Doktor Murkes gesammeltes Schweigen & Doktor Murkes gesammelte Nachrufe

Doktor Murkes gesammeltes Schweigen & Doktor Murkes gesammelte Nachrufe

Eine Filmkritik von Falk Straub

Radio Gaga

Wie mächtig eine spitze Feder sein kann, hat Heinrich Böll nicht zuletzt in seinen Satiren bewiesen. Dass auch so manches (Film-)Bild mächtiger als das Schwert ist, zeigen Rolf Hädrichs TV-Verfilmungen von Bölls Kurzgeschichte Doktor Murkes gesammeltes Schweigen.
Gemeinsam mit seinem Hauptdarsteller und Drehbuchautor Dieter Hildebrandt setzte Regisseur Hädrich Heinrich Bölls Satire auf den deutschen Hörfunk der Nachkriegszeit acht Jahre nach ihrem Erscheinen 1963 kongenial um. Ein Jahr später folgte mit Doktor Murkes gesammelte Nachrufe die zweite Abrechnung mit dem Medienbetrieb – dieses Mal mit dem Fernsehen. Viel Sinn für Humor bewies dabei der Hessische Rundfunk, in dessen Auftrag die beiden Satiren nicht nur gedreht wurden, sondern dessen Funkhaus am Dornbusch in Frankfurt am Main auch als Drehort diente.

In Doktor Murkes gesammeltes Schweigen ist die titelgebende Figur (Hildebrandt) Redakteur eines namentlich nicht genannten Radiosenders. In der Abteilung „Kulturelles Wort“ hat Murke täglich mit der Selbstherrlichkeit Professor Bur-Malottkes (Robert Meyn) zu schaffen. Als der Kultur-Papst mit zwiespältiger Vergangenheit im Dritten Reich es mit seinem Gewissen zu tun bekommt, fangen die Probleme für Murke an. Bur-Malottke verlangt, in einem seiner Radiobeiträge das Wort „Gott“ durch die neutrale Formulierung „jenes höhere Wesen, das wir verehren“ zu ersetzen. Murkes Aufgabe ist es, den Beitrag neu zu schneiden. Dumm nur, dass Bur-Malottke dabei vergessen hat, dass die neue Formulierung in verschiedenen Kasus eingesprochen werden muss und dass sich sein Beitrag durch die Änderung um mehr als eine Sendeminute verlängert. Wo soll man diese bloß abzweigen? Beim Sport? Bei der Politik? Unvorstellbar!

Nach der erfolgreichen Bewältigung von Bur-Malottkes Sonderwünschen ist der Jungredakteur in Doktor Murkes gesammelte Nachrufe zum Fernsehen befördert worden. Dort arbeitet er in der Abteilung für Nachrufe. Um auf Todesfälle bekannter Personen tageskatuell reagieren zu können, wird fleißig im Voraus produziert. Und auch hier entkommt Murke Bur-Malottke nicht. Der Professor dreht schon einmal vorsorglich den eigenen Nachruf ab oder greift manipulierend in den Nachruf eines alten Freundes aus der „ach so dunklen Zeit“ ein.

Hildebrandts Drehbuch bleibt nah an Bölls Vorlage, entlarvt die Scheinheiligkeit, mit der sich viele Parteimitglieder, Sympathisanten und hohe Tiere aus dem Dritten Reich in einflussreiche Positionen der Bonner Republik – auch im Rundfunk – hinübergerettet hatten. Dass der Spott dabei nicht polternd, sondern auch auf leisen Sohlen daherkommt, ist Bölls feinem Umgang mit der Sprache zu verdanken, der die irren Auswüchse des Medienbetriebs subtil ad absurdum führt.

Hildebrandts zurückgenommenes Spiel bringt Bölls Anliegen präzise auf den Punkt. Herrlich wie Hildebrandt Robert Meyn als Bur-Malottke beiläufig entgegnet: „Es bleibt noch ein Vokativ, die Stelle, wo Sie ‚oh Gott‘ sagen. Ich erlaube mir, Ihnen vorzuschlagen, dass wir es beim Vokativ belassen, und Sie sprechen ‚oh du höheres Wesen, das wir verehren!‘“

Die beiden Fernsehfilme gewinnen jedoch nicht nur durch Bölls Vorlage und Hildebrandts Drehbuch. Auch die Schauspieler sind durch die Bank bestechend: Neben Hildebrandt und Meyn hat Hädrich unter anderem Dieter Borsche, Thomas Fabian, Charles Regnier und das spätere Ekel Alfred (Tetzlaff), Heinz Schubert, um sich vereint.

Last but not least beeindrucken die Murke-Filme visuell, heben sich durch erstaunlich filmische Einstellungen und Kompositionen positiv vom Fernsehen der 1960er ab. Hädrich gelingen dabei immer wieder subtile Momente, wenn er das Überleben des nationalsozialistischen Gedankenguts in der Bundesrepublik beinahe unbemerkt durch Analogien ins Bild rückt oder permanent Besucherströme durch das Funkhaus wandern lässt, die in ihrer Inszenierung an abstrakte Gemälde erinnern.

Doktor Murkes gesammeltes Schweigen & Doktor Murkes gesammelte Nachrufe

Wie mächtig eine spitze Feder sein kann, hat Heinrich Böll nicht zuletzt in seinen Satiren bewiesen. Dass auch so manches (Film-)Bild mächtiger als das Schwert ist, zeigen Rolf Hädrichs TV-Verfilmungen von Bölls Kurzgeschichte „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“.
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