Swimmingpool am Golan (2018)

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Esther Zimmering ist Schauspielerin. Gleichzeitig sind die Lebenswege ihrer deutsch-jüdischen Familienmitglieder entscheidend mit der Gründung zweier Staaten verbunden: Israel und der DDR. Ihr Debüt spiegelt Familiengeschichte im Mikrokosmos des Kalten Krieges wie in der Erinnerung an die Shoah.

Swimmingpool am Golan (2018)

Eine Filmkritik von Simon Hauck

Die dritte Generation

„Ich bin in einem Land groß geworden, das es nicht mehr gibt. Den größten Teil meiner Kindheit habe ich in der DDR verbracht“, heißt es zu Beginn von Esther Zimmerings Langfilmdebüt „Swimmingpool am Golan“ aus dem Off. Als Tochter eines verschlossenen Ex-DDR-Offiziers jüdischer Abstammung, dem es in dieser ebenso langsam wie leise erzählten Spurensuche besonders schwerfällt über seine Dienstzeit als damaliger Militärarzt zu sprechen, wuchs Zimmering relativ behütet und mit einem gewissen Wohlstand auf.

Obwohl sie erste Teile ihrer komplizierten Familiengeschichte, die entscheidende Jahre in NS-Deutschland, in der jungen DDR und BRD sowie in dem 1948 gegründeten Staat Israel umfasst, schon vor der politischen Wende von 1989 kannte, hatte sie erst nach dem historischen Mauerfall und dem damit verbundenen Ende des Kalten Kriegs ersten direkten Kontakt mit ihrer jüdischen Verwandtschaft in Israel. „Auf einmal gab es doch Verwandte: viele Verwandte. In Israel“, lautet einer ihrer Videotagebucheinträge, die Swimmingpool am Golan dramaturgisch weitgehend konventionell, aber zielgerichtet strukturieren.

Ein Teil ihrer israelischen Mischpoke, wie sie die anfangs noch etwas gehemmten Verwandten selbstironisch nennt, hatte die zionistische Bewegung unterstützt und aktiv dazu beigetragen, dass die im Sechstagekrieg (1967) eroberten Golanhöhen nahe Syrien besiedelt und fortan als neu gegründete Kibbuzim genutzt wurden. Im Geiste des Sozialismus und lange Zeit vollkommen basisdemokratisch wohlgemerkt, was nun aus heutiger Sicht gar nicht mehr zum neoliberalen Staat Israel passt, in dem die Schere zwischen Armen und Reichen seit Jahren deutlich zunimmt.

Auch davon erzählt die 1977 in Potsdam geborene Schauspielerin (Ins Blaue/Im Schwitzkasten) und Ernst Busch-Absolventin im Subtext ihrer sehr persönlichen Spurensuche zwischen Orient und Okzident, die am Ende bis zu den Flüchtlingsströmen der Gegenwart reicht. Nicht minder imposant schildert sie darin eine Reihe gescheiterter Polit-und Gesellschaftsutopien, die sich sowohl mit den beiden deutschen Staatsgründungen wie mit dem neuen Staat Israel nach 1945 auf vielfältigste Weise verbanden.

Schließlich siedelte sich beispielsweise ihr Großvater Josef Zimmering („Als Erstes sind wir Kommunisten, dann sind wir Deutsche und erst als Drittes sind wir Juden.“) als Remigrant nach der Exilzeit und unerwartet für den verbliebenen israelischen Familienzweig bewusst, in der DDR an. Als FDJ-Mitbegründer und überzeugter Kommunist hatte er es bis zum tragischen Tod seiner Frau 1959 immerhin zum Ständigen Vertreter der DDR bei der UN in Genf gebracht, so dass Esther Zimmerings Vater Klaus und dessen quirlige Schwester Monika Ellen im Kalten Krieg zeitweise als wohlbehütete Diplomatenkinder groß werden konnten.

Zwischendrin und narrativ geschickt miteinander verwoben thematisiert Zimmering, die als Autorin mit aufschlussreichem Super-8-Material aus dem Familienbesitz sowie zahlreichen historischen Ton-Dokumenten oder Fotos aus dem Vollen schöpfen kann, ebenso die grausigen Schatten der Shoah. Ihre Oma Lizzi, geb. Meyer, gelangte 1939 mit dem letzten Kindertransport nach England und entging so der Vergasung in den NS-Vernichtungslagern Auschwitz und Riga, wo auch viele Familienmitglieder der Zimmerings grausam ums Leben kamen.

Weitgehend frei von Sentimentalität, mit einem angenehmen Schuss Selbstironie als Ex-Zonen- und plötzliches BRD-Teen („Auf einmal gab es Pornos, Hubba-Bubba- Kaugummis und Neonazis) und gemäß der Devise ihres Vaters Klaus („Ich bin Weltbürger“), für den keine Rassen, Religionen oder Kulturunterschiede existieren, hat Ester Zimmering ein gleichsam optimistisches wie ansehnliches und zeithistorisch extrem facettenreiches Familienporträt gedreht.

Im Mikrokosmos zweier deutsch-jüdischer Familienstammbäume, die ideologisch lange Zeit in „Ost versus West“ verankert waren, lassen sich die Schönheit wie der Schrecken des 20. Jahrhunderts noch einmal hautnah erfahren. Mit einem Happy End in der Gegenwart: Denn Esther Zimmering ist inzwischen stolze Mutter und teilt ihr Leben mit einem Mann aus Ghana, der vor kurzem erst nach Europa geflohen war.

Swimmingpool am Golan (2018)

Die Lebenswege der jüdisch-deutschen Familie Zimmering, deren Mitglieder an der Gründung zweier Staaten, der DDR und Israels, entscheidend mitgewirkt haben. Lizzi entkam 1939 knapp dem Holocaust. In England begegnete sie dem FDJ-Mitbegründer Josef Zimmering und heiratete ihn. 1945 kehrten sie zurück nach Ostdeutschland, in die Sowjetische Besatzungszone, und bauten dort die DDR zusammen auf. Im Gegensatz zu Lizzi gelang ihrer Cousine Lore die Flucht nach Palästina. Dort heiratete sie den Zionisten Max Zimels, der als Gesandter für die Jewish Agency in Berlin noch Tausende von Juden nach Palästina retten konnte. Sie waren Mitbegründer Israels und lebten im Kibbuz Kfar Szold, nahe dem Golan.(Quelle: Filmfestival Max Ophüls Preis)

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