Yes, God, Yes - Böse Mädchen beichten nicht (2019)

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Der wahre Feind der katholischen Highschool, welche die Filmheldin dieser satirischen Komödie besucht, lauert im Inneren. Es ist die eigene Schülerschaft, wenn sie in ein schwieriges Alter kommt. Dann bekommt sie eingetrichtert, dass Sex pfui ist, solange er nicht dem ehelichen Kinderkriegen dient.

Yes, God, Yes - Böse Mädchen beichten nicht (2019)

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Lernziel Lustfeindlichkeit

Im Unterricht von Father Murphy (Timothy Simons) herrscht angespannte Stille. Es geht um Sex, ein Thema, das nicht nur die 16-jährige Alice (Natalia Dyer) ziemlich beschäftigt. Sex vor der Ehe widerspricht Gottes Plan, warnt der katholische Lehrer. Da hebt ein junger Mann mit dem Mut der Verzweiflung die Hand und fragt, wie es denn um Sex mit sich selbst bestellt sei. Verboten, lautet die Antwort, und Father Murphy vergisst nicht zu betonen, dass Gott alles sieht. Alices besorgter Blick verrät, dass sie auf stürmische Gewässer zusteuert.

Der Konflikt ist vorprogrammiert an dieser katholischen Highschool in der US-amerikanischen Provinz. Jugendliche, die die Macht sexuellen Begehrens entdecken, sollen gegen sich selbst ankämpfen, damit sie nicht in die Hölle kommen. Wie unsinnig es ist, junge Menschen mit Dogmen wahrhaft biblischen Alters unterdrücken und kontrollieren zu wollen, legt diese satirische Indiekomödie von Karen Maine genüsslich, treffsicher und sehr vergnüglich frei. Das Langfilmdebüt der Regisseurin basiert auf ihrem gleichnamigen Kurzfilm von 2017. Anhand der Kommunikationstechnik, welche die Charaktere benutzen, lässt sich schließen, dass der Zeitpunkt der Handlung ungefähr 20 Jahre zurückliegt. 

Die Macht der Hormone — oder einfach die menschliche Natur — bahnt sich aber auch an dieser Schule einen Weg. Eines Tages merkt Alice in der Kantine, dass ein hässliches Gerücht über sie im Umlauf ist: Sie soll sich auf obszöne Weise an Mitschüler Wade (Parker Wierling), für den sie schwärmt, herangemacht haben. Mitschüler kichern, immer wieder erwähnen sie die ihr zur Last gelegte sexuelle Praktik, die sich für Alice aber nur wie Salat-Anrichten anhört. Eine Mitschülerin legt ihr ans Herz, doch einmal die viertägige pädagogische Freizeitmaßnahme zur Festigung des Glaubens zu besuchen. 

Aber auch im idyllisch am Waldesrand gelegenen Retreat eilt der armen Alice der Ruf eines gefährdeten Charakters voraus. Father Murphy erwartet, dass Alice ihm ihre sexuellen Verfehlungen beichtet. Dass sie heimlich seinen Computer benutzt, um zu erfahren was der Salat-Begriff bedeutet, macht die Sache nicht besser. Denn nun will der Geistliche, dass sich die unbekannte Person hinter der sündhaften Recherche selbst stellt. 

Alice hat es schon vor dem Retreat tunlichst vermieden, sich zu komplizierteren Sünden als dem vergessenen Abwasch zu bekennen. Und das soll auch so bleiben, findet sie, die hinter ihrem ängstlich-verstörten Gesichtsausdruck doch unausgesprochen ein Recht auf Wahrung der eigenen Intimsphäre verteidigt. Dafür, dass sie sich kürzlich im Internet auf einen Sex-Chat mit einem Fremden eingelassen und dabei ihr Interesse am Masturbieren entdeckt hat, will sie sich nicht Asche aufs Haupt streuen, erst recht nicht vor anderen Leuten. Die aus der TV-Serie Stranger Things bekannte Natalia Dyer verleiht Alices Ausstrahlung eine spaßige Ambivalenz. Als Opfer des Gesinnungsterrors signalisiert sie mit ihrem ungläubigen Staunen zugleich ironische Distanz. 

Mit seinem Thema eines Camps, in dem Jugendliche auf den asexuellen Pfad der Tugend gebracht werden sollen, weckt der Film Erinnerungen an die Komödie Weil ich ein Mädchen bin von 1999 oder Joel Edgertons bitteres Drama Der verlorene Sohn. In diesen beiden Filmen ging es anders als hier um die religiös motivierte Umerziehung junger Homosexueller, aber mit ähnlichen Methoden der Druckausübung wird auch Alice konfrontiert. In kleinen Gruppen, im Zweiergespräch mit Father Murphy, im Plenum sollen sich alle öffnen, ihr Herz ausschütten, von Krisen und ihrer Überwindung erzählen. Dabei geht es nicht nur um das Thema sexuelle Enthaltsamkeit. Aber wer im Fragebogen vertrauensvoll angekreuzt hat, in letzter Zeit einmal „angetörnt“ gewesen zu sein, hat ein Problem. 

Yes, God, Yes legt es nicht wirklich darauf an, ein Teenager-Publikum mit Szenen zu bespaßen, die sexy und erotisch wirken. Zwar verguckt sich Alice in den superattraktiven Chris (Wolfgang Novogratz). Der Star des Footballteams leitet ihre Gruppe, ist ein Ausbund guter Laune und hat vor allem fantastisch behaarte Unterarme. Aber er wirkt wie eine Karikatur harmloser Einfalt. Alices kurze Experimente mit der Lust wirken mit und ohne Chris eher unvermittelt eingestreut und sind so erotisch wie Fernsehcomedy. Denn ihre dramaturgische Bedeutung ist ja vor allem die Provokation, die sie aus der Perspektive der Verbotspädagogik darstellen.   

Alice entdeckt, dass die Schule und das Programm im Retreat den jungen Katholiken in Wirklichkeit tiefe Verlogenheit eintrichtern. Wer ständig Keuschheit heucheln muss, hat nur gelernt, seine wahre Natur im Verborgenen auszuleben. Mit seiner jungen Heldin zieht der Film nicht gegen Religiosität zu Felde, sondern plädiert dafür, sie von Körper- und Lustfeindlichkeit zu befreien. Auch Gott kann seine Pläne ja mal ändern und mit der Zeit gehen, die Gläubigen müssten ihn vielleicht nur lassen.

Yes, God, Yes - Böse Mädchen beichten nicht (2019)

Komödie über eine streng katholische Jugendliche in den frühen 2000er Jahre, die nach einem scharfen AOL-Chat die Freuden der Masturbation entdeckt und sich fortan in einem Dilemma befindet: Einerseits will sie den neuentdeckten körperlichen Bedürfnissen folgen, andererseits fürchtet sie die ewige Verdammnis.

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