Saya Zamurai

Saya Zamurai

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Das Lachen als Frage von Leben und Tod

Kann ein Samurai noch tiefer sinken als Kanjuro Nomi (Takaaki Nomi)? Alt und gebeugt, mit hängenden Schultern und leerer Schwert-Scheide humpelt der Mann anfangs durch den Wald, in respektvollem Abstand gefolgt von seiner Tochter Tae (Sea Kumada), für die er kaum ein Auge übrig hat. Seit dem Tod seiner Frau weigert sich Kanjuro zu kämpfen und ist dadurch zum Deserteur, zum Feigling, zum Vogelfreien geworden, der nicht nur von den Häschern mächtiger Herren, sondern auch vor drei höchst unterschiedlichen Kopfgeldjägern gehetzt wird – und von den Schimären seiner eigenen Ängste und Fantasien, die ihn in beinahe jedem Passanten einen Meuchelmörder sehen lassen. Wer diesen Samurai von der traurigen Gestalt so durch die Landschaft stolpern sieht, der ahnt, dass die Flucht nicht von Erfolg gekrönt sein kann. Und so ist es lediglich eine Frage der Zeit, dass das Umherstreunen des ehrlosen Samurai bald schon ein Ende hat und er gefesselt dem lokalen Fürsten (Jun Kunimura) vorgeführt wird, der über das Schicksal des Outlaws wider Willen entscheiden soll.
Der gibt dem Mann eine letzte Bewährungschance – wobei die Aufgabe, die ihm gestellt wird, von vornherein zum Scheitern verurteilt zu sein scheint. Der „dreißigtägige Kraftakt“, der Kanjuro nämlich auferlegt wird, besteht darin, den seit einiger Zeit in einen depressiven Stupor verfallenen Sohn des Fürsten zumindest zum Lächeln zu bringen. Sollte die Aufgabe misslingen, wird von Kanjuro nichts weiter als der rituelle Selbstmord Seppuku erwartet.

Wer den Knaben freilich sieht, den die Schwermut nach dem Tod der Mutter ereilte, ahnt schnell, dass diese Aufgabe eine wahrlich herkulische ist. Zudem sind bereits zahlreiche Männer daran gescheitert, was also sollte ausgerechnet diese allenfalls unfreiwillig komische Jammergestalt dazu befähigen, dem Kind das Lächeln wieder zu schenken. Unterstützt von seiner Tochter und zwei Wachen, die im Laufe dieses Monats immer mehr Anteil am Schicksal Kanjuros nehmen, macht sich der Arme daran, alle Register seines komödiantischen Könnens zu ziehen – allerdings sind das nicht allzu viele…

Ist der Humor, das Lachen, das Lächeln nicht (auch) eine schrecklich ernste Angelegenheit, an der bereits viele Menschen gescheitert sind und immer wieder scheitern? Was man heutzutage an wild grimassierenden und kalauernden Comedians auf deutschen und internationalen Bühnen und in der Flut von vermeintlich heiteren TV-Formaten beobachten kann, ist neben der vordergründigen Komik (und der innewohnenden Tragik) des unfreiwilligen Komödianten Kanjuro so etwas wie das heimliche Hauptthema von Hitoshi Matsumotos nunmehr drittem Spielfilm Saya Zamurai / Scabbard Samurai. Wenn die Wachen und Kanjuros Tochter Pläne schmieden, wie das Unternehmen gelingen könnte, weiß man als Zuschauer auch unabhängig von der Dramaturgie, die natürlich die volle Spanne des Zeitraums durchmessen muss, meist sofort, dass die Pläne ebenso ins Wasser fallen werden wie Kanjuro bei einer der Vorführungen als menschliche Kanonenkugel dies tut.

Seine Komik bezieht der Film vor allem durch den Charakter des Samurai, der in seiner Tollpatschigkeit und seiner stets ernsten Miene wie ein Nachfolger berühmter Stummfilm-Komödianten erscheint und dessen wesentlicher Kampf hier nicht (nur) gegen die Tücken mannigfaltiger Objekte, sondern vor allem gegen das Wesen der Komik und gegen sich selbst geführt wird. Doch es gibt auch noch eine andere, eine zweite Seite in dieser vordergründigen Komödie mit philosophischem Hintersinn – und die ist entschieden tragisch. Der Komödiant und sein (wesentlicher) Zuschauer, der kleine Prinz, sind beide durch den Verlust eines geliebten Menschen derart traumatisiert, dass ihnen das Lachen und damit jeder Lebensmut abhanden gekommen ist. In ihrem Kampf um Leben und Tod sind die beiden viel mehr miteinander verbunden, als sie dies ahnen.

Und noch etwas kommt hinzu, das dem Film bei aller zeitweiligen Albernheit eine entschieden tiefsinnige Fragestellung verleiht. Gerade weil Kanjuro so eine lächerliche Gestalt ist und weil er so verzweifelt jedem noch so absurden Vorschlag folgt, was er noch auf die „Bühne“ bringen könne, um seine Haut zu retten, stellt sich nicht nur für seine Tochter, sondern bald auch für den Zuschauer die Frage, wie weit man eigentlich gehen sollte, um die eigene Haut zu retten? Was ist der Preis für die Ehre – sofern es denn einen geben sollte. Für welchen Einsatz sind wir bereit, uns der Lächerlichkeit unserer eigenen kümmerlichen Existenz preiszugeben? Und nicht zuletzt: Was ist das Wesen der Komik – und inwiefern sind Würde und Komik miteinander verbunden bzw. bedingen einander? Dies sind die Fragen, die auch dann noch nachwirken, wenn das Lachen im Kinosaal längst wieder abgeklungen ist, wenn die Schlusstitel vorbei sind und das Licht das Dunkel des Kinos wieder erhellt.

Saya Zamurai

Kann ein Samurai noch tiefer sinken als Kanjuro Nomi (Takaaki Nomi)? Alt und gebeugt, mit hängenden Schultern und leerer Schwert-Scheide humpelt der Mann anfangs durch den Wald, in respektvollem Abstand gefolgt von seiner Tochter Tae (Sea Kumada), für die er kaum ein Auge übrig hat.
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