O Beautiful Night (2019)

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In Xaver Böhms Langfilmdebüt „O Beautiful Night“ begegnet ein junger Hypochonder dem Tod – und begibt sich mit diesem auf einen Streifzug durch die Berliner Nacht. Wer will mitgehen?

O Beautiful Night (2019)

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Durch die Nacht mit … dem Tod?

Am Anfang von Xaver Böhms Spielfilmdebüt „O Beautiful Night“ kann man als Zuschauer_in gar nicht anders, als sich von den dunkelbunt-leuchtenden Farben einnehmen zu lassen. Wir sehen pittoreske Illustrationen von Pflanzen und Früchten, die bei aller Schönheit etwas Morbides an sich haben, und wir werden mit albtraumhaften, düster-romantischen Bildern eines schwarzen Raben konfrontiert, der in der Wunde eines jungen Mannes herumpickt. Dazu hören wir via Voice-over die Worte: „Das ist der Moment. Ich sterbe.“

Ganz so dramatisch geht es dann erst einmal nicht weiter. Der vermeintlich dahinscheidende Juri (Noah Saavedra) entpuppt sich rasch als Hypochonder, der in seiner Slacker-Wohnung nach den Symptomen für einen Herzinfarkt googelt. Und die finstere Welt zwischen Märchen und body horror scheint nur im Kopf des Protagonisten zu existieren. Doch wenn sich Juri kurze Zeit später nach draußen begibt, bleibt etwas von der surrealen Anmutung des Filmbeginns erhalten. Selten wurde der Schauplatz Berlin in ein derart faszinierendes Neonlicht getaucht; selbst eine im Hintergrund vorbeifahrende S-Bahn wirkt hier wie ein perfekt eingesetzter Spezialeffekt. Die Arbeit der Kamerafrau Jieun Yi, die schon als Bildgestalterin für Leonie Krippendorffs Looping (2016) einen tiefen Eindruck hinterließ, macht O Beautiful Night zu einem visuellen Erlebnis – noch unterstützt durch Produktionsdesign, Kostüm und Maske. Vom pompösen Kronleuchter über die stylishe Cordjacke des Helden bis hin zum knallroten Lippenstift einer exzentrischen Lady: Hier sieht einfach alles verdammt gut aus. Und auch die Musik, die Böhm zusammen mit Paul Eisenach komponiert hat, erzeugt eine gelungene Atmosphäre zwischen Magie, Mysterium und einem fies auf Zehenspitzen schleichenden Wahnsinn.

Das Skript, das Böhm gemeinsam mit Ariana Berndl verfasst hat, ist indes deutlich weniger kraftvoll. An einem Ort mit dem Namen Paradiso, welcher sich als wenig einladende Kaschemme mit Spielautomaten erweist, begegnet Juri einem aufdringlichen Kerl (Marko Mandić), der sich als „der Tod“ vorstellt und ihm verkündet, er müsse ihn heute mitnehmen. Der seltsame Mann, der mit osteuropäischem Akzent spricht und (angeblich) jede Sprache beherrscht, bietet ihm allerdings an, vorher noch etwas zu erleben. Und so wird Juri mitgerissen: Die beiden stehlen Autos, legen sich mit Schlägertypen an, spielen Russisch Roulette, suchen in einer Bar nach der Peepshow-Tänzerin Nina (Vanessa Loibl), in die Juri sich bei einer flüchtigen Begegnung auf den ersten Blick verliebt hat, und brechen schließlich zusammen mit Nina in den Zoo ein, um eine Befreiungsaktion durchzuführen.

Das ist alles weitgehend skurril, jedoch kaum wirklich originell. Wenn Juri und sein Begleiter etwa mit der Kartbahn-Betreiberin Frida (Karin Neuhäuser) und dem stotternden John-Wayne-Fan Svenni (Sven Hönig) das bereits erwähnte, potenziell tödliche Glücksspiel Russisch Roulette spielen, ist jede Dialogzeile, jeder Blick und jede Geste so sehr auf „cooler schwarzer Humor“ getrimmt, dass sich zu keiner Sekunde Spannung einstellt. Die Sequenz endet letztlich auch genau so, wie es die meisten Zuschauer_innen vermutlich vorhersehen werden. Der ganzen Geschichte fehlt es an Dringlichkeit – obwohl es ums (vorzeitige) Sterben geht. Die von Noah Saavedra (Egon Schiele – Tod und Mädchen) verkörperte, überwiegend passive Hauptfigur ist zu schwach gezeichnet, um mit ihr mitfiebern zu können; die Liebe zu Nina ist eher eine Behauptung des Drehbuchs, die sich in der Interaktion nicht vermittelt. Als „der Tod“ legt Marko Mandić (Gold) derweil zwar reichlich Spielfreude an den Tag, gerät in seiner mephistophelischen Interpretation aber oft in Christoph-Waltz’sche overacting-Gefilde.

So bleibt O Beautiful Night tatsächlich vor allem aufgrund der schönen Nachtbilder, die uns der Titel so poetisch verspricht, in Erinnerung. Man bereut es als Zuschauer_in nicht, Böhm und dessen Kreativ-Team auf diesem Berlin-Trip begleitet zu haben; dafür hat man zu viel Eindrückliches gesehen und gehört. Man hätte sich allerdings gewünscht, dabei interessanteren Figuren und einem stärkeren Plot folgen zu dürfen.

O Beautiful Night (2019)

In dieser faustischen Geschichte begegnet der ängstliche Yuri dem Tod. In einer folgenreichen Nacht muss sich Yuri seinen Ängsten stellen.

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