Baden Baden - Glück aus dem Baumarkt?

Baden Baden - Glück aus dem Baumarkt?

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Eine gleich doppelte Entdeckung

Es gibt viele Gründe, einen Film zu lieben. In Rachel Langs Debütfilm Baden Baden - Glück aus dem Baumarkt? ist eine der Ursachen für die ungeheure Sympathie, die man diesem Werk entgegenbringt, gleich zu Beginn in Großaufnahme im Profil zu sehen – Ana (grandios verkörpert von Salomé Richard) fährt Auto. Und minutenlang hat man dabei als Zuschauer das Glück, gewissermaßen neben ihr zu sitzen und ihr bei dieser ganz banalen Tätigkeit zuzuschauen. Und ja, es ist dann später klar, dass das, was man da gesehen hat, so etwas wie Liebe auf den ersten Blick gewesen sein muss.
Am Ende ihrer Fahrt steigt sie aus dem Wagen aus und wird danach von einem Produktionsleiter derart zur Schnecke gemacht, dass man sie direkt in den Arm nehmen und trösten möchte – auch wenn sie es selbst verbockt hat. Ihren Job als Fahrerin bei einer Filmproduktion ist sie nun los, und so bleibt ihr nichts anderes übrig, als zurück nach Straßburg zu fahren und dort zu sehen, wie sie den Sommer herumbringt. Immerhin ist ihr der Leih-Porsche, mit dem sie die Stars abgeholt und ans Set gebracht hat, noch geblieben (statt ihn wie vereinbart abzugeben, nimmt sie ihn einfach mit). Und ihre unbändige Lust auf das Leben, mit allem, was es zu bieten hat, wenn man Mitte Zwanzig ist und der Sommer vor der Tür steht.

Aber dann ist da noch ihre geliebte Großmutter (Claude Gensac), die stürzt und sich ein Bein bricht – und während die alte Dame im Krankenhaus weilt, beschließt die Enkelin, deren Bad zu renovieren. Dass sie davon keine Ahnung hat, stört Ana ebenso wenig wie die Tatsache, dass der Baumarkt-Mitarbeiter Grégoire (Lazare Gousseau), den sie kurzerhand zur Mithilfe beim Einbau der Dusche bezirzt, nicht viel geschickter ist als sie selbst. Sie stürzt sich mit solch einem Feuereifer in dieses schwierige Projekt, dass man schnell ahnt, dass sich dahinter sicherlich eine Kompensation verbirgt; dass dieses Neue, das sie erschaffen will, alte Wunden und Verletzungen überdecken soll. Doch hier in ihrer Heimatstadt begegnen ihr die Erinnerungen und die Menschen immer wieder – wie etwa ihr Ex Boris (Olivier Chantreau), der ihr schon einmal das Herz gebrochen hat und mit dem sie sich doch wieder einlässt. Oder ihr alter Bekannter Simon (Swann Arlaud), mit dem sie in der Dusche eines Hostels schläft. Der schüchterne und unbeholfene Gregoire und andere Menschen. Und nicht zuletzt muss sie noch das Badezimmer für ihre Großmutter fertigstellen und mit ihr einen Ausflug nach Baden-Baden unternehmen.

Filme über männliche Slacker gibt es viele, sucht man hingegen nach ihren weiblichen Pendants, stößt man beinahe zwangsläufig auf die Mumblecore-Queen Greta Gerwig (Frances Ha) oder muss eher in den Bereich der Serienformate ausweichen, wo Lena Dunhams Girls diesbezüglich eine feste Größe ist. Umso erfreulicher, dass Rachel Lang, die wie ihre Protagonistin aus Straßburg stammt (auch sonst ist die Ähnlichkeit zwischen der Regisseurin und Salomé Richard enorm), mit Lässigkeit und einer gelungenen Mischung aus Komik und den kleinen Tragödien des Lebens eine französische Variante auf die Leinwand zaubert, die sich sehen lassen kann: Die starren Kadragen der belgischen Kamerafrau Fiona Braillon erzeugen eine fast schon schmerzhafte Nähe zu Ana und vermitteln ebenso glaubwürdig wie unaufdringlich das Gefühl des Eingesperrtseins im eigenen Leben.

Baden Baden bildet den Abschluss einer Trilogie, die neben diesem Werk noch aus den beiden Kurzfilmen Pour toi je ferai bataille (2010) und Les navets blancs empêchent de dormir (2011) besteht, in beiden spielt Salomé Richard die Figur, die sie auch hier verkörpert. Der Langfilm funktioniert auch bestens ohne die beiden Vorgänger. Nur: Nachdem man einmal am Leben Anas teilgenommen hat, will man schon neugierig mehr aus dem Leben dieser jungen Frau erfahren. Und wer weiß – vielleicht lässt sich Rachel Lang ja doch noch davon überzeugen, die Geschichte der Ana in weiteren Filmen fortzuführen und so ein weibliches Pendant zu François Truffauts Antoine-Doinel-Zyklus zu schaffen. Markierte dieser den Start von gleich zwei großen Karrieren – neben Truffaut schenkte die Reihe dem französischen Kino auch den großen Jean-Pierre Léaud –, so könnte Baden Baden neben Rachel Langs Laufbahn auch derjenigen von Salomé Richard einen gehörigen Schub verleihen.

Baden Baden - Glück aus dem Baumarkt?

Es gibt viele Gründe, einen Film zu lieben. In Rachel Langs Debütfilm "Baden Baden - Glück aus dem Baumarkt?" ist eine der Ursachen für die ungeheure Sympathie, die man diesem Werk entgegenbringt, gleich zu Beginn in Großaufnahme im Profil zu sehen – Ana (grandios verkörpert von Salomé Richard) fährt Auto. Und minutenlang hat man dabei als Zuschauer das Glück, gewissermaßen neben ihr zu sitzen und ihr bei dieser ganz banalen Tätigkeit zuzuschauen.
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