Glitzer & Staub (2020)

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Das Regieduo Anna Koch und Julia Lemke schildert in „Glitzer & Staub“, wie sich vier US-Amerikanerinnen im Kindes- und Jugendalter auf dem Gebiet des Rodeos behaupten und dadurch mit Klischees brechen.

Glitzer & Staub (2020)

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Auf dem Rücken der Bullen

Ein Film über die Träume von Mädchen und jungen Frauen in ländlichen Gebieten der USA: „Glitzer & Staub“ kommt nicht nur zur richtigen Zeit, sondern ist in vielerlei Hinsicht ein Geschenk. Nachdem sich die Regisseurinnen Anna Koch und Julia Lemke in „Schultersieg“, ihrer gemeinsamen Abschlussarbeit an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin, mit jugendlichen Ringerinnen an einem olympischen Internat befasst haben, widmen sie sich nun vier US-Amerikanerinnen zwischen neun und 17 Jahren, deren Leidenschaft der Rodeo-Sport ist. Das Regieduo zeigt eine konservative Welt – und wie die vier Protagonistinnen mit zunehmendem Selbstbewusstsein gegen diese rebellieren.

In der zehnten Filmminute gibt es eine Sequenz, die nicht nur in ihrer kompositorischen Brillanz an die dokumentarischen Werke des Österreichers Ulrich Seidl erinnert. Darin versucht sich die neunjährige Ariyana Escobedo auf einer Bullen-Attrappe zu halten, die von ihrem jüngeren Bruder bewegt wird, während ihr Vater (mit großem Cowboyhut) zusieht; auf der linken Bildseite hängt ein Gemälde an der Wand, auf dem ein heroischer Rodeo-Reiter zu sehen ist. Der Blick, den Koch und Lemke auf die Menschen werfen, ist allerdings entschieden empathischer als bei Seidl. Zwar mag uns der hier präsentierte Kosmos zuweilen ein bisschen absonderlich vorkommen, doch Lemke fängt das Ganze in ihrer Funktion als Kamerafrau stets auf Augenhöhe ein. Der Film interessiert sich für das Leben, sowohl für das innere als auch das äußere, der Beteiligten, nicht für ein Ausstellen der Momente, die uns bizarr erscheinen könnten.

Bullen zu reiten oder Kälber zu fangen, ist fraglos eine recht ungewöhnliche Passion. Wenn Koch und Lemke anschaulich machen, wie Ariyana, Maysun King (10) sowie die Cousinen Altraykia Begay (15) und Tatyanna Shorty Begay (17) auf den Feldern, auf Übungsplätzen oder in Arenen ihren Träumen folgen, entstehen angenehm unkonventionelle Bilder – etwa wenn Maysun auf der Familienranch im Osten von Texas mit dem Golfcart über die Weiden rast oder wenn Tatyanna nach einem kurzen Bullenritt, der mit einem raschen Sturz endet, der jüngeren Altraykia voller Stolz von den Schmerzen, die sie gerade spürt, berichtet. Deutlich wird, dass das, was alle vier hier tun, ein emanzipatorischer Akt ist: Rodeo ist nach wie vor ein männerdominierter Sport. Sollte Ariyana ihr Ziel erreichen und an der Weltmeisterschaft der PBR (Professional Bull Riders) teilnehmen, wäre sie damit eine echte Pionierin.

Darüber hinaus gibt Glitzer & Staub, der auf dem Filmfestival Max Ophüls Preis 2020 seine Premiere feierte, einen spannungsreichen Einblick in die sehr unterschiedlichen Hintergründe der Protagonistinnen. Die Weite der Landschaften wird ebenso eindrücklich erfasst wie die Details in den Häusern der Familien. Zur visuellen Stärke kommt die Einfühlsamkeit in der Interaktion mit den gezeigten Menschen. Wenn die Kamera etwa in Momenten dabei ist, in denen Ariyanas Eltern Xavier und Lora sich im Alltagstrubel zanken, Maysuns Vater Trey im Interview zugibt, sich eigentlich einen Sohn gewünscht zu haben, oder Tatyanna unter Tränen erzählt, dass ihr kleiner Bruder vor ein paar Jahren gestorben sei, dann hat das nichts Voyeuristisches, sondern bleibt eine konzentrierte Beobachtung. Koch und Lemke tauchen ein in eine Welt aus Familiensituationen, Training und Wettbewerben, in der Staub zu glitzern vermag und ein Bulle zum Tanzpartner werden kann, wie Ariyana es an einer Stelle formuliert.

Glitzer & Staub (2020)

In den einsamen Weiten der USA leben vier Mädchen, die eine Leidenschaft teilen: Die wilde Welt des Rodeos. So unterschiedlich ihr kultureller Background sein mag, sie alle wollen in die Fußstapfen großer Cowboys treten. In einem Kosmos, der einst nur ihren Brüdern und Vätern gehörte, beweisen sie, dass „you ride like a girl“ keine Beleidigung, sondern ein Kompliment ist. (Quelle: Filmfestival Max Ophüls Preis 2020)

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