Carmen (1983)

Carmen (1983)

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Carlos Sauras Flamenco-Version

Die schillernde Frauenfigur der Carmen aus der gleichnamigen Novelle von Prosper Mérimée aus dem Jahre 1847 ist nicht nur die Hauptprotagonistin der berühmten Oper von Georges Bizet und zahlreicher Ballett-Adaptionen des Stoffes, sondern auch die Heldin einiger Spielfilme, von Charlie Chaplins Carmen-Parodie / A Burlesque on Carmen über Luigi Bazzonis Westernvariante Der Mann, der Stolz, die Rache / L’uomo, l’orgoglio, la vendetta und Jean-Luc Godards freizügig gestalteter Groteske Vorname Carmen / Prénom Carmen bis hin zu Carlos Sauras Carmen mit der Musik von Paco de Lucía, der nun erstmals auf Blu-ray erscheint.

Es ist der Flamenco, der diesen ausdrucksstarken Tanzfilm dominiert, der ausführlich die Proben zu einer Aufführung von Carmen mit reichlich Rhythmus, Gesang und Gitarrenklängen zelebriert. Die von schwelender Eifersucht durchwebte Liebesgeschichte ereignet sich hier zwischen Carmen (Laura del Sol) und dem Choreographen Antonio (Antonio Gades), als dessen Komponist Paco der Musiker Paco de Lucía fungiert. Regisseur Carlos Saura – zu dessen Lebzeiten ein enger Freund Luis Buñuels – hatte sich vor seiner Laufbahn in Sachen Film als Fotograph für Musik und Tanz spezialisiert und reichlich Kenntnisse besonders über den Flamenco gesammelt, und dieses aus Gesang, vornehmlich Gitarre und Tanz bestehende musikalische Genre ist auch nicht selten Thema seiner Filme. Für Carmen hatte er die in klassischem Ballett ausgebildete Flamencotänzerin Laura del Sol als Spielfilmdebütantin engagiert, deren recht undisziplinierte Haltung während der Dreharbeiten ganz dem Charakter ihrer Rolle entsprach, wie sie selbst im Rahmen der Featurette zur Geschichte des Films erzählt, die als Extra auf der Blu-ray enthalten ist.

Nicht als Hure, sondern als freizügige, eigensinnige und prätentiöse Frau erscheint die schöne Carmen bei Carlos Saura, was auch sein Bild von der modernen spanischen Frau der frühen 1980er Jahre transportiert. Auch die anderen Schauspielerinnen wie Cristina Hoyos als energische Tanzlehrerin und Marisol als Tänzerin Pepa Flores repräsentieren diese emanzipatorische Intention des Films, dessen stimmungsvolle Choreographien den Aufruhr der Geschlechter in höchst ansprechender Weise künstlerisch transformieren. Schwermut und Klage umwehen hier mit berührender Intensität das Drama der Liebe mit dem Mysterium des Flamencos, auf die Erde stampfende Füße und zum Himmel erhobene Arme flankieren die stolze Mimik der Gestalten im musikalischen Gefecht. Der Mord, der möglicherweise am Ende geschieht, ist unblutig und bleibt unbemerkt – ein offener Ausklang im Spiel von so genannter Realität und Fiktion, deren Ebenen dieser Film geschickt miteinander verknüpft.
 

Carmen (1983)

Die schillernde Frauenfigur der Carmen aus der gleichnamigen Novelle von Prosper Mérimée aus dem Jahre 1847 ist nicht nur die Hauptprotagonistin der berühmten Oper von Georges Bizet und zahlreicher Ballett-Adaptionen des Stoffes, sondern auch die Heldin einiger Spielfilme, von „Charlie Chaplins Carmen-Parodie / A Burlesque on Carmen“ über Luigi Bazzonis Westernvariante „Der Mann, der Stolz, die Rache / L’uomo, l’orgoglio, la vendetta“ und Jean-Luc Godards freizügig gestalteter Groteske „Vorname Carmen / Prénom Carmen“ bis hin zu Carlos Sauras „Carmen“.

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Meinungen
Martin Zopick · 02.05.2022

Der Film ist vor allem ein Genuss für Liebhaber des Flamencos, aber auch die strammen Tanzszenen mit ihrem hämmernden Rhythmus können einen packen. Besonders wenn wie hier der Großmeister der Flamenco Gitarre Paco de Lucia in die Saiten greift, der auch noch eine kleine Rolle bekommen hat.
Carlos Saura, der Altmeister des spanischen Kinos hat hier eine Dreierkombination gestartet. Er hat Musik, Literatur und das wirkliche Leben in einen Handlungsstrang eingebunden, wobei die Grenzen fließend sind und sich bewusst überschneiden. Mal verdeutlichen die Tanzszenen das Geschehen (wie der Chor im antiken Drama), mal sind sie Motor der Aktionen und treiben sie voran.
Carlos Saura entnimmt den Plot einer Geschichte von Prosper Mérimée (da ist immer Blut mit im Spiel!) und unterlegt ihn mit der Musik von Bizet. Der Choreograph Antonio (Ballett Legende Antonio Gades) sucht eine Tänzerin für ‘Carmen‘. Er findet sie in einer jungen Frau gleichen Namens (Laura del Sol), verliebt sich in sie, wird von ihr verlassen und bringt sie um. Genau das ist das Thema der Oper und der Novelle.
Geschickt werden Szenen des realen Lebens mit der Fiktion der Literatur verknüpft, wechseln einander ab oder gehen in einander über. Sie überlappen sich, so dass man nicht mehr genau weiß, was ist Theater und was ist wirkliches Leben.
Besonders der expressive Tanz verdeutlicht Gefühle wie Eifersucht, Hass und Neid, Liebe oder Zuneigung und immer ist ganz viel Stolz mit im Spiel. Auf der Tanzbühne kann ein Fake stattfinden, im wahren Leben ist ein Mord ein Verbrechen mit Konsequenzen. So sieht man auch nicht genau was Antonio mit Carmen macht. Er zückt ein Messer, sie steht verdeckt in einer Tür, er holt aus und sticht ins Unsichtbare. Kann man sich schon mal anschauen.

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