Der Schein trügt (2021)

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In drei tolldreisten Geschichten, die Jahrzehnte überspannen, erzählt Srdjan Dragojević von Zeichen und Wundern, Heiligen und Verlierern und entwirft mit viel derbem Humor und magischem Realismus ein wildes Panoptikum des postsozialistischen Ex-Jugoslawien und das Nebeneinander von Tradition und Aufbruch.

Der Schein trügt (2021)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Ein Heiliger wider Willen

Vielleicht liegt es ja am Namen, ganz sicher aber an seinem Heiligenschein, der eines Nachts unvermutet über seinem Kopf erscheint und nicht mehr weggehen will, dass eine ganz besonders fromme Dame förmlich zum Groupie wird und den armen Stojan, den sie beständig als St. Johann anspricht, bis zu dessen ärmlicher Behausung verfolgt. Dort erst setzt dessen resolute Gattin Nada (Ksenia Marinkovic) dem Spuk ein Ende und boxt den treuherzigen buchstäblich hinaus aus der delikaten Angelegenheit. Es ist eine Szene, wie sie typisch ist herrlich versponnene Episoden-Farce, die derb und fantasievoll zugleich immer wieder neue Haken schlägt und die sich am Ende als ebenso kluge wie witzige und mindestens ebenso vielschichtige Wundertüte entpuppt, so randvoll mit Ideen und Kapriolen, Berührendem wie Lächerlichem, dass es eine helle Freude ist.

Die Geschichte beginnt 1993 mit Stojan (Goran Navojec), einem ebenso einfältigen wie herzensguten Menschen, der mit Frau und Tochter in einer ärmlichen Gegend lebt. Offensichtlich hat die Familie vermutlich im gerade noch tobenden Bürgerkrieg alles verloren, liebevoll zimmert diese gute Mann nachts ein genaues Miniaturabbild des Hauses zusammen, das sie einst bewohnten und das niedergebrannt ist. Als Flüchtlinge stehend sie am Rande der serbischen Gesellschaft, mühsam halten sie sich über Wasser und dennoch lässt Stojan den Kopf nicht hängen — bis ihm eines Nachts ein Wunder widerfährt, ausgerechnet ihm, dem wackeren und aufrechten Kommunisten, der sich immer gegen die Frömmigkeit seines Frau gewehrt hat. Plötzlich manifestiert sich über seinem Kopf ein unübersehbarer Heiligenschein, der nicht mehr verschwindet, sondern der sich allenfalls durch eine Kopfbedeckung verbergen lässt. Was Stojan mit einem mal aus der Masse der Menschen heraushebt, was ihm und seiner Frau allerdings gar nicht recht ist. Und so wird ausgerechnet Stojan, der keiner Fliege etwas zuleide tun kann, auf Drängen seiner Frau zum Sünder, denn wie anders kann man so einen hartnäckigen Heiligenschein wieder loswerden, so denken sich die beiden. Die Erscheinung erweist sich aber als verblüffend beständig — beständiger jedenfalls als die Ehe zwischen Stojan und Nada. Das aber ist wiederum eine ganz andere Geschichte.

Nach diesem furiosen Auftakt springt Nebesa ins Jahr 2001 und greift dort einen Faden der Geschichte auf, der in der ersten Episode nur eine Nebenrolle spielte. Stojan wird vom Zentrum an den Rand gerückt und stattdessen rückt der schizophrene Künstler Gojko (Bojan Navojec) in den Mittelpunkt, der wegen eines Doppelmordes zum Tode verurteilt wird. Der Leiter des Knastes, in dem er seiner Hinrichtung entgegensieht, ist Stojan — und der ist fest entschlossen, das Urteil auch durchzuführen — selbst als Gojan wie durch ein Wunder sich in der Nacht vor der Hinrichtung verwandelt und damit die Exekution menschlich überaus fragwürdig erscheint. Und noch einmal 25 Jahre später lebt Gojko immer noch und entdeckt plötzlich, dass seine Bilder neben künstlerischen noch ganz andere Qualitäten haben, die für großes Aufsehen und nationales Interesse sorgen und schließlich sogar die Staatsgewalt auf den Plan rufen.


Was hier allenfalls nur angedeutet werden kann und soll, ist in Wahrheit natürlich die große Stärke dieses Films: Seine unwahrscheinlichen Wendungen, die „divine interventions“, die niemals begründet oder erklärt, sondern vielmehr einfach mit so großer Selbstverständlichkeit gesetzt werden, dass man allzu bereitwillig und voller gespannter Vorfreude jedem neuen Haken und jeder kruden Wendung gerne folgt, auch wenn der Film durchaus beherzt zulangt und das Handeln seiner Charaktere durchaus fragwürdig bis brutal und häufig abstoßend skizziert. Dennoch folgt man den wilden Kapriolen, weil Srdjan Dragojević die Schicksale seines Ensembles so gekonnt durcheinanderwirbelt, dass man einfach wissen will, ja wissen muss, wie es mit ihnen allen ausgeht und man jedem einzelnen der Charaktere selbst durch die größten Niederlagen noch gerne folgt.

Nebesa ist ein mindestens ebenso unterhaltsamer wie verblüffend komplexer Film, der in manchen Momenten — auch wenn er dann doch ganz anderen Töne anschlägt — ein wenig an Radu Judes Berlinale Gewinner Bad Luck Banging or Looney Porn erinnert: Was die beiden Filme miteinander verbindet, ist weniger die Thematik, sondern vielmehr diese wilde Fabulierlust, dieses Erschaffen einer ganz eigenen Welt, in der sich die Kontinuitäten und Brüche in der Geschichte Osteuropas widerspiegeln, ohne dabei den moralisch-besserwisserischen Zeigefinger zu erheben.

Der Schein trügt (2021)

In drei Episoden geteilte serbische Satire/ Schwarze Komödie von „Parada“-Regisseur Srdjan Dragojevic, über die Verwerfungen einer wertefreien Gesellschaft, die Produktivität der Todsünden und die absurden Abgründe, die sich im Auge des Betrachters auftun können…

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