Meine keine Familie

Meine keine Familie

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Überlebende einer Selbstbefreiung

Immer wieder schauen in diesem Film Menschen zur Seite, verstummen und schweigen, voller Scham, dann flüchten sie sich wieder in Erklärungsversuche, die ein ums andere Mal ins Stocken geraten, verhaspeln sich, finden keine Worte mehr und wirken immer wieder vor allem – hilflos. Neben vielen anderen wiederkehrenden Momenten sind diese die stärksten in Paul-Julien Roberts nicht nur sehenswertem, sondern überaus wichtigem Dokumentarfilm Meine keine Familie. Darin unternimmt er eine Reise in seine Kindheit, die er in der damals legendären und heute eher berüchtigten Friedrichshof-Kommune des Wiener Aktionskünstlers Otto Muehl verbrachte.
Am Anfang des Films steht das schwarzweiße Idyll einer bürgerlichen Kleinfamilie – eine Mutter und ihr Baby in der Badewanne beim Herumplantschen, später dann beim Spaziergang mit dem Vater – und dann kurz darauf die Auflösung, dass die Aufnahmen nur inszeniert sind, für einen Werbefilm, denn die Lebenswirklichkeit des Filmemachers und Ich-Erzählers Paul-Julien Robert sah ganz anders aus. Auf die Welt kam er in der Kommune von Otto Mühl, wo seine Mutter kurz zuvor eingezogen war – auf der Suche nach einer alternativen Lebensform, die sich nicht im üblichen Rahmen des bürgerlichen Familienideals bewegte.

Bereits 1970 hatte der Aktionskünstler Muehl in Wien eine erste Kommune, aus der im Lauf der folgenden Jahre die „Aktionsanalytische Organisation“ (Kurz: AAO) entstand – ein krudes Theoriegebäude, das Jean-Jacques Rousseau, die Lehren des Marxismus und von Wilhelm Reich, Ansätze der Urschrei-Therapie und Forderungen der 68-er Bewegung nach sexueller Befreiung einmal durch den Mixer jagte und daraus eine heute bestenfalls bizarr anmutende Weltanschauung bastelte. Dank des Charismas von Otto Muehl stießen seine Ideen auf großen Widerhall, so dass sich die Anzahl seiner Anhänger immer weiter vergrößerte, was schließlich Mitte der 1970er Jahre zur Gründung der Friedrichshof-Kommune im Burgenland führte. Zeitweise lebten dort und in assoziierten Kommunen in Europa insgesamt rund 600 Menschen, bis ab dem Ende der 1970er Jahre der schrittweise Niedergang einsetzte.

Der Alltag in der Kommune war geprägt von Gemeinschaftseigentum, freier Sexualität und der Auflösung der Kleinfamilie – was vor allem die Kinder in der Kommune zu spüren bekamen. Als ihr Sohn gerade vier Jahre alt war, ging Paul-Juliens Mutter nach Zürich, um dort mit dem Verkauf von Versicherungen und Finanzprodukten Geld für die Kommune zu verdienen. Wie zahlreiche andere Kinder blieb auch er zurück, ohne Mutter und ohne die geringste Idee, welcher der Kommunarden sein Vater sein könnte. Stattdessen mussten die Kinder (ebenso wie die Erwachsenen) allabendlich zu Vorführungen antanzen, wurden permanent beurteilt, unter dem Vorwand, „unabhängige, freie, nicht fixierte Menschen“ aus ihnen zu machen, gedemütigt und etliche auch sexuell missbraucht, was 1991 auch zur Verurteilung Muehls durch die Justiz führte. Der Missbrauchsskandal, mit dem die Kommune heute oft gedanklich verknüpft ist, steht aber nicht im Mittelpunkt von Roberts Aufarbeitung seiner Kindheit, was wohl auch daran liegt, dass er selbst zwar psychischen, aber keinen sexuellen Missbrauch erlebt hat, weil er die Kommune mit zwölf Jahren verließ.

