Harald Naegeli - Der Sprayer von Zürich (2021)

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Dieser Film steckte 40 Jahre in der Entwicklung. Ein Porträt über einen Künstler, der bis heute nichts von seiner Faszination und Subversion verloren hat.

Harald Naegeli - Der Sprayer von Zürich (2021)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Kleine Dosen Subversion

Der Untertitel dieses Dokumentarfilms ist eigentlich ein Widerspruch in sich. Denn die aufgeräumte Stadt in der Schweiz und ein Schmierfink, der sie verunstaltet, gehen im Grunde nicht zusammen. Harald Naegeli ist ein Sohn dieser Stadt und einer, den sie dringend nötig hat. Seine Kunst stößt bis heute auf Widerstände. Während die Sprühereien anderer inzwischen in Museen hängen oder bei Auktionshäusern für Millionen unter den Hammer kommen, wird ein echter Naegeli in Zürich ein ums andere Mal übertüncht. Ein Armutszeugnis unter Steinreichen. Nathalie David hat Naegeli porträtiert.

Den bald 82-Jährigen spornt das nur noch mehr an. Nach jedem entfernten Graffiti greift er erneut zur Sprühdose. Das war schon immer so und wird wohl bis zuletzt so bleiben. Der selbsterklärte Utopist ist auch ein überzeugter Sturkopf. In seinen Anfangsjahren Ende der 1970er- und Anfang der 1980er-Jahre brachte ihm seine Uneinsichtigkeit eine Haftstrafe und Weltruhm ein. Denn ein Sprayer, der für seine an die Wand gemalten Strichmännchen in den Knast geht, war rund um den Globus eine Schlagzeile wert. Der große Selbstinszenierer Joseph Beuys sprang ihm zur Seite, und Naegeli ging ins Exil nach Düsseldorf, aus dem er erst 2020 zurückkehrte.

Die Anklage lautete damals wie heute auf Sachbeschädigung. Naegeli lacht. Er sieht das völlig anders. Und er kennt die Schweizer Gesetzeslage. Eine Sachbeschädigung liege nur dann vor, wenn eine Sache zerstört oder unbrauchbar gemacht werde, sagt Naegeli. Seine Kunst mache weder das eine noch das andere. In seinen Augen werte sie das besprühte Objekt sogar auf. Das sehen inzwischen auch andere, aber freilich nicht alle so. Die erklärten Naegeli-Gegner geben einem zu denken. Wie kann es sein, dass der eine Künstler im Museum hängt und ein anderer für seine Kunst ins Gefängnis geht? In ein Weltbild, in dem eine saubere Fassade mehr zählt als die Menschen, die hinter den Fassaden hausen, scheint das aber zu passen.

Während die Zürcher Stadtverwaltung den Wert ihres berühmten Sprayers erkannt hat, seine Kunst konservieren will und ihm einen hochdotierten Preis verleiht, den Naegeli umgehend spendet, verklagt ihn der Kanton, dem viele Gebäude in Zürich gehören, weiterhin regelmäßig. Eine Farce, die Naegeli mit einem Achselzucken und süffisant verfassten E-Mails kommentiert. Im Dokumentarfilm werden sie aus dem Off vorgetragen. Auch Rundmails, die der Künstler unter dem Pseudonym Harry Wolke an seinen Freundeskreis verschickt, nehmen viel Raum ein. Dazwischen drängen sich Texttafeln und Andrina Bollingers Gesangsstimme in den Vordergrund. Regisseurin Nathalie David ist selbst Künstlerin und begegnet Naegelis Kunst mit ihrer eigenen. Auch ihr Film ist ein Kunstwerk.

Die Idee zu diesem Film existierte schon lange. Peter Spoerri hatte sie bereits 1979 und hat über Jahre Material zusammengetragen. Umgesetzt hat seine Idee dann David, die wie Naegeli viel zeichnet, was den Zugang zu ihm erleichterte. Denn eigentlich wollte er keinen Film mehr drehen. Er sei zu alt und krank und schwach. Seinem Düsseldorfer Exil hat er auch deshalb den Rücken gekehrt, um in seiner Heimatstadt Zürich zu sterben. Dann kam Corona und Naegeli blühte noch einmal auf. In dieser so tristen Zeit sprühte er sein letztes großes Projekt an die Wand, um die Zürcher zu erfreuen: seine Totentänze. Ein Segen für den Film und für die Stadt. Subversion aus kleinen Dosen.

Harald Naegeli - Der Sprayer von Zürich (2021)

Kunstwerk oder Straftat? Diese Frage provoziert Harald Naegeli, seit er 1977 seine erste Strichfigurenzeichnung an eine öffentliche Mauer sprayte. Während die Staatsanwaltschaft dem Sprayer von Zürich 1983 mit internationalem Haftbefehl auf den Fersen war, ist er für viele andere ein Pionier der Street Art. Heute, mit 80 Jahren, ist er aus dem Düsseldorfer Exil nach Jahrzehnten in seine Heimat zurückgekehrt, wo er seine Hassliebe mit der Stadt Zürich wieder aufleben lässt. 

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