Squid Game (TV-Serie, 2021)

Log Line

In den neun Folgen der koreanischen Netflix-Serie nehmen 456 Menschen an tödlichen Kinderspielen teil, um ans große Geld zu kommen. Was anfangs noch zu überraschen weiß, wird im weiteren Verlauf zunehmend vorhersehbar und plakativer.

Squid Game (TV-Serie, 2021)

Eine Filmkritik von Christian Neffe

Geh aufs Ganze

Die erste Folge von „Squid Game“ endet in einem Gemetzel. Dass es so kommen würde, war zwar absehbar – und doch überrascht, mit welcher Kaltblütig- und Beiläufigkeit hier mehr als 200 Menschen durch gezielte Schüsse hingerichtet werden. „Rotes Licht, grünes Licht“ heißt das Spiel, an dem sie teilnehmen. Die Regeln sind simpel: Die Teilnehmer*innen müssen innerhalb von fünf Minuten eine Linie am anderen Ende des Feldes überqueren. Und wer sich noch bewegt, sobald sich eine mechanische Puppe zu ihnen umdreht, oder es innerhalb der Zeit nicht schafft, stirbt, wird „disqualifiziert“, wie es euphemistisch im Jargon der mysteriösen Organisation heißt, die hier die Fäden in der Hand hält.

Fünf weitere tödliche Spiele stehen noch auf dem Plan, an deren Ende der oder die Sieger*in mit umgerechnet mehr als 30 Millionen Euro nach Hause gehen kann, wie ihnen versprochen wird. Es ist ihre große Chance, der Armuts- und Schuldenfalle zu entkommen, denn die 456 Teilnehmer*innen haben allesamt Geldprobleme und wurden genau aus diesem Grund für die Spiele ausgewählt. Sie nehmen freiwillig teil, wenn auch anfangs unwissend darüber, in welche Gefahr sie sich begeben. So auch der Protagonist mit der Nummer 456, Seong Gi-hun (Lee Jung-jae), der alle Merkmale eines astreinen Versagers mit sich bringt: Mit 40 lebt er noch bei seiner Mutter, verwettet ihr Erspartes bei Pferderennen, ist notorischer Trinker, hat einen riesigen Schuldenberg angehäuft, seiner Tochter fischt er zum Geburtstag in letzter Minute ein Geschenk aus einem Greifarmautomanten. Einer Begegnung mit einem mysteriösen Mann in der U-Bahn folgt schließlich die Einladung zu den Spielen, die auf einer abgelegenen Insel stattfinden und in deren Laufe er allmählich seine Moral entdeckt.

Ob Tom Toelles Das Millionenspiel (1970), Kinji Fukasakus Battle Royale (2000) oder die vier Filme der Tribute von Panem-Reihe (2012-2015): Die Idee, Menschen in ein Spiel auf Leben und Tod zu schicken, damit diese eigentlich harmlose Form der sozialen Interaktion und des Wettstreits in etwas Existenzbedrohendes zu verwandeln und dafür Risiko wie auch Belohnung ins Maximale zu steigern, ist im Filmbereich alles andere als neu. Und auch beim Gewaltfaktor war Fukasakus der koreanischen Netflix-Produktion schon vor zwei Jahrzehnten um einiges voraus. Neu ist das Format und die damit einhergehende Laufzeit: Als Serie kann sich Squid Game schlicht mehr Zeit nehmen, um die Figuren, die Spiele, das menschliche Miteinander und seine schwer zu übersehende gesellschaftspolitische Botschaft auszuloten.

Dreht sich die erste Folge noch gänzlich um Seong, kristallisieren sich bald weitere zentrale Akteur*innen heraus. Da ist die aus Nordkorea geflohene Taschendiebin Kang Sae-byeok (Jung Ho-yeon), der pakistanische Immigrant Ali Abdul (Anupam Tripathi), der durch Spekulation bankrott gegangene Cho Sang-woo (Park Hae-soo), der Gangster Jang Deok-su (Heo Sung-tae) und der demenzkranke Oh Il-nam (Oh Young-soo), zwischen denen sich zunehmend interessante Dynamiken entfalten. Später gesellt sich auch noch ein Neben-Plot um den Polizisten Hwang Jun-ho (Wi Ha-joon) hinzu, der sich auf der Suche nach seinem verschwundenen Bruder auf die Insel schleicht und sich als einer der hunderten Handlanger verkleidet, die mit ihren ikonischen pinken Hoodys und schwarzen Masken zur stummen, gesichtslosen Masse verschwimmen und bereits jetzt diverse Meme-Seiten im Netz geflutet haben. Ein Handlungsstrang, der vor allem dazu dient, das Publikum, im Gegensatz zu den Teilnehmer*innen, auch hinter die Kulissen der Spiele blicken zu lassen.