Viel eher ist es die Auseinandersetzung mit seinen Eltern, die im Zentrum von Meine keine Familie steht: Das Verhalten der Mutter, die niemals die Lehren und Handlungen Muehls hinterfragt hatte, führte später zu einem Bruch zwischen ihr und ihrem Sohn, der erst im Angesicht der Kamera thematisiert wird. Überhaupt sind Entwurzelung durch ein totalitär-chaotisches System, der Versuch der Überwindung dieser traumatischen Erfahrung und der Rückgewinn der Gewissheit über die eigene Identität die zentralen Themen in Meine keine Familie. Der Ursprungsimpuls, die anfängliche Motivation des Filmemachers war es nicht gewesen, das System Muehl und dessen besondere Strukturen darzustellen, sondern viel privater und intimer. Anfangs hatte Paul-Julien Robert lediglich in Erfahrung bringen wollen, wer denn nun sein biologischer Vater ist – und erst aus dieser Spurensuche, die sozusagen den roten Faden des Filmes bildet, ergibt sich ein Gesamtbild, das viele Facetten der Geschichte beleuchtet. Meine keine Familie ist auch deshalb ein zutiefst bemerkens- und sehenswerter Film, weil er sich enorm vielschichtig und behutsam seinem Thema nähert, es auf verschiedene Weisen einkreist und immer mehr verdichtet. Er ist stille Anklage, intime Aufarbeitung einer kaputten Mutter-Sohn- bzw. Elternbeziehung, Machtanalyse, archivarische Aufarbeitung einer künstlerischen und gesellschaftsutopischen Episode, eine Odyssee zu Menschen, die ein ähnliches Schicksal erfuhren wie der Filmemacher selbst, zugleich radikal subjektiv und dennoch weitgehend wertneutral in der Beurteilung.

Obwohl Paul-Julien Robert allen Grund dazu hätte, wütend zu sein, ist sein Film ein leises Werk geworden, das weitgehend einfache Schuldzuschreibungen vermeidet und auch nach der Verantwortlichkeit der Kommunarden fragt, die Muehl erst seine Macht verliehen. Es ist eine merkwürdige, aber bezeichnende Parallele zur filmischen Aufarbeitung einer anderen „progressiven“ Subkultur der 1970er Jahre: Wie Nadav Schirmans In the Darkroom zeigt auch Meine keine Familie die Sehnsucht der antiautoritären 68er-Generation nach Autoritäten, legt schonungslos ihre Naivität und Blindheit gegenüber eigenen Verfehlungen offen und demaskiert einen Gutteil der Utopisten ohne Zorn, aber mit präzisem Blick als zutiefst verunsicherte Mitläufer, die statt kritischem Denken den blödsinnigsten Gedankengebäuden hinterherrannten – frei nach G.K. Chesteron: „Wenn Menschen aufhören, an Gott zu glauben, glauben sie nicht an nichts, sondern an alles Mögliche. Das ist die Chance der Propheten — und sie kommen in Scharen.“

Gerade vor dem Hintergrund der gerade in Deutschland zaghaft einsetzenden Aufarbeitung um pädophile Strömungen innerhalb der Politik während der „sexuell befreiten“ späten Siebziger und frühen Achtziger erscheint die Aufarbeitung und Aufklärung der Vorkommnisse umso wichtiger. Und es ist ein Glück, dass Paul-Julien Roberts Herangehensweise einen Weg weist, die kommenden Auseinandersetzungen mit den Verfehlungen der Vergangenheit anzugehen – es ist mit Sicherheit nicht der einzige. Aber, so scheint es, der Regisseur hat für sich selbst den richtigen Weg, das richtige Maß gefunden.

Meine keine Familie

Immer wieder schauen in diesem Film Menschen zur Seite, verstummen und schweigen, voller Scham, dann flüchten sie sich wieder in Erklärungsversuche, die ein ums andere Mal ins Stocken geraten, verhaspeln sich, finden keine Worte mehr und wirken immer wieder vor allem – hilflos. Neben vielen anderen wiederkehrenden Momenten sind diese die stärksten in Paul-Julien Roberts nicht nur sehenswertem, sondern überaus wichtigem Dokumentarfilm „Meine keine Familie“.
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