Die Büchse der Pandora (1929)

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Zum 90. Geburtstag von Wilhelm Papsts Stummfilmklassiker „Die Büchse der Pandora“ zieht Louise Brooks als Revuetänzerin Lulu nun in restaurierter Frische alle in ihren Bann. Zu verdanken ist das einem Bundestagsbeschluss.

Die Büchse der Pandora (1929)

Eine Filmkritik von Cosima Besse

Als Revuetänzerin zieht Lulu

Eine hübsche Frau entfacht bei vielen Männern ein schwer kontrollierbares Feuer der Leidenschaft und stürzt alle ins Verderben – „Die Büchse der Pandora“ ist ein deutscher Stummfilm aus dem Jahr 1929 in acht Akten unter der Regie von Georg Wilhelm Pabst. Sein Drehbuch beruht auf einer freien Adaptation der Dramen „Erdgeist“ und „Die Büchse der Pandora“ von Frank Wedekind. Zu seinem 90. Geburtstag aufwendig restauriert, erstrahlt der Stummfilm mit betörender Wirkung nun in neuem Glanz.

Das Herz des Films schlägt im Takt der kessen Frohnatur Lulu (Louise Brooks). Die schwarzen Haare zum neckischen Bob geschnitten, tanzt sie sich leichtherzig durch das Leben und wickelt mit leidenschaftlicher Unbedarftheit alle Männer um ihren Finger. In ihren Augen funkelt der Glanz der schillernden 1920er. Als Revuetänzerin, frisch getraute Ehefrau und später gejagte Angeklagte kommt sie einem Wirbelwind gleich. Scheinbar mühelos setzt sie Naturgesetze außer Kraft und zieht magnetisch alle Männer, die ihr zu nahekommen, in einen fatalen Bann.

Und so besteht ihr Wirkungskreis anfangs aus ihrem Geliebten Dr. Schön (Fritz Kortner), seriöser Patriarch und angesehener Arzt, der plant, die Tochter des Innenministers zu ehelichen. Rodrigo Quast (Krafft-Raschig), ein bulliger Gönner, der sie mithilfe einer Variéténummer groß rausbringen möchte und Alwa Schön (Francis Lederer), Sohn des Arztes, der ihr seine treue Freundschaft schenkt und sie hingebungsvoll aus der Ferne liebt. Die Krux bei Lulu: Das Glück mit ihr ist nur von kürzester Dauer und weicht schnell Gewaltausbrüchen, Schulden, Mord, Totschlag und Gerichtsprozessen…

Regisseur Pabst avancierte in den 1920er Jahren mit Filmen wie Kameradschaft durch realistische Kühle und sachlicher Betrachtungsweise zum Schilderer bürgerlicher Idylle in Ausnahmesituationen. Er bedient sich auch in Die Büchse der Pandora des Films als Labor seiner Beobachtungen des menschlichen Verhaltens in Extremsituationen. Seinen Bildkompositionen in Schwarz-Weiß gelingt es durch gekonnten Einsatz von Licht in die Tiefen der Psyche seiner Figuren abzutauchen. In den Schatten zeichnen sich hingegen die lustvollen menschlichen Abgründe ab. Dabei wird die Frage aufgeworfen, wie sich dieses Unheil, das aus Pandoras geöffneter Box entsprungen ist, äußert? Ist es Lulu, die ihre Männer ins Verderben stürzt? Oder nicht vielmehr die Art der gelebten Zuneigung, die Männer für sie hegen? Oder ist es die Tatsache, dass sie als schöne Frau unweigerlich auf das bittere Ende zusteuert?

Dabei ist das Spiel der großartigen Filmbesetzung lustvoll vieldeutig. Lulus Männer sind mal väterlich, mal liebevoll, mal freundschaftlich, doch meist lüstern, grob und autoritär. So offenbart sich durch ihre hingebungsvolle Begierde eine dunkle Bedrohlichkeit. Es ist das einzigartige Schauspiel der Hauptdarstellerin Louise Brooks, das Licht in die Dunkelheit bringt. Mit faszinierender Leichtigkeit mimt sie den liebenswürdigen und doch maliziösen Engel Lulu. Die erfolgreiche Rückkehr des Films ist zum Großteil der Wiederentdeckung Brooks Schauspielkünste zu verdanken.

Wie ein Phönix ist Pabsts Film nach 90 Jahren nun aus der Asche der Archive entstiegen und zu neuem Leben erweckt worden. Im Rahmen der Digitalisierungsoffensive des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages wurde das Werk restauriert. Ein umso bemerkenswerteres Unterfangen, weil weder Originalnegative noch Kopien aus der Entstehungszeit erhalten sind. Die Grundlage für die Restaurierung bildeten Umkopierungen aus den 50er und 60er Jahren, die wiederum selbst von stark beschädigtem Material gezogen wurden. Trotz aufwendiger digitaler Bearbeitung bleiben irreparable Spuren der Zeit.

Zur Entstehungszeit galten Filme als beliebtes Massenmedium und wurden daher einer strengeren Zensur unterzogen als Theaterstücke. So sah sich Pabst bei der Adaptation des Theaterstoffs auf die Filmleinwand gezwungen eine psychologisch subtilere Herangehensweise zu wählen. Die griechische Pandora wurde entsandt, um die Tat des Prometheus zu rächen. Er hatte es gewagt, dem Olymp das Feuer zu stehlen und es den Menschen zu schenken. Sie kam auf die Erde mit einer Büchse, die der Menschheit nur Unheil bringen sollte. Pabsts Pandora entfacht bei Männern ein sinnliches Feuer, an dem Lulu am Ende selber verbrennt.

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