Johnny Mad Dog

Johnny Mad Dog

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Der Krieg der Kinder

Von Anfang an ist man bei diesem Film mitten im Geschehen: Schon die ersten Szenen, die immer wieder von Schwarzfilm unterbrochen werden, setzen Schlaglichter auf die aufgeheizte Atmosphäre von Gewalt und Chaos. Irrlichternd und scheinbar ziellos wie die jugendlichen Soldaten selbst, die hier gezeigt werden, hetzt die Kamera durch die ärmlichen Hütten, folgt ihnen auf den Platz draußen, zeigt Willkür und Sadismus, der schließlich darin gipfelt, dass ein Junge dazu gezwungen wird, seinen eigenen Vater zu erschießen und sich anschließend der Truppe anzuschließen.
Herrscht in diesen ziemlich heftigen ersten Minuten des Films noch das nackte Chaos, fokussiert der Film im weiteren Verlauf immer mehr auf den 15 Jahre alten Johnny Mad Dog (Christophe Minie), der einen kleinen Trupp von Kindersoldaten anführt, der unter dem Befehl des Generals Never Die (Joseph Duo) steht. Im Dienste der Rebellen stehend kämpfen sich die Kinder in Richtung der Hauptstadt des Landes vor und hinterlassen auf ihrem Weg eine Spur der Verwüstung. Raub, Mord, Vergewaltigung sind längst zu ihrem alltäglichen Handwerk geworden. Der zweite Erzählstrang des Films ist der 16-jährigen Lakolé (Daisy Victoria Vandy) gewidmet, die zu einem der Opfer der marodierenden Kindersoldaten wird und die verzweifelt versucht, ihren kranken Vater und ihren kleinen Bruder in Sicherheit zu bringen – immer wieder werden sich ihr Weg und der von Johnny Mad Dog im weiteren Verlauf der Geschichte kreuzen .

Beindruckend ist Johnny Mad Dog, der von Mathieu Kassovitz produziert und von Jean-Stéphane Sauvaire inszeniert wurde, vor allem durch seine Dichte und das hohe Maß an Authentizität. Durchbrochen wird dieser direkte Blick auf das unvorstellbare Leben der Kindersoldaten immer wieder von Szenen, die ebenso surreal wirken wie die teilweise bizarren Kostümierungen, mit denen die kleinen Krieger ihrem brutalen Handwerk nachgehen. Ausstaffiert wie bei einem Karnevalsumzug und größtenteils mit phantasievollen Spitznamen (oder passenden „noms de guerre“) bedacht, verdeutlicht dies augenfällig die Strategien der Distanzierung der Kinder von ihrem grausamen Tun.

Selten nur gönnt der Film dem Zuschauer eine Verschnaufpause, fast das ganze Leben von Johnny Mad Dog und seinen Leuten ist ein ständiger Kampf ums Überleben. Ob sie dabei auf der Flucht sind oder auf der Jagd, ist dabei nur eine Frage der Perspektive: Immer wieder heißt es „Bleibt in Bewegung!“, ein Satz, ein Befehl, der Bände spricht über die Unbehaustheit der Kinder, die – so muss man vermuten, niemals so etwas wie eine Kindheit hatten. Sie sind Opfer und Täter zugleich, traumatisiert und zugleich selbst Angst und Schrecken verbreitend in einer Gesellschaft, die längst im Chaos des Bürgerkrieges versinkt. Die wirklichen politischen Ziel der Rebellen sind dabei absolut nachrangig; die Kinder kämpfen, weil sie nichts anderes kennen, weil die Truppe längst zu ihrer eigentlichen Familie geworden ist, zum einzigen Halt, den sie in ihrem jungen Leben noch haben.

Gedreht wurde der Film in Liberia, wo selbst lange Zeit ein verheerender Bürgerkrieg herrschte, an dem ebenfalls Kindersoldaten beteiligt waren. Ob die Handlung von Johnny Mad Dog aber auch dort angesiedelt ist, bleibt völlig offen – niemals erhält man einen Hinweis darauf, um welches Land es sich eigentlich handelt. Angesichts der zahlreichen Länder in Afrika, in denen auch heute noch Kindersoldaten im Einsatz sind, offenbart hier der Film eine breitere Perspektive auf das Problem. Die „Liste der Schande“ der UNO, die Kriegsverbrechen gegen Kinder oder deren Einsatz als Kindersoldaten aufführt, umfasst derzeit 58 Gruppierungen oder Organisationen in 13 Ländern. Momentan ist das Problem vor allem im Kongo evident. Aktuell, so schätzt man, sind weltweit rund 300.000 Kindersoldaten im Einsatz.

Sehr löblich ist die Entscheidung von Koch Media, den Film nicht zu synchronisieren, sondern stattdessen in der Originalfassung mit deutschen Untertiteln zu versehen. Gerade dadurch bleibt unglaublich viel von der schwirrenden Atmosphäre erhalten, die den schon beinahe dokumentarischen Reiz dieses ungeheuer intensiven Filmes ausmachen.

Johnny Mad Dog

Von Anfang an ist man bei diesem Film mitten im Geschehen: Schon die ersten Szenen, die immer wieder von Schwarzfilm unterbrochen werden, setzen Schlaglichter auf die aufgeheizte Atmosphäre von Gewalt und Chaos. Irrlichternd und scheinbar ziellos wie die jugendlichen Soldaten selbst, die hier gezeigt werden, hetzt die Kamera durch die ärmlichen Hütten, folgt ihnen auf den Platz draußen, zeigt Willkür und Sadismus, der schließlich darin gipfelt, dass ein Junge dazu gezwungen wird, seinen eigenen Vater zu erschießen und sich anschließend der Truppe anzuschließen.
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