Chained

Chained

Eine Filmkritik von Rochus Wolff

Bob – Portrait of a Serial Killer

Was geschieht mit einem Kind, das bei einem Serienmörder aufwächst? Das Kino beschränkt sich in seinen Darstellungen von Serienmördern und Psychopathen ja gerne darauf, diese aus jedem sozialen Kontext enthobenen Menschen zu präsentieren – fremde Wesen, die sich selbst außerhalb oder über der gesellschaftlichen Ordnung sehen. In den besseren Filmen sind es dann gerade diese Figuren, die die Abgründe der Menschlichkeit, ihre Grenzen und Brüche besonders deutlich aufzeigen: Dann ist das Monster, das wir gerne ausschließen, ausstoßen wollen, dessen Ähnlichkeit mit uns wir leugnen möchten, umso schrecklicher.
Jennifer Chambers Lynch hat aus dieser einen Frage, auf der Basis eines Drehbuchs von Damian O’Donnell, einen Film gedreht, der das Monster noch näher und menschlicher macht – und schenkt ihm dennoch keinen Moment der Nachsicht oder Vergebung. Bob (Vincent d’Onofrio) ist Taxifahrer, und ab und an, nicht besonders selten, überwältigt er Frauen, die allein in seinen Wagen eingestiegen sind, bringt sie zu seinem Haus – einem unauffälligen Gebäude mitten in der Einöde, irgendwo in den USA –, wo er sie vergewaltigt und ermordet. Eines seiner Opfer aber ist Sarah Fittler (Julia Ormond), die gerade zusammen mit ihrem Sohn (Evan Bird) aus dem Kino kommt. Bob ermordet Sarah, lässt aber ihren Sohn am Leben. Er wird angekettet und soll ihm im Haus zu Diensten sein und nicht zuletzt immer wieder jenes Zimmer von Blut und anderen Spuren reinigen, in dem Bob die Frauen ermordet.

„I shall call you rabbit“ – mit diesen Worten ergreift Bob Besitz von dem kleinen Jungen, der nun Jahr um Jahr bei ihm bleiben wird. Als junger Mann schließlich (nun gespielt von Eamon Farren) wird er ihn in Anatomie und Psychologie unterweisen: Sein Junge soll etwas lernen, soll die Welt verstehen, und, ja doch, man ahnt es dann schon rasch, Bobs eigenes Werk fortführen.

Es ist vielleicht die einzige Schwäche von Chained, das es nachgerade irreal erscheint, dass sich Rabbit einen Rest Menschlichkeit in diesem Leben erhält, dass er die Erinnerung an seine Mutter und an das, was ihr zugestoßen ist, nie ganz verliert – obgleich sich sein Leben so lange Zeit nur in den engen Räumen dieses Hauses abspielt, an einer langen Kette festgemacht, die Bob ihm angelegt hat.

Ein Großteil des Films spielt im zentralen Raum dieses Hauses, eine Art Wohnküche als ganz gewöhnliche, karge Alltagshölle: Küche, Tisch und Stühle, ein Fernsehsessel, ein Röhrenfernseher, die Fenster verschlossen: Alles wirkt ein wenig wie aus der Zeit gefallen, als stünde es schon eine Weile hier – und mehr noch: in den Jahren, die Rabbit sich hier aufhält, scheint nichts sich zu verändern. Sein physisches Lebensumfeld spiegelt damit wider, dass sich an seiner Gefangenschaft und ihren Bedingungen nichts verändert. Lynch inszeniert das mit immer wieder gleichen Kamera-Positionen, fast wie auf einer Theaterbühne, auf jeden Fall als Kammerspiel. Nur selten sieht man die anderen Räume, das Haus von außen – ein abgeschlossener Kasten inmitten feindlicher Weite, ein blauer Himmel so weit und schön – oder folgt gar Bob auf seinen Taxifahrten.

„I shall call you rabbit“ – d’Onofrio sagt diesen Satz mit einem ganz speziellen Akzent: nicht zuzuordnen, ein wenig verlangsamt vielleicht, wie es seiner scheinbar schwerfälligen Figur auch entspricht. Seine Stimme, seine Blicke, seinen ganzen Körper bringt d’Onofrio in diese Figur ein, und ihm gelingt damit das wahrscheinlich eindringlichste Portrait eines Serienmörders seit Henry: Portrait of a Serial Killer, dem skandalumwitterten Film von John McNaughton aus dem Jahre 1986. Denn d’Onofrio legt Bobs wunde Stellen genauso offen wie seine Härten; in Lynchs Inszenierung wird daraus eine vielschichtige Darstellung, die nichts entschuldigt, vieles erklärt, es vor allem aber unmöglich macht, diesen Bob, der sich so bösartig und aufmerksam um seinen Schützling kümmert, einfach als Monstrosität abzutun.

Auch auf die Darsteller des Rabbit – beides keine Neulinge im Schauspielgeschäft – konnte sich Lynch für ihr erstes größeres Projekt nach der Produktionskatastrophe Hisss vollkommen verlassen. Obgleich das Drehbuch größere zeitliche Brüche enthält und viele Details im Ungefähren belässt, ist ihre Figur immer eine präzise Entität im Gefüge. Beide geben Rabbit jene Schwankungen zwischen Hass, Geborgenheit und Stockholm-Syndrom, die Chained letztlich glaubhaft machen, auch wenn dieser Film einen aus der Welt gerissenen Ort zu bewohnen scheint, in dem es nicht einmal den Anschein einer Strafverfolgung gibt. Dass das nicht realistisch ist, spielt natürlich keine Rolle – es geht Lynch ja hauptsächlich um das Konstrukt einer Parallelrealität, eines völlig von der Außenwelt abgetrennten Daseins und der Frage: Was macht das aus dem Jungen, was macht das aus dem Serienmörder?

Das Ende des Films bringt dann die unerwartete Auflösung einer nie gestellten Frage – es wirkt etwas angeklatscht und ist, wie Lynch in Interviews frei zugibt, eine Konzession an das ursprüngliche Drehbuch von O’Donnell, für dessen Verfilmung sie engagiert wurde; aus dem Material dieses Textes hat sie einen anderen, ganz eigenen Film gemacht, ein komplexes Psychogramm von Schrecken und Heimat.

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Was geschieht mit einem Kind, das bei einem Serienmörder aufwächst? Das Kino beschränkt sich in seinen Darstellungen von Serienmördern und Psychopathen ja gerne darauf, diese aus jedem sozialen Kontext enthobenen Menschen zu präsentieren – fremde Wesen, die sich selbst außerhalb oder über der gesellschaftlichen Ordnung sehen.
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