Beckenrand Sheriff (2020)

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Skurrile Charaktere, ein hinreißend heruntergerocktes Freibad, ein wenig Liebe und echt oberbayrisches Lokalkolorit — der neue Rosenmüller hält nahezu alles, was man sich vorher von ihm versprechen konnte und führt das Genre des neuen Heimatfilms einfach munter weiter.

Beckenrand Sheriff (2020)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Schwimmen lernen

Karl Krause (Milan Peschel) ist kein Einheimischer, sondern, wie man bereits am Zungenschlag merkt, ein Fremder, ein Zugroaster, noch dazu ein Preiß aus Berlin. Daran liegt es aber nicht, dass der Schwimmmeister, der sich immer total aufregt, wenn ihn jemand als „Bademeister“ bezeichnet, nicht sonderlich beliebt ist im Freibad von Grubberg, über das er wie ein kleiner Diktator herrscht. Barsche Anweisungen, dass auf Bahn 6 das Kraulen nicht erlaubt sei, eine bis an die Pedanterie getrieben Überpünktlichkeit beim Einhalten der Öffnungszeiten, überhaupt das ganze muffelige Wesen — all das lässt ihn wie einen Fremdkörper erscheinen, einen Mann, der sich längst daran gewöhnt hat, nicht gemocht zu werden und der die grantige Menschenfeindlichkeit als Panzer gegen die Unbilden des Lebens hegt und pflegt. Kaum zu glauben, dass dieser missmutige kleine Mann über ein Herz hat und wenn, dass dieses dann etwas anderes ist ist ein verschrumpeltes, vertrocknetes Etwas in seiner Brust.

Und doch gibt es Dinge, die ihm am Herzen liegen: Das Freibad eben, sein Arbeitsplatz, den er mit so viel Wut gegen alles und jeden — auch kackende Ente mit großem Furor verteidigt, soll nach dem Willen der Bürgermeisterin (herrlich schnippisch: Gisela Schneeberger) geschlossen und an den Investor Dengler (Sebastian Bezzel) verscherbelt werden, der das ganze Dinge „ohne Kosten für die Stadt“ abreißen und stattdessen mit Luxuswohnungen zupflastern will. Klar, dass Kruse das nicht zulassen will, doch wie findet man Verbündete, wenn man selbst nicht sehr beliebt ist?

Der Film findet für dieses zentrale Frage einige Tricks und Umwege — beispielsweise über die Schwimmerin Lisa (Sarah Mahita), den aus Nigeria stammende Refugee Sali (Dimitri Abold), der sich trotz seines Daseins als Nichtschwimmer als Aushilfe im Freibad verdingt, eine herrlich gemischte Amateur-Wasserballmanschaft unter der Fuchtel der gestrengen Frau Wilhelm (Johanna Wokalek) sowie ein Schwarm dreister Enten und einiger anderen Nebenfiguren und Subplots, die aber niemals überborden, sondern immer wieder auf wundervoll leichte und heitere Weise zusammengeführt werden.

Oberflächlich betrachtet eine Komödie mit stark regionalem Einschlag, verhandelt Beckenrand Sheriff zugleich einige bemerkenswerte Fragestellungen, lässt behutsam und langsam eine Freundschaft zwischen zwei Männern entstehen, die beide auf ihre je eigene Weise Fremde sind, eine zarte Liebe auch, unwahrscheinliche Allianzen und zum Schluss sogar fast so etwas wie ein Gemeinschafts- und Heimatgefühl über alle Grenzen der nationalen wie sozialen Herkunft hinweg. Das kann man auf eine Weise naiv und utopistisch nennen, auf der anderen Seite aber auch Mut machend und positiv.

Die Gewässer, in denen Marcus H. Rosenmüller sich bewegt, sind vertraut. Es sind keine wildromantischen Flussläufe, keine Wasserfälle vor imposanter Bergkulisse, kein rauschender Wildbach wie früher im Heimatfilme alter Prägung, sondern ein in die Jahre gekommenes, bröckelndes Freibad im beinahe schon brutalistischen Stil der 1960er Jahre. Allein schon hieran kann man ermessen, wie sich der „neue Heimatfilm“, den Marcus H. Rosenmüller seit Wer früher stirbt, ist länger tot ganz wesentlich mitgeprägt hat, vom alten unterscheidet. Nicht penetrant und mit erhobenem Zeigefinger, sondern nebenbei erzählt der Film von einer Form der provinziellen Gentrifizierung, bei der Treffpunkte gesellschaftlichen Lebens wie das alte Freibad schmucken Townhouses weichen sollen, in denen dann die betuchteren (Neu)Bürger*innen monadisch und abgeschirmt vom niederen Volk leben, während das Verbindende und Gemeinschaftliche immer weiter zurückgestutzt wird — ein Trend, der längst nicht mehr nur die Metropolen, sondern immer häufiger auch auf dem flachen Land zu beobachten ist.

Dass es den Grubbergern und ihrem Schwimmeister schlussendlich gelingt, sich aus dem Klammergriff des Investor zu befreien und sich buchstäblich freizuschwimmen, verdankt sich dann am Ende einem recht schrägen, aber keineswegs beschissenen (Verzeihung, der musste sein) Zufall, der nur auf den ersten Blick arg konstruiert wird, der aber in Wirklichkeit bestens passt zu dieser Komödie voller Umwege, Abzweigungen und Nebenlinien, die doch nie auseinanderfällt.

Beckenrand Sheriff (2020)

Das Freibad in Grubberg soll geschlossen werden, findet die Bürgermeisterin. Der  Bauherr Albert Dengler wittert seine Chance, denn auf die frei werdenden Fläche kann er jede Menge neuer Wohnungen bauen. Doch die beiden haben die Rechnung ohne Karl gemacht, der hier seit 30 Jahren brav seinen Dienst versieht. Um das Freibad zu retten, müsste ein Bürgerbegehren her, doch woher soll Karl die benötigten 600 Unterschriften kriegen? Denn von den wenigen Badegästen sind die. meisten nicht gerade gut auf ihn zu sprechen. Und auch sonst gibt es jede Menge Probleme. 

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Meinungen
Felix Alt · 04.09.2021

Witzig, überdreht, mit Slapstick-Elementen. Bekannte und gute Darsteller, die man gerne wieder sieht. Gelungen ist z.B. wie Flüchtling Sali einen Schleuser braucht, um aus Deutschland heraus zu kommen. Flotte Komödie mit vorhersehbarem Ausgang.
#kinopremieren

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