Glaubensfrage

Glaubensfrage

Eine Filmkritik von Paul Collmar

Im Schatten des Zweifels

1964 sind auch in der Bronx die gesellschaftlichen Kräfte deutlich zu spüren, die den Mief der restaurativen Fünfziger hinwegfegen und bereits eine Ahnung von den Umwälzungen der 68er-Generation geben, die wenige Jahre später folgen werden. Die Bürgerrechtsbewegung in den USA und die kurze Präsidentschaft John F. Kennedys haben ein Klima des Wandels geschaffen, das so manche alte Ordnung bedroht. Selbst die katholische Kirche beginnt sich mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil zu öffnen und leitet eine ganze Reihe von Reformen ein, die das Klima spürbar lockern – was zum Teil bis heute in der Kirche für Unruhe und Widerstand sorgt.
All dies merkt auch Schwester Aloysius Beauvier (Meryl Streep), die der katholischen Ordensschule St. Nicholas vorsteht und die Schule mit strengen Prinzipien und eiserner Hand regiert. Doch nicht alle Angestellten an der Schule denken so wie sie. Vor allem Pater Flynn (Philip Seymour Hoffman) versteht sich mehr als ein milder und liberaler Seelsorger, der die Sorgen und Nöte seiner Schüler ernst nimmt und versucht, gemeinsam mit ihnen Lösungen für dien Herausforderungen der neuen Zeit zu finden. Ein Verhalten, dass der gestrengen Schuldirektorin sichtlich missfällt. Und so kommt ihr ein Bericht der jungen Ordensschwester James (Amy Adams) gerade gelegen, die ihre Vorgesetzte davon in Kenntnis setzt, dass Pater Finley dem kleinen Donald (Joseph Foster), überdies als erster farbiger Schüler in St. Nicholas ein isolierter Außenseiter, ein Übermaß an privater Aufmerksamkeit und Zuneigung zukommen lässt. Ohne jeden Beweis und ohne einen einzigen Zeugen startet Schwester Aloysius einen wahren Feldzug gegen den Pater, der sich nach Kräften gegen die perfiden Missbrauchsvorwürfe zur Wehr setzt. Aus dem Kampf zweier Menschen wird auch ein Kampf der Fraktionen und religiösen Überzeugungen, der die Zerrissenheit in Kirche und Gesellschaft wie in einem Brennglas bündelt.

Basierend auf seinem eigenen, mit einem Pulitzerpreis ausgezeichneten Theaterstück Doubt, das den Sprung vom Off-Broadway an den Broadway schaffte, hat John Patrick Shanley ein extrem spannendes Kammerspiel um Schuld, Lüge und die Suche nach der Wahrheit geschaffen, das vor allem durch die bemerkenswerten Dialoge und das Duell der beiden Hauptdarsteller Meryl Streep und Philip Seymour Hoffman überzeugt. Dass die beiden widerstreitenden Hauptfiguren, die strenge und autoritäre Schwester Aloysius und der lebensbejahende und aufgeschlossene Priester, von Anfang an als Stellvertreter von Glaubensfragen und Lebenshaltungen aufeinander losgelassen werden, birgt die Gefahr in sich, dass die Menschen hinter diesem Streit der Ideologien verschwinden. Shanley und seinen beiden Darstellern gelingt es jedoch, diese Klippen zu umschiffen und die Rollen mit Glaubwürdigkeit und Leben zu erfüllen.

Sehenswert sind neben den Leistungen der beiden Protagonisten auch die Darbietungen von Amy Adams als zweifelnder Schwester James und von Viola Davis als Mutter des möglicherweise missbrauchten Jungen, sie ergänzen und differenzieren die starren Haltungen der beiden Widersacher und thematisieren die Haltung des Zuschauers, der trotz aller Sympathien nie so recht weiß, wem er glauben soll. Dass an Anschuldigungen wie diesen auf jeden Fall stets etwas hängen bleibt, damit operiert auch Shanley und entlässt uns am Schluss mit dem unguten Gefühl des bohrenden Zweifels aus dem Dunkel des Kinosaals.

Dabei ist Glaubensfrage / Doubt bei aller Brillanz kein perfekter Film: Ein Manko ist zweifelsohne (wieder einmal) die Filmmusik, die sich an einigen Stellen zu stark in den Vordergrund drängt, um die Aufmerksamkeit des Zuschauers aufrecht zu erhalten. Dabei hat gerade das dieser Film nicht nötig. Auch manch andere Ideen wie beispielsweise der „running gag“ von explodierenden Glühbirnen oder immer wieder extreme Kameraeinstellungen sind eher störend und geben dem Film einen Dreh, der den Intentionen eigentlich diametral entgegengesetzt ist. Unterm Strich aber ist dieser Film trotz mancher kleinen Abstriche wirklich gelungen und stellt wichtige Fragen um Glauben und Zweifel auf intelligente und sehr unterhaltsame Weise.

Glaubensfrage

1964 sind auch in der Bronx die gesellschaftlichen Kräfte deutlich zu spüren, die den Mief der restaurativen Fünfziger hinwegfegen und bereits eine Ahnung von den Umwälzungen der 68er-Generation geben, die wenige Jahre später folgen werden.
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