Romantic Comedy (2019)

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In ihrem Essayfilm nimmt sich Elizabeth Sankey das Genre der romantischen Komödie vor. Aber „Romantic Comedy“ liefert statt Analysen nur alte Erkenntnisse, oberflächliche Beobachtungen und jede Menge anderer Ärgernisse.

Romantic Comedy (2019)

Eine Filmkritik von Katrin Doerksen

Romantische Tragödie

Romantische Komödien sind ein heteronormatives Genre, sie zeigen in der überwältigenden Mehrheit weiße, dem aktuellen Schönheitsideal entsprechende Figuren aus der Mittelklasse und präsentieren nicht selten ausgesprochen fragwürdige Beziehungen und Methoden des Werbens als erstrebenswert. Wer in den vergangenen dreißig Jahren mehr als drei Filme des Genres gesehen hat, wird das aller Wahrscheinlichkeit nach spätestens erkannt haben, nachdem sich Sandra Bullocks Figur 1995 in „Während du schliefst“ als vermeintliche Verlobte in die Familie eines Komapatienten einschmuggelte, um schließlich dessen Bruder zu heiraten.

In ihrem Essayfilm Romantic Comedy nimmt sich Elizabeth Sankey das Genre zunächst aus einer persönlichen Perspektive heraus vor. Als Teenager sei sie wie besessen von romantischen Komödien gewesen, die ihre Vorstellungen von Liebe und Beziehungen klar beeinflusst hätten. Später seien ihr die Unzulänglichkeiten des Genres klar geworden. An dieser Stelle beginnt der analytische Anteil des Films – und damit alles, was an ihm so furchtbar problematisch ist. Man ist zunächst geneigt, Sankey Respekt für ihren Rechercheaufwand zu zollen: der Abspann führt am Ende eine beeindruckende Liste von Filmen vor Augen, die ausschnittweise in Romantic Comedy vorkommen, begleitet von den Wortmeldungen der Regisseurin und anderer namentlich nicht genannter Experten aus dem Off. Aber die Probleme beginnen schon bei ihrem sehr verknappten historischen Abriss. Nach den Screwballkomödien der 1930er Jahre mit ihren oftmals gewitzten Karrierefrauen im Zentrum habe der Zweite Weltkrieg den starken Frauenfiguren im Film ein Ende bereitet, erklärt Sankey, und lässt dabei völlig außer Acht, dass Frauen gerade während der Kriegsjahre wegen der Abwesenheit der Männer sowohl vor als auch hinter der Kamera eine besonders wichtige Rolle spielten.

Was den Zuschauern im Anschluss als Analyse romantischer Komödien ab den 1980er Jahren verkauft werden soll, entpuppt sich stattdessen als schlichte Nacherzählung von Plotpoints und Aufzählung von Fällen, in denen die Filme Diversität vermissen lassen. Die denkbar schlichteste Art der Auseinandersetzung mit Film, die in diesem Fall auch noch stets an der Oberfläche bleibt, die Kontexte der Entstehungszeit und Produktionsbedingungen völlig außer Acht lässt und, noch ärgerlicher, die Arbeit von Wissenschaftlern und Kritikern der vorherigen Jahrzehnte mit ihren Kommentaren in der ersten Person – am liebsten beginnt sie ihre Sätze mit: „I recently discovered …“ – als eigene Erkenntnis verkauft. Elizabeth Sankey schafft es, über die problematischen Frauenfiguren in Filmen wie Garden State und 500 Days of Summer zu sprechen, ohne auch nur ein einziges Mal den Begriff des Manic Pixie Dream Girl und die entsprechende Debatte zu erwähnen. Sie verurteilt Filme für moralisch fragwürdige Taten der Figuren in einzelnen Szenen unter Maßstäben, die man bei real existierenden Menschen aus Fleisch und Blut ansetzen müsste, nicht bei fiktionalen Konstrukten. Als wäre es das grundsätzliche Problem, das Filme überhaupt ambivalente Figuren und Taten zeigen, und nicht, wie sie sie inszenieren. Sie zählt sämtliche Liebesfilme jüngeren Datums, die von der Kritik positiv beachtet wurden, als Indizien für eine längst überfällige Wende auf und offenbart dabei Unschärfen in ihrer eigenen Genredefinition, nur um in ihrem Film zu einem versöhnlichen Ende zu kommen und damit die typische Dramaturgie von RomComs mit ihrem Happy Ending zu reproduzieren. Als wäre das Kino nicht per se von Hochs und Tiefs geprägt.

Fehlendes Geschichtsbewusstsein und mangelnde theoretische Kenntnisse sind eine Falle, der die zeitgenössische feministische Auseinandersetzung mit Film leider häufig nicht auszuweichen vermag. Und das ist keine grundsätzliche Kritik daran, sich dem Kino aus einer persönlichen Perspektive oder unter Repräsentationsfragen berücksichtigenden Standpunkten zu nähern, ganz im Gegenteil. Aber gerade in Zeiten tobender Kulturkämpfe sollte man sich nicht unnötig angreifbar machen, zumal bei einem grundsätzlich so relevanten Thema. Und was ist weniger angreifbar als ein sich als aufklärerisch verkaufender Film, der, wenn es um Produktionsbedingungen geht, nicht mehr aufbieten kann als einen ungenannten „Experten“, der dazu nicht mehr sagen kann als: „I’ve worked in the film industry and it’s all about money.“ Oh, really? Eine Regisseurin, die erklärt, es gäbe in romantischen Komödien faktisch keine lesbischen- und Transfiguren, nur um kurz vor Schluss damit herauszurücken, dass sie diese durchaus existenten Filme nur bis zum Zeitpunkt tiefergehender Recherchen nicht gesehen habe?

„We like the films despite their flaws — why?“ fragt Elizabeth Sankey an einer Stelle. Als wäre ein Film nicht mehr als seine Geschichte. Als könnten wir einen Film nur genießen, wenn wir uns darin eins zu eins wiederfinden, als könnten wir nicht abstrahieren. Sie mag es gut meinen, aber mit den Implikationen ihrer Fragen und Unterstellungen reproduziert sie lediglich die Klischees, die dafür sorgen, dass das weibliche Kinopublikum nach wie vor unterschätzt wird. Wenn Romantic Comedy also eins demonstriert, dann die Schädlichkeit reiner Symbolpolitik.

Romantic Comedy (2019)

Als Teenager war die Filmemacherin Elizabeth Sankey geradezu besessen von den typischen romantischen Komödie, wie Hollywood sie produzierte. Heute ist sie davon überzeugt, dass diese einen schlechten Einfluss auf sie hatten, weil das Genre in tiefsten Inneren stockkonservativ ist. In ihrem Film geht sie dem nun auf den Grund.

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