Fräulein Julie

Fräulein Julie

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

Zauber und Verhängnis einer Mittsommernacht

Miss Julie (Jessica Chastain) ist verrückt! Nein wirklich! Denn was würde sie sonst in der Küche tun, bei den Bediensteten? Sie, die Tochter des Grafen. In der Küche. Bei den Angestellten. Bei ihm, John (Colin Farrell), dem Butler und bei ihr, Kathleen (Samantha Morton), dem Dienstmädchen. Aber vielleicht liegt es ja an der Nacht selbst. Es ist Mittsommernacht, die Nacht, in der die Reichen mit den Armen gemeinsam trinken und tanzen. Die Nacht, in der sich die Klassenunterschiede, wenn auch nur kurz, aufheben und alle den Sommer genießen und die Freiheit und den Geruch des Heus, den Wein, das Brot, die Sterne und das Zirpen der Zikaden. Doch Miss Julie genießt nicht das Tanzfest, nicht die Gesellschaft. Miss Julie ist in der Küche. Mit John und Kathleen. Gepeinigt ist sie von den Fesseln ihrer Standeszugehörigkeit und John ist das auch. Er will nach oben, sie hingegen will lieber frei sein. Auch wenn sie nicht weiß, was dies genau bedeutet. Und doch, hier am Ofen, hier in der Küche, die zunehmend kleiner zu werden scheint, hier treffen sie sich in dieser magischen Nacht und ihr Treffen ist ein großes Unglück. Sie wollen rebellieren, doch sie haben Pech.
Genauer genommen: Das Pech, zwei Charaktere in einem Theaterstück von August Strindberg zu sein. Wer dessen Stücke kennt, der weiß eines gewiss: Es gibt da keinen Platz für Rebellion. Wohl aber für Tollheit und Verzweiflung, für das Aufsteigen und das tiefe, tiefe Fallen, für ein Leben, das schon zerbrochen ist, noch bevor die Figuren es überhaupt merken, denn sie sind noch beschäftigt mit ihrem Verlangen. Und so geschieht es. Miss Julie will John. John, den Butler. Sie will ihn besitzen, mit ihm spielen wie die Katze mit der Maus. Sie kokettiert, schikaniert, persifliert und dissektiert den Mann, bis er fast den (Ver)Stand verliert. Er windet sich, bemüht sich, versteckt sich, dreht sich ab, will nicht zulassen was er schon erahnt. Doch wer kann Miss Julie schon widerstehen? Vor allem, wenn man es eigentlich gar nicht will? Und wer kann ihre Art erwidern, ihr etwas entgegen halten, sie zum Schweigen, Staunen und Verlangen bringen? Er kann es. Er, John, geboren als der arme Bauerntölpel.

Und doch ist er mehr als das. Er, John, jetzt der Butler, hat doch mehr von der Welt, ja, mehr von Miss Julie gesehen als sie selbst. Und Kathleen, seine Zukünftige? Ist nur im Weg, denn sie ist es schließlich, die zwischen diesen beiden Polen steht, die sich unweigerlich anziehen, nur um in ihrer Vereinigung in einem Nichts zu enden. Kathleen ist die Balance, sie weiß und sieht genau, was geschieht und sie ist es, die die beiden anderen durch ihre pure Existenz an ihre eigene Fatalität erinnert. Und so muss Kathleen auf ihr Zimmer gehen und raus aus der Küche, in der sich die Hölle auftun will.

So nimmt Fräulein Julie fast originalgetreu seinen Lauf. Liv Ullmann interveniert kaum, weder im Text, noch in der Inszenierung – so scheint es zumindest. Die Bilder, stets in ruhigen, sich nur wenig ändernden halbnahen Einstellungen gedreht, sind immer fokussiert auf denjenigen, der vorträgt und nicht den Zuhörenden. Und das ist wichtig, liefern die drei Figuren hier doch halsbrecherische, lange Monologe, die sich allein aus ihrem Spielvermögen und Talent heraus ernähren können. Fräulein Julie ist ein sprachfreudiger Film, ein Kopffilm, der laut denkt und kontempliert, die Gefühle analysiert und versucht zu verbergen, doch ach, es gelingt ja nicht, denn durch die Risse treten sie alsbald doch hervor. Dazu spielt leise und erhaben ein wenig Bach, ein wenig Schubert. Vielleicht ist es dieser Klassizismus und diese Einfachheit: drei Menschen und eine Küche, die zum Vorschein bringen, was für großartige SchauspielerInnen Farrell, Chastain und Morton doch eigentlich sind. Nur Worte haben sie und einen leeren Raum und doch tragen sie den Film auf ihren Schultern und beleben ihn allein durch ihre Gesichter, ihre Körper und ihre Kunst. Ja, vielleicht ist es das, was diesen Film so faszinierend macht: das pure Schauspiel (oder besser Schau-Spiel?).

Liebhaber solcher Filme (ja, was sind das eigentlich für Filme? Kammerspiele? Klassische Tragödien? Theaterverfilmungen? Sprach- und Kopffilme?) werden es lieben, dieses Fräulein Julie. Manch anderem jedoch wird dieses Werk vorkommen wie die längste Nacht des Jahres, die einfach nicht zu Ende gehen will.

Fräulein Julie

Miss Julie (Jessica Chastain) ist verrückt! Nein wirklich! Denn was würde sie sonst in der Küche tun, bei den Bediensteten? Sie, die Tochter des Grafen. In der Küche. Bei den Angestellten. Bei ihm, John (Colin Farrell), dem Butler und bei ihr, Kathleen (Samantha Morton), dem Dienstmädchen. Aber vielleicht liegt es ja an der Nacht selbst. Es ist Mittsommernacht, die Nacht, in der die Reichen mit den Armen gemeinsam trinken und tanzen.
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Meinungen
wignanek-hp · 18.01.2015

Danke für die positive Besprechung. Bislang habe ich nur recht negative gelesen. Ich liebe gutes Schauspielerkino und werde mir den Film auf jeden Fall nicht entgehen lassen.

Kommentare

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