kurz vor dem dritten italienischen Unabhängigkeitskriegs im Jahre 1866 nutzen die lokalen Rebellen die kulturelle Veranstaltung, um gegen die österreichischen Besatzer zu demonstrieren. In Anwesenheit zahlreicher feindlicher Offiziere erschallen „Es-lebe-Italien“-Rufe der Nationalisten und es regnet grün-weiß-rote Fetzen auf das Publikum nieder. In dem erregten Tumult gerät der engagierte Marquis Roberto Ussoni (Massimo Girotti) mit dem österreichischen Offizier Franz Mahler (Farley Granger) aneinander, und ein Duell wird anberaumt. Seine Cousine Livia (Alida Valli), die eine kräftig unterkühlte Ehe mit dem Conte Serpieri (Heinz Moog) unterhält, der die Rebellen ganz im Gegensatz zu seiner Gattin verurteilt, will diese Eskalation um jeden Preis verhindern, und so lässt sich die gleichermaßen gerissene wie reizvolle Dame mit dem feschen Offizier bekannt machen, um ihren Einfluss in die Waagschale für Roberto Ussoni zu werfen. Doch dieser wird ohnehin verhaftet und in die Verbannung geschickt, wobei er Livia später nach seiner Rückkehr noch die großzügigen Spendenressourcen der Rebellen anvertraut.

Nach einem derart dynamischen Auftakt in prächtigem, opulentem Szenario, der die wichtigsten Figuren der romantischen Tragödie Sehnsucht von Luchino Visconti aus dem Jahre 1954 mit ihren markanten Charakteren einführt, fokussiert sich der Film auf die Gefühlswelten der schönen Livia, die auch als leidenschaftliche Erzählerin der Geschichte nach dem Roman Das geheime Tagebuch der Contessa Livia / Senso von Camillo Boito fungiert. Die Begegnung mit dem Offizier Franz Mahler, die sich zu einer schicksalshaften Affäre vor dem sozial-politischen historischen Hintergrund auswächst, katapultiert die parkettsichere, doch emotional offensichtlich unterversorgte Contessa in einen dauerhaften Zustand der verzückten Verliebtheit, obwohl sie anfangs vor einer näheren Bekanntschaft mit einem Repräsentanten der Besatzungsmacht zurückschreckt. Franz Mahler seinerseits mit seiner aalglatten, nichtsdestotrotz einnehmenden Persönlichkeit geht die Verführung der attraktiven Italienerin von Rang und Namen so sportlich wie spielerisch an, und seine Strategie der teils ergebenen, teils gleichgültig erscheinenden Verlockung fruchtet bei Livia bis hin zur Aufgabe all ihrer bisherigen Werte für den Geliebten, bis hin zur offenen Konfrontation mit ihrem gehörnten Gatten und bis hin zum Verrat an ihrem Cousin Roberto Ussoni sowie den Rebellen, indem sie deren finanzielle Rücklagen dem berechnenden Franz Mahler aushändigt.

Sehnsucht, der auf ästhetisch ansprechende Weise an Originalschauplätzen gedreht wurde, feierte seine Premiere im Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig, erhielt dort jedoch trotz des großen thematischen Bezugs des Stoffes zum Austragungsort keine Auszeichnung. Nachdem Livia alle angenehmen bis quälenden Stadien einer unbedingten Passion von der Verblendung über die Idealisierung bis hin zur demütigenden Demaskierung ihres Angebeteten durchlebt hat, rettet sie auch die finale, von Rachegelüsten durchtränkte Klarsicht nicht mehr, und das Ende dieser großartig inszenierten, sentimentalen Liebesgeschichte ist von einer Fallhöhe geprägt, die annähernd eine Tragik transportiert, wie sie in klassischen Dramen zu finden ist. Doch Regisseur Luchino Visconti versteht es auf gleichermaßen sensible wie ironische Art, die persönlichen Entscheidungen und Verantwortungen seiner Heldin hervorzuheben, die in ihrer bedürftigen Zerrissenheit allenfalls das Mitleid derjenigen erntet, die für die Möglichkeit einer großen Liebe und schließlich einer augenscheinlich gerechten Vergeltung zu allem bereit sind.

(Der Film erscheint im Rahmen der 7 DVDs umfassenden Luchino Visconti Edition)
 

Sehnsucht (Luchino Visconti Edition)

Anlässlich einer Opernvorführung von Giuseppe Verdis „Der Troubadour“ / „Il trovatore“ in Venedig kurz vor dem dritten italienischen Unabhängigkeitskriegs im Jahre 1866 nutzen die lokalen Rebellen die kulturelle Veranstaltung, um gegen die österreichischen Besatzer zu demonstrieren. In Anwesenheit zahlreicher feindlicher Offiziere erschallen „Es-lebe-Italien“-Rufe der Nationalisten und es regnet grün-weiß-rote Fetzen auf das Publikum nieder.

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