Let My People Go!

Let My People Go!

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Ein Passahfest mit Schwulen und Nichtjuden

Der Franzose Ruben (Nicolas Maury) lebt an der Seite seines Lebensgefährten Teemu (Jarkko Niemi) glücklich und zufrieden in einem finnischen Dorf. Jeden Morgen schlüpft er in seine Postbotenuniform und schwingt sich auf sein Rad, um die Briefe auszutragen. Doch dann verweigert ein alter Mann die Annahme eines Einschreibens und Ruben will es nicht wieder zurücknehmen. Es kommt zur Rangelei und der Mann bleibt wie leblos liegen. Ruben fährt mit dem Einschreiben davon. Zuhause stellt er fest, dass sich in dem Kuvert 199.980 Euro befinden. Zur Polizei will er nicht gehen, wie Teemu es verlangt, denn sicher werde man ihn des Mordes bezichtigen. Teemu wirft Ruben hinaus. Mit gebrochenem Herzen fliegt dieser nach Paris, zu seinen Eltern.
Dass sein Gepäck am Flughafen verloren geht, betrübt Ruben nicht weiter. Aber im Kreise seiner jüdischen Familie, die sich auf das Passahfest vorbereitet, fühlt er sich hoffnungslos eingeengt und bevormundet. Seine Mutter (Carmen Maura) hört nicht auf, ihn an die Frau bringen zu wollen, schon um „den Fortbestand des Volkes Israel zu sichern“. Sein Vater (Jean-François Stévenin) will, dass er seine langjährige Geliebte kennen lernt, sein aggressiver Bruder Samuel (Clément Sibony) hält ihn für einen Versager und Schwester Irène (Amira Casar), die wie alle anderen im Familienbetrieb, einer chemischen Reinigung, arbeitet, will sich von ihrem Goi-Ehemann Hervé (Charlie Dupont) scheiden lassen. Hervé ist sowieso schon seit Jahren von den Festen der Familie ausgeschlossen, weil er sich mit provokanten und verachtenden Bemerkungen über Israel unmöglich gemacht hat. Und dann wird Ruben auch noch vom alten Rechtsanwalt Maurice Goldberg (Jean-Luc Bideau), einem Vorzeigemitglied der Gemeinde, sexuell bedrängt. Was er nicht weiß: Im fernen Finnland sehnt sich Teemu Tag und Nacht nach ihm.

Das Spielfilmdebüt des französischen Regisseurs Mikael Buch ist eine charmante, quirlige Komödie, die Schwulen- und Judenklischees auf spaßige Weise kombiniert. Ruben mit seiner hohen Stimme und der manierierten Gestik ist nicht gerade der Vorzeigesohn seiner jüdischen Familie, in der die Mama das Sagen hat. Der Zusammenhalt der Familie ist nach ihrem Verständnis schon seit dem Auszug aus Ägypten eine besondere jüdische Pflicht. Der doppeldeutige Filmtitel verweist einerseits auf Moses und die Befreiung der Juden aus der Knechtschaft, an die das Passahfest erinnert. Andererseits aber spricht er Ruben aus der Seele, der seiner Mutter einmal an den Kopf wirft, er suche sich gerade deswegen immer Goi-Freunde aus, damit sie nicht an den Familienfesten teilnehmen müssten!

Wortwitz und Situationskomik sind die Stärken dieser verspielten, an Verwicklungen reichen Geschichte. Ruben leidet ohnmächtig an seinem neurotischen Umfeld, dessen Auswüchse ihn mehr denn je erschrecken. Sie öffnen ihm aber auch die Augen dafür, dass sich auch die anderen längst nicht so regelkonform verhalten, wie er immer dachte. Auf der visuellen Ebene spielt der Film mit Rückblenden und Fantasien, zum Beispiel wenn Ruben in Voice-Over über den Albtraum seiner Schwester erzählt, in welchem die Mutter in einer TV-Sendung ein „Juden-Spray“ anpreist, das jeden Goi zum gläubigen Ehrenteilnehmer der Festtafel macht.

Der freche Witz ist gleichzeitig wehmütig-versöhnlich. In den Dienst dieser Stimmung stellt sich der Retrolook der Bilder. Obwohl die Handlung in der Gegenwart spielt, wirken vor allem die aufwändig und fantasievoll gestalteten Interieurs wie aus der Zeit gefallen. Sie bieten Ruben, Teemu und den anderen ein Refugium für ihre Träume, denen es in der Realität viel zu eng und schnöde wäre. In Finnland herrscht zudem ein Licht, das den bunten Anstrich der Holzhütten hervorhebt und dem ganzen Geschehen eine kitschig überdrehte Farbenfreude verpasst.

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Der Franzose Ruben (Nicolas Maury) lebt an der Seite seines Lebensgefährten Teemu (Jarkko Niemi) glücklich und zufrieden in einem finnischen Dorf. Jeden Morgen schlüpft er in seine Postbotenuniform und schwingt sich auf sein Rad, um die Briefe auszutragen. Doch dann verweigert ein alter Mann die Annahme eines Einschreibens und Ruben will es nicht wieder zurücknehmen.
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