Nue propriété

Nue propriété

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Die Vertreibung aus dem Hotel Mama

Eine fatale symbiotische Familienkonstellation in Erstarrung und Auflösung zeigt uns der belgische Regisseur Joachim Lafosse in seinem neuen Film Nue porpriété, der 2006 auf der Mostra in Venedig zu sehen war. In seinem zweiten Langfilm nach Ca rend heureux, der im gleichen Jahr entstand, erzählt der 1975 in Brüssel geborene Filmemacher von Pascale (Isabelle Huppert) und ihren beiden Söhnen Thierry und François (dargestellt von Jérémie Rénier, bekannt aus den Filmen Das Kind / L’enfant und Lornas Schweigen / Le Silence de Lorna und dessen Bruder Yannick Renier). Obwohl die Zwillinge eigentlich längst das Alter erreicht haben, in dem andere Kinder das Haus verlassen, um auf eigenen Beinen zu stehen, denken die Söhne nicht im Traum daran, das Hotel Mama zu verlassen – zu groß sind die Annehmlichkeiten, die das Arrangement für sie bietet. Und was für ein Glück für die beiden Sprösslinge, dass der getrennt lebende Vater der Familie nur gelegentlich auftaucht und das Zusammenleben ansonsten kaum stört. Das Geld, das er seinen Söhnen bei diesen Gelegenheiten zusteckt, nehmen sie gerne an. Wie sie überhaupt wie gefräßige kleine Monster wirken, die genauso gut zehn Jahre jünger sein könnten in ihren pubertär wirkenden Albernheiten und ihrem maßlosen Egoismus. Die Mutter, das zeigt sich schon in den ersten Szenen, ist diesen beiden Söhnen nicht gewachsen, sondern dient ihnen als Haushälterin und persönliche Sklavin. Vielleicht war sie zu nachgiebig, zu wohlwollend, zu sehr darum bemüht, die Verletzungen, die durch die Trennung des Vaters entstanden sind, von Thierry und François fernzuhalten.
Während Pascale klaglos putzt, bügelt und den Dreck wegräumt, ergötzen sich die beiden einander innig verbundenen Brüder an Videospielen und anderen unreifen Tollereien. Doch zugleich liegt eine unterschwellige Spannung in der Luft, vor allem Thierry verhält sich gegenüber seiner Mutter höchst rüpelhaft. Der Streit eskaliert, als Pascale sich schweren Herzens dazu entschließen will, das Haus auf dem Lande, in dem die Rumpffamilie lebt, zu verkaufen, um zusammen mit ihrem lange Zeit verheimlichten Geliebten Jan (Kris Cuppens) ein Restaurant zu eröffnen. Denn auch zwischen den Brüdern hat sich das fragile Gleichgewicht langsam, beinahe unmerklich verschoben.

Auch wenn der Regisseur Joachim Lafosse in einem Interview im Presseheft zu diesem Film betont, dass ihn hier vor allem das Zusammenspiel der Akteure interessiert – ohne Isabelle Hupperts formidable Darstellung einer Mutter im Käfig der familiären Abhängigkeiten würde Nue porpriété nicht funktionieren. Es ist immer unglaublich zu beobachten, mit welch reduzierten Mitteln und scheinbarer Ausdruckslosigkeit die Schauspielerin es versteht, ihren Figuren Spannung und Tiefe zu verleihen.

Unterstützt wird diese feine Leistung von den beiden leiblichen Brüdern Jérémie und Yannick Renier als Brüderpaar und vor allem von Joachim Lafosses genau beobachtender vielschichtiger Regie, die immer wieder den beengten Raum des Hauses mit in die Inszenierung einbezieht und nutzt. Mit ausgeklügelten, sich oft wiederholenden und doch leicht variierten Kameraeinstellungen, die häufig Spiegel, Türrahmen und andere Durchblicke dazu benutzen, um parallele Handlungen in einem Bild zu verbinden, ohne dass geschnitten werden muss, entsteht so eine soghafte Atmosphäre voll klaustrophobischer Beklemmung und subliminalem Suspense. Ein Film, der sich auf leisen Sohlen in das Bewusstsein des Zuschauers schleicht – ein familiärer Psychothriller, wenn man so will.

Nue propriété

Eine fatale symbiotische Familienkonstellation in Erstarrung und Auflösung zeigt uns der belgische Regisseur Joachim Lafosse in seinem neuen Film Nue porpriété, der 2006 auf der Mostra in Venedig zu sehen war.
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