Das Haus der guten Geister (2019)

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Wer Klassik liebt, liegt bei diesem Film richtig. Lillian Rosa und Marcus Richardt blicken in ihrem Dokumentarfilm hinter die Kulissen eines der besten Opernhäuser der Welt.

Das Haus der guten Geister (2019)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Das Geheimnis ihres Erfolges

Wo steht das beste Opernhaus der Welt? Nicht in New York, Mailand, Moskau, London oder Paris - nein, in Stuttgart. Richtig gelesen! Was Musikbanausen verblüffen mag, ist Kennern kein Geheimnis. Vor vier Jahren erhielt die Staatsoper Stuttgart bereits zum siebten Mal die Auszeichnung „Opernhaus des Jahres“, so oft wie keine andere Oper weltweit. Lillian Rosa und Marcus Richardt spüren in ihrem Dokumentarfilm dem Geheimnis dieses Erfolges nach.

Dafür haben sie während der Spielzeit 2017/2018 hinter die Kulissen geblickt und die Entstehung von Pjotr Tschaikowskis Pique Dame hautnah begleitet. Eine ganze Führungsriege gibt mit dieser Spielzeit ihren Abschied: Intendant und Regisseur Jossi Wieler, Chefdramaturg und Co-Regisseur Sergio Morabito, Generalmusikdirektor Sylvain Cambreling, Bühnen- und Kostümbildnerin Anna Viebrock. Rosas und Richardts Film gewährt also nicht nur einen seltenen Einblick in die Mechanismen einer gut geölten Kulturmaschine, er ist auch Dokument eines schweren Erbes.

Geradezu locker und leicht sind indes der Umgangston und die Arbeitsatmosphäre im Haus. Alles scheint möglich, vieles ist im Fluss. Egal bei wem das Regieduo nachfragt, die Antworten fallen ähnlich aus. Schauspieler*innen, Bühnenbildner*innen, der Sprachcoach und ein Opernkritiker sind sich einig, dass der offene Dialog den Erfolg des Hauses ausmacht. Jedes der verschiedenen Gewerke findet beim Intendanten Gehör. Der kreative Input aller ist wichtig und ein nicht zu unterschätzender Faktor.

Für Jossi Wieler liegt der Grundstein dieser Arbeitsweise tief in der eigenen Vergangenheit. Er sei ein ängstliches Kind gewesen und habe auch später als Regisseur unter Druck nie gut arbeiten können, sagt er. Dementsprechend pflegt er ein Berufsethos, das auf flache Hierarchien, Mitsprache und Freiheiten setzt. Die Stuttgarter Staatsoper, das ist das Fazit dieses Films, ist kein Angstraum, sondern ein Schutzraum, der Platz bietet, sich zu erproben, dabei auch mal zu scheitern und gemeinsam zu wachsen; ein Freiraum, der Kunst als Gemeinschaftsprodukt begreift und nicht als von oben verordnete Vision eines Einzelnen.

Dass es auch in diesem demokratischen Arbeitsprozess zu Reibungen kommt, ist klar und spart der Film nicht aus. Je näher der Premierentermin rückt, desto greifbarer wird die Anspannung. Der große Krach aber bleibt aus. Selbst Meinungsverschiedenheiten werden in diesem Haus harmonisch beigelegt, so scheint es. Dafür kracht es unvermittelt auf der politischen Weltbühne. Mitten in die Vorbereitungen zu Pique Dame platzt die Nachricht, das Kirill Serebrennikow in seiner Heimat verhaftet wurde. Der russische Regisseur sollte in Stuttgart eigentlich Engelbert Humperdincks Hänsel und Gretel inszenieren. Der Vorwurf lautete Veruntreuung von Staatsgeldern. Der in Stuttgart so hochgehaltene Freiraum für die Kunst ist andernorts längst unter Beschuss geraten. Auch das zeigt dieser Film. 

Was er hingegen nicht bis in letzte Detail erklärt, ist, wie die eingangs erwähnte Auszeichnung zum „Opernhaus des Jahres“ zustande kommt. Dass sie sich aus einer jährlichen Umfrage der Fachzeitschrift Opernwelt unter internationalen Kritiker*innen ergibt, klingt ja zunächst einmal beeindruckend. Dass in dieser Umfrage jedoch hauptsächlich Häuser im deutschsprachigen Raum in Betracht gezogen werden, schränkt die eingangs getroffene Feststellung dann doch erheblich ein. Ebenso die Tatsache, dass sechs der sieben Auszeichnungen unter Jossi Wielers Vorgänger Klaus Zehelein errungen wurden. 

Ist die Staatsoper Stuttgart also tatsächlich besser als die Met in New York, als die Mailänder Scala, das Bolshoi in Moskau, das Royal Opera House in London oder die Opéra National de Paris? Für den Film spielt es letztlich keine Rolle. Der Einblick hinter die Kulissen fasziniert so oder so – selbst wenn es sich nur um das beste Opernhaus im deutschsprachigen Raum handeln sollte.

Für Fans klassischer Musik lohnt sich derzeit übrigens noch ein weiterer Film, Iva Švarcovás und Malte Ludins Tonsüchtig, der die Wiener Symphoniker in den Blick nimmt. Zwei Filme, eine Mission: die Leidenschaft für die Musik und die harte Arbeit dahinter zu vermitteln.

Das Haus der guten Geister (2019)

Der Dokumentarfilm spürt dem besonderen Geist und Ethos an der Oper Stuttgart nach, der das Haus zu außergewöhnlichen Erfolgen und internationaler Anerkennung geführt hat. 2016 erhielt die Oper Stuttgart zum siebten Mal die von internationalen Kritikern vergebene Auszeichnung „Opernhaus des Jahres“, so häufig wie kein anderes Opernhaus auf der ganzen Welt. Dieser Erfolg ist umso überraschender, da das Haus unter der Intendanz von Jossi Wieler von einer in der Opernwelt wohl einzigartigen Arbeitsweise geprägt ist: Musiktheater als integratives Gemeinschaftswerk, das transparent und im offenen Dialog auf Augenhöhe zwischen Machern, unterschiedlichen Gewerken im Haus und dem Publikum entsteht.

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