Der Atem des Meeres (2020)

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Die Schönheit der Natur und die Sprache des Kinos sind ein alteingesessenes Pärchen. Pieter-Rim de Kroons Meisterstück „Silence of the Tides“ zeigt am Beispiel des Wattenmeers, wie umwerfend diese Verbindung sein kann.

Der Atem des Meeres (2020)

Eine Filmkritik von Matthias Pfeiffer

Am Rande des Meeres

Wie kann das nicht animiert sein? Immer wieder stellt sich die Frage bei Pieter-Rim de Kroons „Silence of the Tides“, ob das wirklich die Natur ist, die man hier sieht oder vielmehr zu Film gewordene Flora- und Fauna-Fantasien eines Künstlers. Dieses Werk ist weit mehr als ein Dokumentarfilm über das Wattenmeer, das er mit allem, was um und in ihm lebt, einfängt. Eher bekommt man das Gefühl, alles Grundlegende in diesem Mikrokosmos zwischen den Niederlanden, Dänemark und Norddeutschland zu sehen.

Die Aussagen von Silence of the Tides (deutscher Titel: Der Atem des Meeres) muss sich das Publikum jedoch selbst erarbeiten beziehungsweise erfühlen. De Kroons lässt Erklärungen und Off-Kommentare außen vor und stürzt die Zuschauer direkt in seine Bildwelten. Beim optischen Genuss, den sein Film bietet, kann man im Grunde gar nicht von Arbeit sprechen, sondern von direktem Erleben. Da ist es auch komplett nebensächlich, ob es sich beim Gezeigten um die Werke der Natur oder den Alltag der Menschen handelt. Die atemberaubenden Landschaftsaufnahmen, die Art, wie Kameramann Dick Harrewijn die mystische Arbeit der Gezeiten einfängt, sorgen immer wieder für Momente der Sprachlosigkeit. Nie hat man das Gefühl, in einem Tourismuswerbefilmchen zu sitzen. die Visualität von Silence of the Tides ist ganz große Kunst. In seinen surreal bis hyperrealistisch anmutenden Bildern erinnert er hier an Werner Herzogs Fata Morgana oder Leviathan von Lucien Castaing-Taylor und Véréna Paravel.

Welche Arbeit dahinter steckt, lässt sich höchstens erahnen. Es wirkt, als wären der Regisseur und sein Team komplett in die Choreografie der Natur eingestiegen. Die Kamera ist immer zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle, um das gewünschte Detail einzufangen. Ob es nun um den Tanz der Quallen geht, spuckende Muscheln oder die alles verschluckende Flut. Wenn es dann ins Unterwasserreich geht und die Glieder der Krabben und Krebse das komplette Sichtfeld einnehmen, glaubt man sich restlos im Science-Fiction-Bereich zu befinden. Diese unwirkliche Stimmung ist mitunter schwer zu beschreiben. Sie changiert irgendwo zwischen der Post-Apokalypse und der Welt vor unserer Zeitrechnung.

Was einen dann doch wieder in die Gegenwart zurückholt, sind die Menschen, die ihren täglichen Verrichtungen nachgehen. Dabei wirken sie wie die Seelöwen und Löffler, mit denen sie sich den Lebensraum teilen: nämlich als würden sie die Kamera nicht bemerken. Ein Briefträger auf Schienen, eine Organistin, die ihr Instrument stimmt, eine Trauergemeinde und nicht zuletzt Soldaten, die sich an der Küste auf den Ernstfall vorbereiten – auf fremdartige Weise wirken sie alle wie der natürliche Teil dieses Systems. Den einzigen Kontrast bildet eine Szene, in der die Landschaft nicht von der Flut, sondern vom Massentourismus überschwemmt wird. Untermalt von einer Blasmusikkapelle, die auf einem Lieferwagen durch die Gegend gefahren wird, tummelt sich das bunte Volk der Kreuzfahrten an den Stränden und macht einen bizarreren Eindruck als jedes gruselige Unterwasserlebewesen. Auch hier enthält sich de Kroons des kritischen Kommentars. Er lässt die Bilder sprechen und setzt klar auf den emotionalen Zugang des Publikums, ohne dabei in manipulative Gewässer einzutauchen.

Wenn man das alles nun liest, könnte man auf die Idee kommen, Silence of the Tides sei ein recht zufällig zusammengewürfeltes Ereignis. Doch dieser Eindruck kommt nie auf. Alle Bestandteile existieren harmonisch nebeneinander und wecken am Beispiel des Wattenmeers ein Gefühl für den Organismus, den Mensch und Natur bilden. Jetzt könnte man auch noch glauben, dieser Film hätte einen esoterischen Unterton, doch auch das ist weit gefehlt. Man wird an keiner Stelle mit dem Kitsch-Hammer zu solchen Assoziationen geprügelt, sondern kommt ganz von allein zu derartigen Schlüssen. Geburt, Tod, Kampf, fressen und gefressen werden – alles wird sichtbar und steht erst einmal für sich, fügt sich aber doch zu einem großen Ganzen, das naheliegend, gleichzeitig jedoch schwer zu fassen ist. Visuell und inhaltlich also ganz große Dokumentarfilmkunst, geschaffen für die große Leinwand!

Der Atem des Meeres (2020)

In stillen Einstellungen und von natürlichen Sounds der Umgebung getragen erleben wir die Welt des Wattenmeeres im Rhythmus der Gezeiten. Über die Dauer des Films gehen die Uhren anders und unsere Sinne öffnen sich: Wir tauchen in das Spiel des Wassers ein. Glitzernd drückt es sich durch den Sand, bildet Flussläufe und zieht sich zurück in die Weiten der Meere. Lämmer werden geboren, auf die Weidegründe begleitet und geschlachtet. Der Postbote zuckelt ein einsames Gleis entlang und bringt Nachricht aus der Ferne. Forscher.innen tauchen wissbegierig in Tierwelten ein, während vom Leuchtturm aus der Verkehr geregelt wird und Militärs mit schwerem Geschütz den Ernstfall proben. Eine filmische Liebeserklärung an das Wattenmeer, das Leben und die Zeit. (Quelle: DOK.fest München)

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Meinungen
Hermann Sauer · 22.08.2021

Grandioser Film. Großartige Kamera. Keine Filmmusik, keine Kommentierung. Nur Natur und der Mensch in derselben. Der Film nimmt einen mit in die Gezeiten. Wunderbares Schlussbild mit der in der Ferne verschwindenden Inselbahn, dem Vogelzug und dem plötzlich sichtbaren Vollmond.

Bea · 08.08.2021

Grosses Kompliment für Matthias Pfeiffer. Komme gerade aus dem Film. Er hat diesen so phantastisch beschrieben, dass ich dem wirklich nichts hinzufügen kann. Leider wird es wenig Zuschauer geben, fürchte ich, die sich diesem Genuss hingeben werden, der wirklich nur auf der großen Kinoleinwand zur Geltung kommt.

Kommentare

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