Wir - der Sommer, als wir unsere Röcke hoben und die Welt gegen die Wand fuhr (2018)

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Ein Sommer in der niederländischen Provinz kann sehr langweilig sein – vor allem, wenn man jung ist. Der Kampf einer Gruppe von Jugendlicher gegen die Ödnis nimmt immer extremere Formen an und steigert sich in einen orgiastischen Strudel aus Sex, Gewalt und Drogen.

Wir - der Sommer, als wir unsere Röcke hoben und die Welt gegen die Wand fuhr (2018)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Summer of Love

Es ist Sommer in der Provinz irgendwo an der Grenze zwischen Belgien und den Niederlanden –ein besonders heißer Sommer, der nicht zu enden scheint. Acht Teenager verbringen ihre Ferien zunächst gelangweilt und entdecken dann die Freuden der ungehemmten Sexualität und freien Liebe, die aber im Verbund mit Drogen und der Gier nach „immer mehr“ und „immer heftiger“ eine fatale Eigendynamik entwickeln.

Simon (Tijmen Govaerts),Thomas (Aime Claeys), Jens (Friso van der Werf), Karl (Folkert Verdoorn) und die vier Mädchen Ruth (Maxime Jacobs), Liesl (Pauline Casteleyn), Femke (Salome van Grunsven) und Ena (Laura Drosopoulos) verbringen diesen Sommer, indem sie auf ihren Mofas und Fahrrädern durch die Gegend brausen, rauchen, an einem verlassenen Wohnwagen abhängen, zum Baden an einen See fahren und zwischendrin immer ungehemmter ihrer Sexualität nachgehen, bis ihre Langweile und ihre Verachtung für ihre gutbürgerlichen Elternhäuser sie schließlich in eine andere Richtung treibt, einen Pfad, der ebenso verführerisch wie verhängnisvoll ist – für sie und andere.

Es beginnt ganz harmlos, als Streich von Heranwachsenden: Auf einer Brücke über der Autobahn, unter der sich mit enervierender Trägheit der Verkehrsstrom hindurchbewegt, stehen sie in einer Szene buchstäblich über den Dingen und Banalitäten eines normalen, bürgerlichen, Erwachsenenlebens. Beinahe spielerisch beginnen sich die jungen Frauen zu entblößen und den Autofahrern ihre nackten Brüste, Ärsche und Genitalien entgegenzustrecken. Eine Provokation mit Folgen: abgelenkt durch den Anblick verliert ein Autofahrer die Kontrolle über sein Fahrzeug und verursacht eine Massenkarambolage, durch die eine Frau stirbt und zwei kleine Kinder schwer verletzt werden. Es wird nicht das einzige Menschenleben bleiben, das dieser Sommer als Tribut fordert.

Normalerweise würde solch eine Katastrophe wie der von ihnen verschuldete Autounfall den Verursachern schwer auf der Seele lasten, doch die Jugendlichen, von denen René Ellers düster-sommerliches Coming-of-Age-Drama Wir — Der Sommer, als wir unsere Röcke hoben und die Welt gegen die Wand fuhr erzählt, sind gänzlich ungerührt und vielmehr begeistert davon, endlich mal in den Schlagzeilen aufzutauchen.

In dieser zentralen Szene akkumulieren alle Elemente, die den Fortgang der Geschichte ausmachen: jugendliche Revolte, radikales Ausleben der Sexualität ohne Rücksicht auf die Umwelt, Machtaneignung gegen die Erwachsenenwelt und schließlich implizite Gewalt, die in einer Katastrophe mündet, ohne dass daraus ein Impuls der Läuterung entstünde. Und so schraubt sich die Spirale des Eskalation immer weiter fort, bis der Sommer der Liebe und Revolution zuerst im Drogenrausch und einem eigens angemieteten Wohnungspuff und dann in einem Gerichtssaal endet – allerdings nicht, ohne dass dort die Welt der erwachsenen Autoritäten einen gehörigen Dämpfer erhielte.

Ellers, dessen Herkunft aus der Werbe- und Musikvideo-Szene man seinen teilweise betörend schönen Bildern anmerkt, gliedert sein bemerkenswertes Spielfilmdebüt in gleich vier unterschiedliche Perspektiven (plus Rahmenhandlung), in denen Simon, Thomas, Ruth und Liesl in sich teils erheblich widersprechenden Schilderungen die Vorkommnisse jenes verhängnisvollen Sommers berichten. So entsteht mit der Zeit ein Kaleidoskop von Einblicken, das sich erst nach und nach zu einem (nahezu) vollständigen Bild zusammenfügt.

Im Prinzip erzählt Ellers, basierend auf dem viel fragmentarischeren gleichnamigen Skandalroman von Elvis Peeters, eine Geschichte, die sehr an Eva Hussons Drama Bang Gang aus dem Jahre 2015 erinnert. Wobei der niederländische Film aber im Gegensatz zu seinem französischen Pendant viel härter, expliziter, unmittelbarer und mit einer breiteren Perspektive auf die Gesamtgesellschaft vorgeht. Zugleich erinnert Wir an Larry Clarkes Kids, mischt die sommerliche Nostalgie von Stand by Me — Das Geheimnis eines Sommers mit der Beschreibung einer adoleszenten Ennui wie in Sofia Coppolas The Bling Ring, ist in kurzen, schockartigen Momenten explizit und drastisch wie Gaspar Noé und dann wieder voller Furor, wie man ihn etwa aus den Filmen Michael Hanekes kennt.

Allerdings erliegt Ellers wie seine jugendlichen Protagonisten der Faszination und Soghaftigkeit der permanenten Eskalation und Verausgabung, so dass er am Schluss beinahe vollständig die Frage nach den Gründen für die völlige Amoralität des Handelns aus dem Blick verliert. Womöglich aber zeigt der Film genau im Auslassen dieser erwachsenen, autoritär-reglementierenden Perspektive seinen Respekt vor den Jugendlichen, die er trotz ihrer Ich-Bezogenheit und Empathielosigkeit im Gegensatz zur bürgerlichen Gesellschaft ihrer Heimat nicht am liebsten hinter Gitter sperren will. Sie sind vielmehr Produkte einer Gesellschaft, in der Gier, Rücksichtslosigkeit und das ungehemmte Streben nach Lustbefriedigung, Ruhm und Freiheit nur mühsam zivilisatorisch in Schach gehalten werden. Sie wollen nur spielen und wissen nicht, was sie tun … Aber Hand aufs Herz: Geht uns das nicht genau so?

Wir - der Sommer, als wir unsere Röcke hoben und die Welt gegen die Wand fuhr (2018)

Es ist ein langer und ereignisloser Sommer an der niederländisch-belgischen Grenze. Um der Monotonie zu entgehen, beginnen sie sich gegenseitig herauszufordern — auch sexuell. Und das bleibt nicht ohne Folgen. 

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