Sweet Tooth (TV-Serie, 2021)

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Das Warten hat ein Ende, aber hat es sich auch gelohnt? Jeff Lemires hochgelobter Comic „Sweet Tooth“ startet als Serie auf Netflix. Das sagt Ihnen nichts? Dann sei nur so viel gesagt: USA Today beschrieb den Comic als „Mad Max mit Geweih“.

Sweet Tooth (TV-Serie, 2021)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Postapokalyptischer Süßkram

Die Adaptionen von Comicvorlagen werden nicht weniger. Da mutet es fast schon wie eine Seltenheit an, wenn es einmal nicht um kostümierte Supermenschen geht. Sweet Tooth ist solch ein Fall. Der Comic stammt vom Kanadier Jeff Lemire und ist in vielerlei Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung. Zwischen 2009 und 2013 erschienen 40 Hefte, die viel Lob ernteten. Wie das Ganze als Serie ausschaut, ist jetzt bei Netflix zu sehen. Robert Downey Jr. und seine Frau Susan Downey haben sie produziert, Jim Mickle und Beth Schwartz haben sie geschaffen. Dass es darin ein wenig schräger zugeht als üblich, zeigt bereits der Titelheld: ein kleiner Junge mit Hirschgeweih, der eine Schwäche für Süßigkeiten hat, ein echter sweet tooth eben.

Diese Schwäche wird dem zehnjährigen Gus (Christian Convery) beinahe zum Verhängnis. Auf der Jagd nach einem Schokoriegel tappt das Leckermaul zwei Wilderern in die Falle. Das Objekt seiner Begierde ist für Gus etwas völlig Neues. Der Junge lebt mit seinem Vater Richard (Will Forte) abgeschieden im Wald. Das Süßeste, was er dort zwischen die Zähne bekommt, ist der Ahornsirup, den Vater und Sohn gemeinsam herstellen.

Ihr Einsiedlerdasein hat einen guten Grund. Als ein tödliches Virus die Menschheit dahinrafft und zeitgleich immer mehr Hybridwesen aus Mensch und Tier hervorbringt, kehrt Richard der Zivilisation den Rücken. Nicht nur, um sich und seinen Sohn vor dem Virus, sondern auch um sein Neugeborenes vor der Menschheit zu schützen. In den Überresten der zivilisierten Welt sind Tierwesen wie Gus Freiwild, weil die Überlebenden den Ursprung des Virus in den Hybriden vermuten.

Tief im Unterholz irgendwo im Yellowstone-Nationalpark haben sich Richard und Gus häuslich eingerichtet. Der eigene Garten erstrahlt in goldenem Licht, ein vorbeifließendes Bächlein lädt zum Angeln ein und ihre liebevoll zusammengeschusterte Hütte verströmt ein wenig Hobbit-Charme. (Passend dazu fanden die Dreharbeiten übrigens unter Quarantäne-Bedingungen in Neuseeland statt.) Kurz vor dem Schlafengehen gibt Richard den Märchenonkel und liest seinem Sohn aus selbst gebastelten Büchern vor. Doch bald schon ist es mit dieser Märchenwelt vorbei. Gemeinsam mit dem Streuner Tommy Jepperd (Nonso Anozie), den Gus „Big Man“ nennt und der ihm zu einem Ersatzvater wird, bricht der kleine Junge in ein neues Abenteuer und in eine Welt voll finsterer Gestalten auf.

Wie mit allem im Leben ist auch die Finsternis relativ. Ein jugendliches Publikum, das die Vorlage nicht kennt, mag angesichts dieser ebenso einfalls- wie detailreich gezeichneten Endzeitvision angenehm erschaudern. Denn Jim Mickles und Beth Schwartz‘ Serie ist ein gleichermaßen spannend inszenierter wie liebevoll und versiert erzählter Spaß. Ein acht Episoden währender Dauerlutscher, der zwischendurch auch mal bitter schmeckt, wenn sich menschliche Abgründe auftun, der alles in allem aber ziemlich vielen munden wird. Nicht wenigen Fans der Vorlage hingegen dürfte diese Adaption übel aufstoßen. Im Gegensatz zum Comic ist die Serie schlicht und einfach überzuckert.

Die Welt in Jeff Lemires Comicheften ist nicht nur schräg, sondern auch karg und trostlos. Vor allem aber ist sie brutal und für Jüngere eher ungeeignet. Das deutet sich bereits in Lemires kühler Farbpalette an, die die Serie vollständig in ein wärmeres Spektrum verschiebt. Auch die detailverliebt ausgestatteten Sets sind das exakte Gegenteil von Lemires Panels, in denen kaum Gegenstände zu finden und die Räume stets nur spärlich möbliert sind. Der krasseste Kontrast besteht jedoch in der Figurenzeichnung. Der Comic ist voll verachtenswerter Charaktere, die abscheuliche Dinge tun. Die Liebe und Zuneigung, die es freilich auch bei Lemire gibt, erstrahlt im Gegensatz dazu umso heller. Jim Mickle und Beth Schwartz hingegen scheuen solche Charaktere. Wie ihre Figuren, besonders die Hybride, überhaupt viel süßer als im Comic aussehen. Alles sind ein bisschen netter und im Fall von Hauptfigur Gus auch begabter und klüger.

Wo Lemire seine Leserschaft ins kalte Wasser wirft und sie mit der Einführung neuer Figuren, mit unvorhergesehenen Wendungen und nervenaufreibenden Cliffhangern überrascht, dort setzen Mickle und Schwartz auf erzählerische Übersicht und vollumfängliche Hintergrundgeschichten. Figuren wie Doktor Singh (Adeel Akhtar), der im Comic überhaupt kein Leben vor der Pandemie hatte, erhält in der Serie einen eigenen Handlungsstrang. Weitere Figuren aus der Vorlage werden klug zu einzelnen Figuren zusammengeführt und deren Stränge werden clever miteinander verflochten. Das dient zweierlei: Zum einen erscheinen später erst noch folgende Untaten dadurch in einem anderen, deutlich besseren Licht. Zum anderen werden ausreichend Geschichten generiert, um auch eine mögliche zweite Staffel mit Inhalt zu füllen.

Am Ende der ersten Staffel ist bereits so viel, aber eben nur ein Bruchteil des Comics erzählt. Das Ergebnis hat nicht mehr viel mit der Vorlage zu tun und ist trotzdem mehr als sehenswert. Denn Jim Mickle, der unter anderem als Regisseur und Co-Autor von Cold in July (2014) sein Talent für spannungsgeladene Stoffe unter Beweis stellte, und Beth Schwartz, die bereits bei den Comicadaptionen Legends of Tomorrow (seit 2016) und Arrow (2012-2020) mitwirkte, haben ein unverwechselbar eigenes, sehr unterhaltsames und liebenswertes Universum erschaffen. Toll geschrieben, toll gecastet und vom Ensemble einfühlsam gespielt. Das ist weniger „Mad Max mit Geweih“, wie die Tageszeitung USA Today über den Comic urteilte, und mehr Wo die wilden Menschen jagen (2016) in Zeiten von Corona.

Sweet Tooth (TV-Serie, 2021)

Nach der Zerstörung der Welt durch ein verheerendes Ereignis sucht Gus – ein Hirsch-Mensch-Hybrid – mit Menschen und anderen Kind-Tier-Hybriden nach Antworten.

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