Meine Freiheit, Deine Freiheit

Meine Freiheit, Deine Freiheit

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Weggesperrte Außenseiter

Kübra sagt, im Knast werde einem alles genommen, auch der eigene Geruch. Vor ihrer Entlassung nach über vier Jahren in der JVA für Frauen in Berlin-Lichtenberg hat die junge Deutsche kurdischer Abstammung ein wenig Angst. In die eigene Wohnung komme dann keiner, um nach einem zu schauen, befürchtet sie. Kübra steht am Fenster eines fahrenden Zuges und saugt die ungewohnten Eindrücke auf. Sie beschreibt die Gerüche des Frühlings, die in der Türkei noch viel intensiver seien. Diana Näcke hat Kübra und Salema, eine weitere Gefängnisinsassin, die schließlich freikommt, für ihren ersten Kinodokumentarfilm zweieinhalb Jahre lang mit der Kamera begleitet.
Das Porträt der beiden Frauen gerät dabei zur Auseinandersetzung mit dem Erlebnis der Unfreiheit und wie sie einen Menschen prägt. Kübra und die aus Äthiopien stammende Salema sprechen so offen mit der Dokumentarfilmerin, die ihnen alleine, ohne Kamera- und Tonmann, gegenübersitzt, dass der Kontrast zwischen ihren Träumen, ihren Fragen und der Außenwelt, wie sie ihnen begegnet, emotional tief bewegt. Unfähig, die gesehenen Konflikte aufzulösen, wird man besonders hellhörig für die Irritationen, die das Filmmaterial serviert. Schon die Art und Weise wie die beiden Frauen reden, lachen, tanzen und ihre Vergangenheit kommentieren, widerspricht mehreren Erwartungen. Wenn die Intensivstraftäterin Kübra erzählt, dass sie schon mit 14 Jahren zum ersten Mal ins Gefängnis kam, schimmert ein bisschen Stolz auf ihre kriminelle Karriere durch. Von Reue ist wenig zu spüren. Wieder in Freiheit, zieht sie nachts in Partylaune durch die Straßen, kauft Drogen, wirkt elektrisiert vom Leben, hungrig. Kübra empfindet alles intensiv, sie staunt, sie ist begeistert, als der Leiter der JVA sie eine Weile nach ihrer Entlassung zu einem Segelflug einlädt – mit Sondergenehmigung der Behörden.

Kübra rastete im Knast oft aus, wovon sie erzählt, ohne dass der Film es zeigt, und dann musste sie in den sogenannten „besonders gesicherten Haftraum“ der Anstalt, manchmal tagelang. Matthias Blümel, der Leiter der JVA, zeigt den Raum persönlich, in welchem eine Matratze auf einer Erhebung mit Spalten an den Seiten liegt. Kübra musste schon als Minderjährige hierher, sie kam ins Frauengefängnis, weil es in Berlin keine Haftanstalt für jugendliche weibliche Straftäter gibt. Salema ist in Haft, weil sie seit ihrem 15. Lebensjahr Heroin spritzt und Beschaffungskriminalität begangen hat. In der JVA kommt sie von den Drogen nicht los, es gibt heimlich besorgten Stoff statt Therapie: Sie setzt sich einen Schuss vor der Kamera. Salema ist Anfang 40 und wenn sie erzählt, wirkt sie lebensklug und besonnen. Die Sozialarbeiterin wirft ihr vor der Entlassung vor, sich nicht rechtzeitig um einen Platz in einem betreuten Wohnprojekt bemüht zu haben. Sie habe auch Angst, gesteht Salema leise, als wüsste sie, dass sie sich damit der momentan geforderten Tatkraft und Zuversicht verweigert.

Näcke, die aus dem Journalismus und Theaterbereich kommt, hat mit einer selbst gekauften Kamera einfach drauflos gedreht. Erst beim Schnitt verfügte die Produktion über die finanziellen Mittel für professionelle Unterstützung. Die Aufnahmen werden nicht in ihrer zeitlichen Abfolge präsentiert, sondern springen wiederholt von Interviews und Szenen im Gefängnis zu Kübras Zugfahrt und weiteren Stationen nach der Entlassung der Frauen. Das ist manchmal verwirrend, weil nicht auf Anhieb ersichtlich wird, wo sich die Frauen gerade befinden, zumal die Kamera jeweils nur einen engen Ausschnitt der Räume zeigt.

Herr Blümel, den Näcke auch zu seiner Mutter im Seniorenheim begleitet, entspricht mit seiner weichen, nachdenklichen Art so gar nicht dem Klischee eines strengen oder kaltherzigen Gefängnisdirektors. Er scheint im Gegenteil Wert auf einen besonders menschlichen Umgang mit den inhaftierten Frauen zu legen, das Gefängnis als eine Art Heim begreifen zu wollen. Rezepte für ein gelingendes Leben kann er den Insassinnen aber keine liefern, der Film hat sie nicht, Kübra und Salema kennen sie nicht. Wie auch, möchte man am Schluss fragen, wo sie doch beide die Gesellschaft draußen kaum kennen, in die sie dann hineinwachsen sollen.

Meine Freiheit, Deine Freiheit

Kübra sagt, im Knast werde einem alles genommen, auch der eigene Geruch. Vor ihrer Entlassung nach über vier Jahren in der JVA für Frauen in Berlin-Lichtenberg hat die junge Deutsche kurdischer Abstammung ein wenig Angst. In die eigene Wohnung komme dann keiner, um nach einem zu schauen, befürchtet sie. Kübra steht am Fenster eines fahrenden Zuges und saugt die ungewohnten Eindrücke auf.
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