Chevalier

Chevalier

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Im Zweifel: Schwanzvergleich

Was ist nur mit den Männern los? Sobald sie sich in Gruppen zusammenrotten, kommt fast automatisch die offensichtlich genetisch oder evolutionär festgelegte Lust am Wettkampf und am Kräftemessen zum Vorschein und macht sogar aus Freunden erbitterte Konkurrenten. Wäre das nicht so traurig, müsste man eigentlich drüber lachen. Zum einen, weil der gesamte sogenannte Prozess der Zivilisierung daran nichts ändern konnte, zum anderen, weil es wiederum zeigt, nach welch atavistischen Prinzipien und Determinanten die Welt immer noch funktioniert – was man Tag für Tag in den Nachrichten aus aller Welt immer wieder aufs Schönste (und Peinlichste) vorgeführt bekommt.
Die griechische Regisseurin Athina Rachel Tsangari, gemeinsam mit Yorgos Lanthimos quasi im Alleingang für die 'neue griechische Welle' bei diversen internationalen Filmfestivals verantwortlich, hat in ihrem neuen Film Chevalier dem Männlichkeitswahn (nicht nur in ihrer Heimat) auf den Zahn gefühlt und kommt dabei – nun gut, das ahnten wir bereits – zu einem eher ernüchternden, aber nicht weniger treffenden Ergebnis über den Zustand des 'starken Geschlechts'.

Es beginnt buchstäblich als Schnapsidee: Eine Gruppe vorwiegend gutbürgerlicher und wohlsituierter Männer hat sich auf Einladung eines Arztes auf einer Jacht eingefunden, um dort gemeinsam zu tauchen, sich an Trimmgeräten auf Deck fit zu halten und abends zu schlemmen. Ein manierlicher Kreis also, bis kurz vor der Rückfahrt einer von einem Spiel erzählt, das er einmal bei Freunden beobachtet hat: Ein Wettbewerb, bei dem es darum geht, anderen Aufgaben zu stellen, die dann gemeinsam bewertet werden, um so am Ende herauszufinden, wer der Beste von ihnen, der 'Chevalier' ist. Um die Sache noch ein wenig voranzutreiben, einigt sich die Männergruppe darauf, schlichtweg jegliches Tun mit in den Wettkampf aufzunehmen: die Schlafhaltung, die Blutfettwerte (wozu schließlich hat man gleich zwei Doktoren an Bord?), die Fähigkeiten im Silberputzen und Deckschrubben, der Aufbau eines Ikea-Regals (okay, das ist wirklich eine Herausforderung, an der nicht wenige scheitern), die Kommunikation mit den Lieben zu Hause und irgendwann auch (klar) ein Vergleich der Penisgrößen, der immerhin ganz modern mit dem iPad vollzogen wird – man ist ja schließlich keine Horde unzivilisierter Barbaren. Und als ginge es um viel mehr als um das Überstreifen der Trophäe (eines Siegelrings), will natürlich jeder der Männer am Ende siegen – koste es, was es wolle ...

Angesichts des Grades der Entlarvung, der diesem Thema innewohnt, ist Chevalier ein vergleichsweise leiser Film geworden, der kaum etwas mit Buddy-Komödien amerikanischer Couleur gemeinsam hat, die vorgeblich ebenfalls männliche Schwächen aufs Korn nehmen. Kein Wunder also, dass Tsangari ihrem Film die Tagline "A Buddy Movie Without the Buddies" gegeben hat. Was zunächst wie ein Wortspiel klingt, muss man durchaus auch als eine Absage an derben Schenkelklopferhumor à la Hangover verstehen. Das wirkt auf den ersten Blick relativ unspektakulär – auch im Vergleich zum sehr viel exaltierteren Vorgänger Attenberg –, zeugt aber zugleich von der Ernsthaftigkeit des Anliegens, das sich Tsangari vorgenommen hat. Man kann die satirische Komödie zudem durchaus als Parabel auf die griechische Gesellschaft verstehen und als Kommentar auf die merkwürdigen Spielchen einer elitären Kaste, die all ihr Tun auf einen neoliberalen Verdrängungswettkampf ausrichtet und dabei selbst nicht mehr merkt, wie lächerlich sie sich dabei macht. Die Bediensteten an Bord jedenfalls betrachten das Treiben der Herrschaften zunehmend fasziniert und schaffen es schließlich sogar, dass diese im Feuereifer des Kräftemessens all die Arbeiten verrichten, die eigentlich den Domestiken vorbehalten sind.

Und noch ein weiterer (eigentlich sehr schöner) Nebeneffekt stellt sich ein, der allerdings den Handelnden verborgen bleibt: Gerade die Wettkampfsituation offenbart eine eigentlich ganz 'unmännliche' Seite: Das plötzliche Interesse für die Schlafhaltung des einen und Seeigelsalat-Rezepturen und überhaupt diese ganze Achtsamkeit, die die Passagiere an den Tag legen, ist kaum mit den herkömmlichen Vorstellungen von 'Männlichkeit' zu vereinbaren, was schließlich in einer hinreißenden Gesangsimitation einer alten Petula-Clark-Nummer gipfelt.

Gelegentlich hätte man sich zwar noch mehr Schärfe und bissige Zuspitzung in manchen Szenen und Dialogen gewünscht, insgesamt aber ist Athina Rachel Tsangari ein überraschend feiner und hintersinniger Film über Männlichkeitskonstruktionen und -dekonstruktionen gelungen.

Chevalier

Was ist nur mit den Männern los? Sobald sie sich in Gruppen zusammenrotten, kommt fast automatisch die offensichtlich genetisch oder evolutionär festgelegte Lust am Wettkampf und am Kräftemessen zum Vorschein und macht sogar aus Freunden erbitterte Konkurrenten. Wäre das nicht so traurig, müsste man eigentlich drüber lachen.
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