In Fabric (2018)

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Wer hat Lust auf ein diabolisches Kleid und eine gehörige Portion Seltsamkeit? Der sollte es mit dem neuem Film von Peter Strickland versuchen.

In Fabric (2018)

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Es lebt, es lebt!

Das Horrorgenre hat uns in etlichen Beiträgen gelehrt, dass den unterschiedlichsten Dingen etwas zutiefst Böses innewohnen kann: zum Beispiel einer grinsenden Puppe (etwa in Annabelle, 2014), einer alten Stehlampe („Amityville Horror 4“, 1989) oder einem geräumigen Kühlschrank („Der Kühlschrank – eiskalt, böse und gemein“, 1991). In Peter Stricklands neuer Arbeit „In Fabric“ ist es ein elegantes rotes Kleid, das schreckliches Unheil über das Dasein seiner Träger_innen bringt.

Wer die Werke des 1973 geborenen Briten kennt, weiß, dass trotz der trashig klingenden Story kein unachtsam heruntergekurbelter Schnellschuss zu erwarten ist – sondern eine liebevoll-detailreiche Hommage auf das europäische Kino des Abseitigen. Im Psychothriller Berberian Sound Studio (2012) huldigte Strickland der bizarren Welt des Giallos; im Erotikdrama The Duke of Burgundy (2014) nahm er Bezug auf den wilden Sexploitation-Kosmos der 1970er Jahre, insbesondere auf das Œuvre des Spaniers Jess Franco. In Fabric steht nun abermals in der Tradition der italienischen Horror-Lichtspielkunst, lässt vor allem an Dario Argentos Suspiria (1977) denken – und wird noch mit reichlich britisch-schwarzem Humor sowie Anflügen von einer Milieustudie angereichert.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht zunächst die Bankangestellte Sheila (Marianne Jean-Baptiste), die nach der Trennung von ihrem Mann allein mit ihrem erwachsenen, aber recht unreifen Sohn Vince (Jaygann Ayeh) in einer Wohnung im Themsetal lebt. Zum wenig erwünschten Dauergast wird bald noch Vinces ältere Freundin Gwen (Gwendoline Christie), deren Lustschreie Sheila den Schlaf rauben. Als Sheila auf eine Kontaktanzeige reagiert und ein Date vereinbart, gönnt sie sich im Schlussverkauf der Boutique Dentley & Soper ein schickes Kleid in kräftigem Blutrot.

Die Verkäuferin Miss Luckmoore (Fatma Mohamed) ist mit ihrem expressiven Make-up, ihrer ausladenden Gothic-Chic-Garderobe und ihren rätselhaft-kitschigen Äußerungen zwar eine überaus groteske Erscheinung, ebenso wie der gesamte Laden einschließlich des umherschleichenden Besitzers Mr. Lundy (Richard Bremmer) extrem merkwürdig anmutet; dennoch wird Sheila erst einige Tage nach dem Erwerb des Kleides misstrauisch, als sie nicht nur eine Art Ausschlag bekommt, sondern geradezu vom Unglück verfolgt zu werden scheint: Die Waschmaschine dreht durch, ein Hund fällt sie an – und schwebt das rote Kleidungsstück etwa nachts unbemerkt durch die Wohnung? Womöglich ist es auch ein ziemliches schlechtes Omen, dass das Mannequin, das das Kleid für den Katalog des Kaufhauses trug, kurze Zeit später eines unnatürlichen Todes starb …

Die Handlung nimmt noch so manche Wendung – und rückt später gar mit dem Handwerker Reg (Leo Bill) und dessen Verlobter Babs (Hayley Squires) noch weitere Figuren ins Zentrum. Alles folgt dabei einer Albtraum-(Anti-)Logik und wird in morbid-schöne Bilder gefasst. Strickland erweist sich sowohl in seiner Funktion als Drehbuchautor als auch auf dem Regiestuhl erneut als Mann mit zahllosen Ideen, die er mit seinem kreativen Team, etwa mit dem Requisiteur Paki Smith und der Kostümdesignerin Jo Thompson, mit viel Verve umsetzt. Allein die Gestaltung der skurrilen Boutique und die Ausstaffierung der dort tätigen Gestalten (Sind es Hexen? Sind es Geister? Sind es einfach nur völlig Verrückte?) sind ein Fest. Hinzu kommen hübsche Spielerein auf der audiovisuellen Ebene; vor allem die Bewegungen der von Stricklands Stammschauspielerin Fatma Mohamed herrlich verkörperten Miss Luckmoore werden originell und äußerst amüsant durch Geräusche noch weiter ins Absurde getrieben.

Hinzu kommen unter anderem das lebendige Kleid, der lustvolle Einsatz von Kunstblut, eine sehr denkwürdige Masturbationsszene sowie diverse Situationen, die auch als Kurzfilme perfekt funktionieren würden (etwa eine passiv-aggressive Brettspiel-Runde oder eine Eskalation bei der Schnäppchenjagd). Gleichwohl fällt In Fabric schwächer als Stricklands Vorgängerwerke aus. Während Berberian Sound Studio bei allem Irrsinn stets spannend und beklemmend war und The Duke of Burgundy bei aller Ausschweifung auch emotional für sich einzunehmen wusste, ist In Fabric doch in erster Linie stilvolle Unterhaltung. Der Film verfügt über ein großartiges Ensemble, insbesondere Marianne Jean-Baptiste (Lügen und Geheimnisse) spielt beeindruckend; letztlich dienen die Figuren und ihre in Ansätzen wirklich interessant gezeichneten Lebenswelten jedoch dazu, sich im dunkelbunten Wahnsinn, der auf die Leinwand gebannt wird, zu verlieren. Etliche Momente in In Fabric sind kleine Meisterstücke – insgesamt ist das Werk indes „nur“ eine überbordende Sammlung an wunderbaren Einfällen, die das Talent und die Cinephilie Stricklands demonstrieren, ohne die Dichte seiner früheren Arbeiten erreichen zu können. Das ist gewiss schade – macht In Fabric aber dennoch zu einem sehens- und hörenswerten Kinoerlebnis.

In Fabric (2018)

Peter Stricklands neuer Film In Fabric spielt vor dem Hintergrund eines Winterschlussverkaufs in einem Kaufhaus und verfolgt den Weg eines Kleides, das immer weiter gereicht wird - und das mit erheblichen Konsequenzen.

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