Lovelace

Lovelace

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Erneute Ausbeutung eines sensationellen Elends

Als 1972 der Pornofilm Deep Throat von Gerard Damiano in den USA erschien, löste sein grandioser Erfolg als bis heute kommerziell erfolgreichste Independent-Produktion überhaupt mannigfaltige Diskussionen über Pornographie, Kino und Kunst in soziokulturellen Kontexten aus und katapultierte dieses Genre aus den einschlägigen Nischen in den Fokus einer breiten Öffentlichkeit.
Mit der Veröffentlichung ihrer Autobiographie Ordeal / Die Wahrheit über Deep Throat von 1980 ergänzte die damalige Hauptdarstellerin Linda Boreman alias Linda Lovelace diese umfangreiche Rezeptionsgeschichte um die Schilderungen ihrer persönlichen, durch Zwang und Gewalt geprägten Situation während der Dreharbeiten und darüber hinaus, so dass ein ganz anderes Licht auf ihre als emanzipatorisch stilisierte Person und den berühmt-berüchtigten Pornostreifen fiel, über den 2005 die Dokumentation Inside Deep Throat in die Kinos kam. Nun haben sich die US-amerikanischen Dokumentarfilmer Rob Epstein und Jeffrey Friedman (Howl – Das Geheul / Howl) dieses Themas mit dem 2013 beim Sundance Film Festival uraufgeführten Spielfilm Lovelace angenommen, der das Leben der Linda Lovelace als sympathisch-naive Frau skizziert, die nach ihrer gigantischen Karriere als ausgebeuteter Porno-Star kräftig die Branche kritisiert und nunmehr als Mutter und Ehefrau ihre Erfüllung findet.

Es mutet schon seltsam an, mit welch märchenhafter Vehemenz Lovelace die hehre Version eines eher prüden, zur Pornographie zunächst verführten und später gezwungenen Mädchens ausschmückt, das seinen Ausstieg im Nachhinein als öffentliche Umkehr und Mahnung inszeniert, um als geläuterte, befreite Heldin der amerikanischen Wohlanständigkeit gefeiert zu werden, und zwar ungeachtet des tatsächlichen Leidensweges der Linda Boreman, der hier nicht bezweifelt werden soll.

Doch die moralische Manier, in welcher sich Lovelace als braves, klischeeträchtiges, solide und stilecht inszeniertes Läuterungsdrama präsentiert, das die wahre Geschichte von Deep Throat erzählt, stinkt allzu sehr nach erneuter Ausbeutung eines Stoffes und einer Person, deren biographische Schlagworte eine gewisse Zugkraft versprechen. Da wird ein sensationelles Elend undifferenziert funktionalisiert, um eine platte Erbaulichkeit zu demonstrieren, die selektiv jene authentischen Ereignisse propagiert, die harmonisch in ein glückliches Ende münden, das im Abspann noch mit beschaulichen Nachträgen aufwartet. Ein ärgerlicher Film, der höchstens die Frage nach der Geisteshaltung einer Gesellschaft hervorruft, die im 21. Jahrhundert derartige Werke produziert und wohlwollend konsumiert.

Lovelace

Als 1972 der Pornofilm „Deep Throat“ von Gerard Damiano in den USA erschien, löste sein grandioser Erfolg als bis heute kommerziell erfolgreichste Independent-Produktion überhaupt mannigfaltige Diskussionen über Pornographie, Kino und Kunst in soziokulturellen Kontexten aus und katapultierte dieses Genre aus den einschlägigen Nischen in den Fokus einer breiten Öffentlichkeit.
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