Regisseur, Autor und Showrunner Hwang Dong-hyuk (The Fortress) entblättert auf diese Weise behutsam die Regeln der von ihm entworfenen Parallelwelt. Was es etwa mit den verschiedenen Symbolen auf den Masken der Wachleute auf sich hat, wohin die Leichen verschwinden, wie das alles überhaupt organisiert ist – das alles wird nicht nur in Dialogen, sondern allem voran in den Bildern vermittelt, die in ihrer Klarheit, Komposition, Farbgestaltung und allgemein sehr hohen visuellen Qualität durchaus zu faszinieren wissen. Trotz dieser ästhetischen Stilisierung will sich Squid Game (dafür spricht das ausgeklügelte Worldbuilding) aber wie Gedankenexperiment anfühlen, das gar nicht mal so abwegig scheint – was genaueren Überlegungen nicht immer standhält. Dass etwa das zeitgleiche Verschwinden von mehr als 450 Menschen der südkoreanischen Polizei mal so gar nicht auffällt, mutet arg unglaubwürdig an.

Inhaltlich will Hwang Dong-hyuk aber ohnehin lieber der Klassengesellschaft Südkoreas den Spiegel vorhalten – oder vielmehr: ihr diesen Spiegel ins Gesicht drücken. Denn trotz aller Nuancen in der Zeichnung der zentralen Charaktere tut er sich schwer, nicht zunehmend ins Plakative abzudriften. Natürlich tragen die „VIPs“, zu deren Amüsement die Spiele veranstaltet werden, goldverzierte Tiermasken. Natürlich schöpfen sie ihr Vergnügen daraus, dass sie nur mit einem Scheck wedeln müssen und die weniger gut Situierten mit allen Mitteln darum kämpfen. Natürlich kommt es deshalb auch bald zwischen den Spielen zu tödlicher Gewalt mit dem Ziel, potenzielle Konkurrent*innen auszuschalten. Und natürlich gibt es in diesem menschenverachtenden Zirkus den einen moralisch halbwegs integren, aber von (Selbst-)Zweifeln geplagten Helden mit grauer Weste und trauriger Vorgeschichte, der sich letztlich durchsetzt und am Ende erkennen muss, dass Reichtum nicht glücklich macht, wenn man ein Gewissen hat. 

Die Parabel auf eine Gesellschaft, in der Macht und Geld von oben nach unten tröpfeln und die Untersten beim kleinsten Versagen vom System fallengelassen werden, ist eindeutig. Und doch versteigert sich Squid Game mit fortlaufender Dauer in unsubtile Plattitüden, verliert seine Zwischentöne und sein Mysterium und verpasst die Chance, seinen Protagonisten abseits einer Folge (die als einzige emotional dafür umso wuchtiger ist) ein ernsthaftes moralisches Dilemma aufzuerlegen, wo doch so viele Situationen das Potenzial dafür geboten hätten. Squid Game reißt die großen Themen an, geht einer tieferen Auseinandersetzung mit ihnen aber aus dem Weg. Eine verpasste Chance – doch die Faszination für diese Welt, für die Spiele und Regeln sowie die Sympathie für die Figuren und nicht zuletzt die Spannung sind immerhin groß genug, um die Serie zu gutem Entertainment mit hohem Binge-Potential zu machen.

Squid Game (TV-Serie, 2021)

456 verzweifelte Kandidaten treten in einem ebenso mysteriösen wie tödlichen Überlebensspiel gegeneinander an. Sie müssen mehrere Runden von Kinderspielen überstehen, um ein Preisgeld von 45,6 Milliarden Won zu gewinnen, das sie aus ihrer Misere befreien kann.

  • Trailer
  • Bilder

Kommentare

Weitere Filme von

Hwang Dong-hyuk