V/H/S

V/H/S

Eine Filmkritik von Lida Bach

Video killed the movie star!

Video Nasties! Kriminalität, Sex, Perversion, Gewalt, Angst, Schimpfwörter, alles verpackt unter dem selben Label: Horror. V/H/S gibt sich rundum wie eine Hommage an den abfälligen Begriff, mit dem in den 80er verpönte Videos gebrandmarkt wurden. Das große böse Subgenre starrt den Zuschauer vom Filmposter an, das im Idealfall auf der Hülle einer Videokassette klebt. Das angestaubte Medium inspiriert nicht nur den Titel, es wäre auch das ideale Trägermaterial für den makaberen Episodenfilm.
Nicht alle Filme entfalten ihre volle Wirkung auf der Kinoleinwand. Manche tun es erst auf einem flackernden TV-Bildschirm in einem abgedunkelten Wohnzimmer, wo man mit einer Gruppe Gleichgesinnter vor dem Rekorder hockt, als würde man etwas Verbotenes tun. In eine ähnliche Lage geraten die Protagonisten der Rahmenhandlung, die das blutige Episoden-Varieté in Gang setzt. Dazu genügt ein Knopfdruck auf die Starttaste des Videogeräts, um das sich eine Bande Kleinkrimineller in einem heruntergekommenen Haus schart. Dort suchen die jungen Männer in einem Arsenal von Videokassetten das ominöse Tape 56. Für das titelgebende Band des von Adam Wingard inszenierten Hintergrundplots hat ein anonymer Auftraggeber einen Preis geboten, der das, was die Bande mit sexistischen Reality-Clips verdient, bei Weitem in den Schatten stellt. Ihrem Film-Hobby frönen die Protagonisten trotzdem, indem sie ihren Einbruch dokumentieren. Die Kamera läuft weiter, auch als sie kein eigenes Material mehr aufnimmt, sondern das anderer Amateurregisseure. Das Found-Footage-Genre potenziert sich im Abfilmen anderer Found-Footage-Aufnahmen.

Der Versuch, Realismus mit Superrealismus zu übertrumpfen, führt die erstrebte Authentizität ad absurdum. Dieser Doppelbödigkeit sind sich die namhaften Independent-Regisseure hinter V/H/S, zu denen neben Wingard Ti West, Glenn McQuaid, David Bruckner, Joe Swanberg und das Regie-Projekt Radio Silence zählen, allerdings durchaus bewusst. Die originelle Rahmenhandlung schöpft das Potential des Subgenres auf unterhaltsame Weise aus, ohne die subversive Ironie zur unfreiwilligen Selbstparodie zu überspitzen. So bewahren selbst die schwarzhumorigen Elemente ihre makabere Schauerwirkung. Der Bewohner des Hauses, in dem die Bänder lagern, stört die Einbrecher nicht, denn er ist nur noch eine Leiche. Deren Zuschauerhaltung im Fernsehsessel erinnert daran, wie riskant die Position ist, in der die Charaktere sich befinden. Die Kaltblütigkeit der Kleinganoven wandelt sich mit jedem der Clips, die nacheinander über den Fernsehschirm flimmern, ein Stückchen mehr in klaustrophobisches Grauen.

Dieser Grusel beschleicht die Video-Voyeure, die als ungewöhnlich abstoßende Figuren gezeichnet sind, zusammen mit dem Bewusstsein, dass ihre Lage der der Personen auf den Filmbändern gleicht. In der Amateur Night von David Bruckner schleppen vier Kumpane zwei Mädchen ab. Doch statt zum Lustobjekt zu werden, macht eine der beiden die heimlich filmenden Männer zum Objekt ihrer (Blut)Lust. Die zweiten Flitterwochen führen ein Pärchen (Sophia Takal und V/H/S-Mitregisseur Joe Swanberg) in Ti Wests Stalker-Kurzfilm in die Fänge einer psychopathischen Anhalterin. Glenn Quades Slasher Tuesday, the 17th schickt eine Gruppe Jugendlicher auf die Suche nach einem mysteriösen Serienkiller, der stattdessen sie aufspürt. Die kranke Sache, die Emily passierte inszeniert Joe Swanberg als Skype-Konversation zwischen der in ihrem Apartment von unheimlichen Manifestationen verstörten Emily (Helen Rogers) und deren Freund. Die Regie-Crew Radio Silence wählt den 10/31/98 zum Unglückstag ihrer Episoden-Helden, die sich an Halloween 1998 auf die falsche Gruselparty verirren.

Alle Figuren prädestinieren sich unwissentlich zu Opfern, indem sie die Kamera ergreifen und mit ihr unbekannte Mächte herausfordern. Die gefährlichste davon scheint die filmische Gewalt. Das visuelle Machtspiel ist zugleich ein Spiel mit der Gefahr, die in jeder Horrorepisode aufs Neue und in abermaliger Schrecklichkeit unterschätzt wird.

V/H/S

Video Nasties! Kriminalität, Sex, Perversion, Gewalt, Angst, Schimpfwörter, alles verpackt unter dem selben Label: Horror. „V/H/S“ gibt sich rundum wie eine Hommage an den abfälligen Begriff, mit dem in den 80er verpönte Videos gebrandmarkt wurden.
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