Lügen und Geheimnisse

Lügen und Geheimnisse

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Familie ist Familie ist Familie

Innerhalb des Mikrokosmos einer Familie sammeln sich über die Jahre und Jahrzehnte ganze Universen an offenen und verborgenen Gegebenheiten und Geschichten an, die das ganze Gefüge sowie die einzelnen Gestalten in ihrem Mit- und Ohneeinander nachhaltig prägen. Der britische Filmemacher Mike Leigh versteht es mit Lügen und Geheimnisse hervorragend, den Schleier des Unbehagens und des Unausgesprochenen innerhalb einer augenscheinlich ganz gewöhnlichen Familie zu lüften und präsentiert seinem Publikum damit einen lauernden Moloch an widerstreitenden Empfindungen, der von einem unsagbar authentisch agierenden Ensemble zutiefst beeindruckend verkörpert wird.
Der Porträt-Fotograf Maurice Purley (Timothy Spall) und seine Frau Monica (Phyllis Logan) haben es zu bürgerlichem Wohlstand gebracht und sind vor einer Weile in ihr neues Haus eingezogen, das Monica mit viel Sorgfalt und Liebe zum Detail eingerichtet hat. Den kinderlosen Purleys geht es gut, und dennoch ist in kleinen Gesten deutlich spürbar, dass unter dieser offenbar zuverlässigen Oberfläche Spannungen schwelen. Da Maurices Nichte Roxanne (Claire Rushbrook) in Kürze 21 Jahre alt wird, nimmt der Fotograf nach einer Weile der Distanz wieder Kontakt zu seiner Schwester Cynthia (Brenda Blethyn) auf, um sie gemeinsam mit ihrer Tochter zu einem Grillfest im neuen Haus einzuladen. Schwerlastig gestaltet sich diese erneute Begegnung zwischen den beiden Geschwistern, und das ist auch die dominierende Grundstimmung von Lügen und Geheimnisse.

Während bei Cynthia, die in einer Fabrik arbeitet, und Roxanne, die als Straßenkehrerin ihr Geld verdient und gerade in Paul (Lee Ross) einen neuen Freund findet, eine konfliktreiche Alltagsatmosphäre herrscht, nimmt die Optikerin Hortense Cumberbatch (Marianne Jean-Baptiste) den Tod ihrer Adoptivmutter zum Anlass, mit nunmehr 27 Jahren nach der Frau zu suchen, die sie einst geboren hat. Als sie tatsächlich Cynthias Adresse herausbekommt und damit konfrontiert wird, dass ihre leibliche Mutter im Gegensatz zu ihr selbst und ihrer Familie weiß ist, gerät ihr bisheriges Selbstverständnis gehörig ins Wanken. Dieser Zustand ergreift auch Cynthia, als sie nach anfänglicher Weigerung ihre verborgene Tochter das erste Mal trifft, doch allmählich bahnt sich zwischen den beiden Frauen eine zugeneigte Verbindung an. Das Fest zum Geburtstag von Roxanne vereint alle Protagonisten, und schließlich offenbart Cynthia dort ihr ängstlich gehütetes Geheimnis: Die sympathische Hortense, die sie anfangs als Arbeitskollegin vorgestellt hat, ist ihre Tochter, die sie als Sechszehnjährige sofort nach deren Geburt verlassen hat. Dieses Geständnis wird an diesem Abend nicht das letzte innerhalb einer Familie sein, die sich trotz aller entstandenen Fremdheiten wieder anzunähern beginnt …

Die Charakterzeichnung der Figuren von Lügen und Geheimnisse gelingt in einem ungeheuer intensiven Maße vielschichtig und lebendig, was die wohl bedeutsamste Qualität dieses anrührenden Dramas darstellt. Es sind die Gesichter der zunehmend vertrauter werdenden, im Grunde tragischen Heldinnen und Helden, die sich schonungslos in den Fokus der Kamera Dick Popes begeben, was auf ansprechende Art durch die wiederholt kurz durchs Bild vagabundierenden Einblendungen der Porträtaufnahmen des fiktiven Fotografen kontrastiert wird – das Flüchtige und das Verharren als Ausschnitt des gesamten Themas dieser bewegenden Familiengeschichte.

Die Schar der Auszeichnungen, die Lügen und Geheimnisse beginnend mit der Goldenen Palme und dem Preis für Brenda Blethyn als Beste Darstellerin sowie jenem der Ökumenischen Jury zu seiner Premiere im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele von Cannes 1996 erhielt, erstreckt sich von fünf Oscar-Nominierungen über den Independent Spirit Award bis hin zu einem Golden Globe und zwei BAFTA Awards. In der Tat ist Mike Leigh hier eine ebenso großartige wie kleinschrittige Inszenierung seines eigenen Drehbuchs gelungen, die in der treffsicheren Verbindung des Banalen mit dem Bedeutungsvollen familiäre Grundkonstanten verortet. Die vorsichtig-versöhnlichen Tendenzen, mit denen er seine Zuschauer am Ende des Films entlässt, erscheinen so schlüssig wie die behäbigen Wendungen der Geschichte als penetrante Repräsentanten der mehr oder weniger beweglichen Trägheit von familiären Systemen. Das ist starkes britisches Kino mit komplexen qualitativen Komponenten, die einen beeindruckenden Höhepunkt im Werk von Mike Leigh markieren.

Lügen und Geheimnisse

Innerhalb des Mikrokosmos einer Familie sammeln sich über die Jahre und Jahrzehnte ganze Universen an offenen und verborgenen Gegebenheiten und Geschichten an, die das ganze Gefüge sowie die einzelnen Gestalten in ihrem Mit- und Ohneeinander nachhaltig prägen.
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