Kink - The 51st Shade of Grey

Kink - The 51st Shade of Grey

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Einladung ins BDSM Pornostudio

Es ist der Gründer und Geschäftsführer Peter Acworth selbst, der seine Gäste von der Dokumentarfilmcrew und damit auch die Zuschauer durch die großflächigen Räumlichkeiten seiner Produktionsstätte führt, die in einer ganz besonderen Lokalität verortet ist. Auf 8000 Quadratmetern erstreckt sich das als historisches Denkmal deklarierte, im Stil eines maurischen Schlosses gestaltete Gebäude im Mission District von San Francisco, das ab 1912 als Waffenlager der US-amerikanischen Nationalgarde erbaut und bis 1976 auch so genutzt wurde. Nach jahrelangem sporadischen Gebrauch für unterschiedlichste Zwecke – etwa ließ George Lucas hier einige Szenen von Star Wars drehen und nutzte die San Francisco Opera den Ort für den Bühnenbau – erwarb Peter Acworth 2006 den meist schlicht als The Armory bezeichneten Bau für über 14 Millionen Dollar, um von nun an dort sein berühmt-berüchtigtes Kink.com-Unternehmen zu beherbergen.
Dass da gerade ein Gangbang stattfindet, erklärt Peter Acworth salopp, als während des Rundgangs aus einem Raum Stöhnereien auf dem Flur widerhallen. Diese aufgeschlossene Aussage des BDSM-Liebhabers und -Spezialisten, der seine exklusive Produktionsfirma für entsprechende pornographische Filme mit rund einhundert Mitarbeitern längst extrem erfolgreich in dem monumentalen, bestens dafür ausgestatteten Gebäude betreibt, ist sowohl für Peter Acworth und seine Crew als auch für die Stimmung des Dokumentarfilms Kink – The 51st Shade of Grey von Christina Voros signifikant. Präsentiert vom ebenso umtriebigen wie vielfältigen Schauspieler, Filmschaffenden, Autoren und Künstler James Franco, der hierbei als Produzent fungierte, porträtiert diese im Rahmen einer ausführlichen Besichtigung der Studios und intensiven Gesprächen mit den dort Tätigen das Unternehmen Kink.com sowie seine geschäftlichen wie soziophilosophischen Praktiken, Theorien und Hintergründe.

Er habe bereits früh Fantasien favorisiert, in denen er andere Jungs fesselte und folterte, erzählt freimütig der Porno-Regisseur Van Darkholme, und nun realisiere er diese erotisch bis sexuell motivierten Imaginationen innerhalb seiner Arbeit. Sehr präzise und sensibel leitet er seine Darsteller innerhalb der Inszenierung einer Fesselfoltersession an, demonstriert, wie brutal wirkende Schläge möglichst schmerzarm ausgeführt werden, damit der gerade behandelte Sklave zuvorderst angenehm empfunden malträtiert wird. Doch es gibt unter den Pornoprotagonisten durchaus auch Stimmen, die Lust in Verbindung mit physischem Schmerz überaus schätzen, und die einzelnen Dreharbeiten werden deshalb akribisch zuvor besprochen und vorbereitet, je nach dem gewünschten beziehungsweise verwehrten Spektrum an Torturtätlichkeiten, dessen freie Auswahl seitens der Akteure absolut akzeptiert wird, gemäß der Prinzipien "safe, sane und consensual" der Unternehmenskonzeption. Wenn später eine Regisseurin gemeinsam mit ihrer dominanten Darstellerin dem ein wenig ängstlich wirkenden Sub schmerzarm auf den Schwanz tritt, ihm auf ähnliche Weise denselben prügelt und dieser dann doch mal authentisch empfindlich aufjammert, freuen sich die Zuschauerinnen und zeigt sich auch die geradezu niedliche humoristische Tendenz des Films, der sich nicht scheut, auch die nicht perfekten Momente und die durchaus vorhandenen kleinen Strapazen der Mitwirkenden zu zeigen.

Dazu zählt ebenfalls die ungeniert und unprätentiös geratene, direktiv plastische Repräsentation des (erigierten) männlichen Geschlechts, das im Verhältnis zu seinem dezent erscheinenden weiblichen Pendant erfreulich häufig abgebildet wird und auf diese Weise seine Träger einmal nicht vor der ungeschützten Ausstellung bewahrt, die in der Regel auch innerhalb der pornographischen Branche gewöhnlich überwiegend Frauen zugeschoben wird. Der Unterschied zwischen expliziten Kink'schen BDSM-Filmen und übrigen Pornoproduktionen liege vor allem in der Authentizität Ersterer, lässt sich hier vernehmen, wo behauptet wird, dass die im Armory produzierten Orgasmen sich stets tatsächlich ereignen, während sie bei der klassischen Konkurrenz allzu häufig vorgetäuscht seien. Doch die ungezwungene, häufige Erwähnung des Terminus "Orgasmus" an sich, nicht immer als primäres Ziel, doch als oftmals marginalisierter, immens bedeutsamer Aspekt der Sexualität und ihrer Spielarten transportiert eine ganz wesentliche implizite Qualität der Dokumentation, die in der Bemühung um achtsame, anregende, ausführliche und vor allem erfüllende Erotik besteht.

Kink – The 51st Shade of Grey, dessen für die hierzulande erscheinende DVD ausgewählter Zusatztitel den vor allem seitens der BDSM-Szene kaum nachvollziehbaren, jedoch ironisch intendierten Verweis auf die zum Hype mutierte Romantrilogie Shades of Grey / Fifty Shades of Grey von E. L. James und die gleichnamige Verfilmung von Sam Taylor-Johnson enthält, beinhaltet einige so interessante wie für Nichteingeweihte sicherlich kuriose Komponenten des Terrains von Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism. Ob es sich bei diesem selbst ob seines unverhüllten und schamlosen Blickes in die Kink-Studios um Pornographie handelt, stellt eine zweifelsohne brisante, jedoch letztlich müßige Frage dar. Denn der Dokumentarfilm und ihre Macher verbergen zu keinem Zeitpunkt ihre entwaffnete Sympathie den Kinkianern gegenüber, die hier als Anhänger einer nicht selten noch verfemten Subkultur erfrischend offen auftreten. So gerät der Dokumentarfilm – gewollt oder nicht – auch zu einer effektiven Werbung für Studio und Subkultur gleichermaßen, derart positiv fokussiert sich die Produktion auf dem nicht unbrisanten Territorium dieser sexuellen Präferenzen. Doch da diese unverhohlene Unterstützung eben auch in dem offensichtlichen Bemühen geschieht, überkommene Mythen und verteufelnde Vorstellungen diesbezüglich zu attackieren, relativiert sie einerseits die eigene Wirksamkeit starren Strukturen gegenüber und liefert andererseits die sanfte Innovation unerschrockener Annäherung, der das Vergnügen daran deutlich anzumerken ist.

Kink - The 51st Shade of Grey

Es ist der Gründer und Geschäftsführer Peter Acworth selbst, der seine Gäste von der Dokumentarfilmcrew und damit auch die Zuschauer durch die großflächigen Räumlichkeiten seiner Produktionsstätte führt, die in einer ganz besonderen Lokalität verortet ist.
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