Lords of Chaos (2018)

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"Lords of Chaos" ist ein Film über Egos, Musik und brennende Kirchen. Und ab hier wird es kompliziert.

Lords of Chaos (2018)

Eine Filmkritik von Lucia Wiedergrün

Die Posen des Bösen

Schnell und unsentimental erzählt "Lords of Chaos" von Jonas Åkerlund die Geschichte von Mayhem und Burzum, jenen norwegischen Black-Metal-Bands, die in den 1990er Jahren auch über die Musikszene hinaus durch die Anstiftung zu Kirchenniederbrennungen und zum Mord einige Berühmtheit erlangten. Åkerlunds langjährige Erfahrung als Regisseur von Musikvideos und Konzertfilmen sowie die intensive, über Jahre andauernde persönliche Beschäftigung mit der Metal-Szene sind "Lords of Chaos" deutlich anzumerken. Doch möglicherweise liegt genau darin ein Problem.

Lords of Chaos ist ein spannender Film, der von seinem guten Timing profitiert. Der Cast, allen voran Rory Culkin als Øystein Aarseth alias Euronymous, Leadsänger von Mayhem, führt in jeder Einstellung eindrücklich die jugendlichen Machtkämpfe der Protagonisten vor Augen. Es handelt sich um Teenager, die in einen wahnsinnigen Wettkampf der Eitelkeiten treten. Die Konfrontationslienie verläuft dabei insbesondere zwischen Euronymous und seinem einstigen Protegé Varg Vikernes, Sänger von Burzum, dessen inkoheräntes aber deutlich menschenverachtend-xenophobes Weltbild der Film ebenfalls als Ausdruck eines jugendlichen Schreis nach Aufmerksamkeit inszeniert. Auch die in der Folge begangenen
Gewaltakte, die im Falle Vikernes‘ von Brandstiftung bis Mord reichen, reiht der Film in diese Logik ein. An dieser Stelle bezieht Lords of Chaos sehr deutlich Position. Immer wieder stellt er die Handlungen der jungen Männer, ihr Bestreben, sich allen gesellschaftlichen Normen – Menschlichkeit und Empathie eingeschlossen – zu widersetzen, als allzu banales, menschliches Streben nach Anerkennung und Gruppenakzeptanz aus. Der Film schafft es, auch aus dieser Überbietungslogik durchaus Pointen zu generieren und sich damit auf der Schwelle zwischen Tragik und Komik zu bewegen. Dabei hinterlässt er allerdings einen bitteren Nachgeschmack: denn der Grad, auf dem aus der Erklärung eine Entschuldigung wird, ist schmal.

In der Version der Geschichte, die Åkerlunds Film erzählt, geht es um eine Gruppe Jungs, die sich in einem ungesunden Netz aus persönlichen Beziehungen und den Kampf um Anerkennung verstricken. Die Gewaltakte stellen dabei vor allem Mittel zum Zweck dar. Das nimmt zwar das Pathos aus der Geschichte, räumt den Opfern der Gewalt aber kaum Platz
ein. Dies wird besonders deutlich in der Gegenüberstellung der zwei Mordszenen des Films. Während die erste die Ermordung eines Mannes zeigt, dessen Homosexualität vom Film so überdeutlich in Szene gesetzt wird, dass man homophobe Untertöne deutlich aus der Szene herauslesen kann, bleibt sie dem schnellen, kalten Rhythmus des Films treu. Der Mord am Protagonisten des Films bringt hingegen eine Emotionalität mit sich, die dem Film bis dahin völlig fremd war. Was damit entsteht, ist eine Hierarchisierung der Gewalt, die das hermetisch geschlossene, egozentrische Weltbild reproduziert, welches der Film bis dahin gerade dezidiert problematisiert hatte.

Indem der Film Gewalt als sinnentleerten Schrei nach Anerkennung in einer Spirale jugendlichen Imponiergehabes inszeniert, übt er in seinem Referenzrahmen die größtmögliche Form der Kritik – er überführt das Satanische ins Profane. Doch bleibt der Film den Menschen, die er porträtiert, sehr nah und schaut mit viel Zuneigung auf deren Geschichten. Gerade vor dem Hintergrund der rechtsradikalen Äußerungen und Taten Varg Vikernes‘ ist das aber irritierend. Man kann Lords of Chaos damit als tragisch-komisches Biopic sehen, dass ein Stück Musikgeschichte erzählt. Man kann sich aber auch fragen, ob man wirklich Figuren wie Varg Virkensen ein Denkmal setzen kann – sei es auch ein kritisches.

Lords of Chaos (2018)

Basierend auf wahren Ereignissen und dem gleichnamigen Buch von Michael Moynihan und Didrik Søderlind beschäftigt sich "Lords of Chaos" mit den Anfängen der norwegischen Black Metal Szene und  schildert die Konkurrenz der beiden Musiker Varg Vikernes und Øystein Aarseth, besser bekannt als Euronymous - eine Rivalität, die schließlich tödlich endete.

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