Ende der Saison (2019)

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„Ende der Saison“ ist wie ein Fenster zum Leben einer aserbaidschanischen Familie, deren Mitglieder einander fremd sind. Die Frage ist nur: Warum sollten wir in dieses Fenster hineinschauen?

Ende der Saison (2019)

Eine Filmkritik von Katrin Doerksen

Suchbewegungen

„Bitte ruf Mahmud, ich will nicht schreien,“ sagt Fidan (Zulfiyye Gurbanova) einmal zu ihrem Mann Samir (Rasim Jafarov) und an dieser Stelle wissen wir schon, dass es eigentlich ziemlich ratsam wäre, wenn nicht nur sie, sondern ihre ganze Familie endlich mal ein bisschen schreien würde. Kurz darauf ist Fidan verschwunden, während eines Strandausflugs wie vom Erdboden verschluckt.

Was wir nicht wissen, ist, warum Fidan und Samir überhaupt zusammen sind. Und warum sie vorerst auch zusammenbleiben. Vielleicht um des gemeinsamen Sohnes Mahmud (Mir-Mövsüm Mirzazade) willen. Aber das ist nur Spekulation, denn obwohl uns Elmar Imanovs Spielfilmdebüt so angestrengt zu vermitteln versucht, dass die Mitglieder dieser aserbaidschanischen Familie einander fremd geworden sind, bleiben sie in erster Linie für uns Zuschauer Fremde. Dabei fängt Ende der Saison so vielversprechend an. Imanov zeigt uns Wohnblockfassaden bei Nacht und hinter den erleuchteten Fenstern lassen sich unzählige Schicksale erahnen. Dazu spielt ein Cover von Nenas 99 Luftballons in einer langsamen, melancholischen Version, die einem erst so richtig die Molltonart des Stückes ins Bewusstsein ruft. Später wird uns Imanov noch einmal diese nächtlichen Häuserfassaden zeigen, die sich in Doppelbelichtungen überlagern und übereinander schieben. Dann wird klar sein, dass er damit die Suchbewegung beschreibt, die eigentlich seine Figuren unternehmen sollten. Die Suche nach Fidan, die Suche nach irgendetwas Unbestimmtem, vielleicht einem Neuanfang, mit oder ohne einander. Aber vielleicht hätte er mit dieser schönen Idee lieber einen Kurzfilm gedreht. Denn zwischen den wenigen poetischen Momenten ist seine Filmsprache vor allem karg.

In langen, unbewegten Einstellungen zeigt er uns die blasse Figuren, die unentwegt schweigen, einander ausweichen oder in ihren Nebensätzen mehr oder weniger subtile Spitzen abfeuern: Die Ehe von Fidan und Samir, das Verhältnis des Sohnes zu seiner Freundin und jenes zu Familienfreunden, die ab und an unvermittelt auftauchen – glaubt man Ende der Saison, ist Aserbaidschan bevölkert von unentwegt schimpfenden Leuten. Selbst kleinste Nebenfiguren wie ein Vermieter oder Barmänner am Strand kommen nur ins Bild, um untereinander Kämpfe auszufechten. Interessant wird das gelegentlich dann, wenn der Regisseur sie so lange reden lässt, bis sie ihre eigene Absurdität entlarven. Zu Beginn des Films sehen wir einmal einen Streit der Eheleute, den Samir beendet, indem er den Raum verlässt und vom Balkon schaut. Fidan folgt ihm, lehnt sich an ihn und streichelt sanft seinen Rücken. Ein Moment der Zuneigung, des guten Willens, so glaubt man. Bis sich die Szene später noch einmal wiederholt. Wieder flüchtet Samir auf den Balkon und wieder folgt ihm Fidan. Ihr erneutes Anlehnen kommt einer Entwertung der vorherigen Geste gleich. Nun scheint sie wie erlernt, habitualisiert, routiniert. Dieser winzige Moment erzählt mehr über die Beziehung als beinahe der gesamte restliche Film. Wir wissen, dass Samir ein Schauspieler mit schlechter Auftragslage ist, dass Fidar ein Angebot hat, in Berlin zu arbeiten und Mahmud endlich allein wohnen will. Interessante Figuren machen diese Informationen noch nicht aus ihnen. Sie sind zu eigenschaftslos um auf Dauer an ihrer Situation teilzuhaben. Gleichzeitig lässt der Film zu wenig Raum um ihre Geschichte als exemplarisch für irgendein gesellschaftliches Phänomen zu verstehen. Und seine Sprache ist zu wenig sinnlich oder spezifisch, um das Ganze als Experiment zu nehmen.

Bevor Ende der Saison in Rotterdam vorgeführt wird, sind der Regisseur und eine Produzentin anwesend und in knappen Worten erzählt sie von den Schwierigkeiten, den Film mit nur wenig Geld fertigzustellen. Natürlich gilt erst einmal allen Filmemachern grundsätzlich Respekt, die es schaffe, ihre Vision nicht nur zu entwickeln, sondern auch umzusetzen. Trotzdem frage ich mich — und zwar aufrichtig — worin für Elmar Imanov die Dringlichkeit bestand diesen Film zu machen.

Ende der Saison (2019)

Baku, Aserbaidschan. Eine Stadt zwischen Orient und Okzident am Kaspischen Meer. Die Geschichte wird in 24 Stunden erzählt und beginnt an einem gewöhnlichen Sonntagmorgen. Es ist die Geschichte einer Kleinfamilie, die durch einen Zwischenfall erschüttert wird.

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