The Endless (2017)

The Endless (2017)

Eine Filmkritik von Lars Dolkemeyer

Eine Formel ohne Unbekannte

Noch immer bringt die dunkle Strahlkraft der Erzählungen von H. P. Lovecraft eine Vielzahl mehr oder weniger gelungener Horrorfilme hervor. Im vergangenen Jahr zeigte etwa The Void (Jeremy Gillespie/Steven Kostanski, 2016), wie sich nach einem vielversprechenden Einstieg jedes packende Mysterium durch banale Erklärungen zunichtemachen lässt. Nun präsentieren Justin Benson und Aaron Moorhead, als Allround-Duo für Drehbuch, Regie und Kamera zuletzt mit Spring (2014) zu sehen, einen neuen Beitrag im Segment der vorgeblichen Lovecraft-Filme. Und schnell zeigt sich wieder: Echte filmische Ideen zu Lovecraft sind selten.

Die Brüder Justin (Justin Benson) und Aaron (Aaron Moorhead) sind als Jugendliche einem religiösen Kult entkommen, in dem sie abgeschieden von der Außenwelt der Gehirnwäsche eines Glaubens an die Existenz einer höheren, unaussprechlichen Macht ausgesetzt waren. Zehn Jahre später haben die beiden es nicht geschafft, in der Gesellschaft einen Platz zu finden und schlagen sich mit schlecht bezahlten Aushilfsjobs durch. Als sie auf Drängen von Aaron zum Camp des Kults zurückkehren, um endlich einen Schlussstrich zu ziehen, muss auch Justin einsehen: die Dunkelheit hinter dem Aberglauben der Kult-Anhänger ist keineswegs ein bloßes Hirngespinst.

Die einzigartige Faszination von H. P. Lovecraft geht vor allem von seiner Fähigkeit aus, sich literarisch einer Kraft anzunähern, die jede Kategorie des Denkens und der Sprache übersteigt. Das Kollabieren aller rationalen, wissenschaftlichen Erklärungs- und Deutungssysteme vor einem absolut Anderen steht im Mittelpunkt seiner Poetik der „kosmischen Angst“. The Endless beginnt mit dem ersten Satz aus Lovecrafts berühmtem Essay Supernatural Horror in Literature: „The oldest and strongest emotion of mankind is fear, and the oldest and strongest kind of fear is fear of the unknown.“ – und schon mit der Einblendung eines zweiten Zitats, eines belanglosen Kalenderspruchs zur einzigartigen Beziehung zwischen Brüdern, wird das große Problem des Films deutlich: Das große Unbekannte, das Unbeschreibliche, Unaussprechliche und Undenkbare in der Tradition Lovecrafts dient hier lediglich als Budenzauber für eine wesentlich weniger tiefgründige Botschaft: die größte Macht ist die Macht der Liebe einer echten Familie. Oder: Blut ist dicker als die Dunkelheit.

Während der Film sich von einer kinematographisch belanglosen Einstellung in gleichförmig matschig-weichgezeichneten Brauntönen zur nächsten hangelt, erzählt er eine zunehmende uninteressante Geschichte von mysteriösen Zeit-Verschiebungen, die sich im Areal um das Camp der Kult-Anhänger abspielen. Dahinter, so erfahren die Brüder schnell, scheint eine namenlose Macht zu stecken, ein dunkles „Es“, das sich jeder Beschreibung entzieht. Die Referenzen zu Lovecraft häufen sich, während der Film zunehmend jede Möglichkeit verpasst, diesen Referenzen auch gerecht zu werden oder sie in eine eigene Idee des Unbekannten zu übertragen. So schwierig es ist, den Erklärungen der Zeit-Spiralen während des Films zu folgen, so sehr gehorchen diese am Ende nachvollziehbaren Gesetzen – ohne an dieser Stelle mehr verraten zu können, läuft The Endless auf eine trotz aller Verwirrungen kohärente Erzählung hinaus, die sich zwar nicht mit den physikalischen Gesetzen der bekannten Wirklichkeit in Einklang bringen lässt, durchaus aber mit den Möglichkeiten menschlichen Denkens.

Wollte man dem Film seine sterbenslangweiligen Dialoge und seine uninspirierten Bilder verzeihen, seine charisma-freie Hauptrollen-Besetzung mit den beiden Regisseuren und seinen Mangel an eigenen Ideen, dann müsste er zumindest eine echte filmische Idee des radikal Unbekannten entwickeln. Denn dies ist sein erklärtes Ziel, sein hauptsächliches Anliegen: Eine Erkundung des dunklen „Es“, der unbeschreiblichen Macht hinter den Dingen, die der Mensch für die Wirklichkeit hält. Dabei Zeitformen in den Mittelpunkt zu stellen, die dem scheinbar linearen Verlauf der Zeit widersprechen und diesen brüchig werden lassen, klingt zunächst nach einer für den Film als zeitliches Medium besonders geeigneten und fruchtbaren Idee. Doch ähnlich wie The Void verengt The Endless diese Prämisse zunehmend in einen vorhersehbaren und innerhalb eines linearen Voranschreitens eingepferchten Plot der Bewährungsproben entzweiter Brüder. Wo eine kinematographische Ahnung des Unbekannten, eine Erfahrung anderer Zeitlichkeit stehen könnte, bleibt somit Bruderkitsch. Wo das Fremde so fremdartig werden sollte, dass es an den Außengrenzen des Bewusstseins kratzt, bleiben konventionelle und allzu konkrete Bilder. Wo der Horrorfilm sein größtes Potenzial entfalten muss, eine andere, schreckliche und unvorstellbare Vorstellung der Wirklichkeit zu entfalten, bleibt ein ins Beliebige zerlaufender Film, wie man ihn in jeder Konstante seiner B-Horror-Formel bereits zur Genüge kennt.

The Endless (2017)

Noch immer bringt die dunkle Strahlkraft der Erzählungen von H. P. Lovecraft eine Vielzahl mehr oder weniger gelungener Horrorfilme hervor. Im vergangenen Jahr zeigte etwa "The Void" (Jeremy Gillespie/Steven Kostanski, 2016), wie sich nach einem vielversprechenden Einstieg jedes packende Mysterium durch banale Erklärungen zunichtemachen lässt.

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Meinungen
Martin · 28.08.2018

Nun ja, von einem Möchtegern-Cineasten, der ein lächerlich aufgeblasenes Nichts wie "Limehouse Golem" in den höchsten Tönen lobt, kann man nicht erwarten, die Fähigkeit zu besitzen, Hintergrund und Tiefsinn zu erkennen.

Kommentare

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