Lillian (2019)

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Eine junge Russin, die in New York gestrandet ist, macht sich zu Fuß über Alaska auf den Heimweg – eine Reise durch die USA und Kanada ohne Wiederkehr. Andreas Horvaths Film über eine schier unglaubliche Odyssee basiert auf einem wahren Fall.

Lillian (2019)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

In die Wildnis

Lillian (beeindruckend: Patrycja Planik) hat eigentlich ein besseres Leben in den USA gesucht, doch für eine wie sie, die mittlerweile ohne Visum in New York City lebt, bleiben nicht einmal mehr Hardcore-Pornos, um irgendwie in der Stadt über die Runden zu kommen. Selbst dieser (Aus)Weg ist für sie, die „Illegale“ versperrt, obwohl wir im Hintergrund sehen, wie ungemein brutal und entwürdigend die Art Filme wäre, für die sie sich bewirbt.

Also fasst sie einen Entschluss, wie er kühner und verrückter nicht sein könnte: Ohne adäquate Kleidung oder Ausrüstung und nur dem Inhalt eines Stoffrucksacks ausgestattet macht sie sich zu Fuß auf zur Beringstraße, um von dort irgendwie in ihre Heimat Russland zu gelangen. Weil sie keinen anderen Weg sieht als ausgerechnet diesen. Unterwegs kommen Ausrüstungsgegenstände hinzu, ein Messer, neue Schuhe und Bekleidung, die sie aus Altkleidercontainern oder in Sozialkaufhäusern ergattert.

Andreas Horvaths Lillian, der in Cannes in der Reihe Quinzaine des Réalisateurs lief, ist ein bildgewaltiges und zugleich karges Werk, das mit jedem Schritt, den die Protagonistin sich erkämpft, mehr und mehr unter die Haut geht. Und zugleich ist der Film ein Road Movie der ganz langsamen Sorte, in dem die USA von einer Seite gezeigt werden, wie man sie sonst im Kino selten sieht: Aus der Sicht einer Fremden, einer Außenseiterin, die sich durch unendliche Weiten der verschiedensten Landschaften und triste Kleinstädte, in denen das Leben auf niedrigstem Niveau stehengeblieben zu sein scheint, ihren Weg bahnt. Unaufhaltsam, mit beeindruckender Willenskraft oder angetrieben von schierer Verzweiflung – man weiß es nicht so genau.

Wie seine Hauptfigur erscheint auch der nach ihr benannte Film bisweilen ein wenig ziellos, obwohl doch der Endpunkt der Reise feststeht. Man ahnt bald, dass Lillian dieses Ziel, ihre Heimat, niemals wird erreichen können. Es ist auch die Geschichte einer Verwilderung und Verwahrlosung, eines Abschieds von der ohnehin recht fragil wirkenden Zivilisation, wie wir es etwa aus Sean Penns Into the Wild kennen – eine meditative Reise ins Nichts, eine peinvolle Übung in der Kunst, sich selbst verschwinden zu lassen und sich schlussendlich aufzulösen. Wie Penns Film, so beruht auch Lillian auf einem wahren Fall, von dem der österreichische Regisseur vor rund 15 Jahren erfuhr. 

Horvath nutzt diesen Auslöser auch für eine Erkundigung des Wesen des „Land of the Free“, das zwar nie offen gewalttätig gezeigt wird, bei dem sich aber der wahrer Horror der USA in Bildern und Andeutungen zeigt: So bringt sie ein Sheriff aus seinem County hinaus und gibt ihr die Warnung mit auf den Weg, dass das alles sei, was er für sie tun könne – je weiter westlich sie nun weitermarschiere, desto gefährlicher werde es für sie. Und weiter nördlich warnen große Hinweisschilder auf dem „Highway of Tears“ vor den Gefahren, als Anhalterin unterwegs zu sein – die Konterfeis verschwundener Mädchen zeigen eine Abgründigkeit, die dem Land innewohnt, die sich so gar nicht mit den Selbstbespiegelungen und -vergewisserungen einer Nation als Hort der Freiheit und des individuellen Glücks verträgt. Kontrastiert und begleitet wird der überwiegend wortkarge bis schweigsame Film von munteren Radioausschnitten, die das Wetter und damit den Wandel der Jahreszeiten markieren. Dies und einige sporadische, meist recht kurz gehaltene Begegnungen mit Menschen, die manchmal skurril, dann wieder bedrohlich anmuten, sind der einzige Kontakt zu einer Zivilisation, die immer mehr aufgeht in einen fast tranceartigen Trip, an dessen Ende eine Begegnung mit den Polarlichtern und eine naturmystische Auflösung und Vereinigung mit der Natur steht. Schließlich wird nur noch ein bizarr aussehender Puppenkopf, den sie auf ihrer Reise fand und in ihre Obhut nahm, von ihrer schieren Existenz zeugen.

Lillian (2019)

Lillian, als Emigrantin in New York gestrandet, will zu Fuß in ihre Heimat Russland zurückgehen. Entschlossen macht sie sich auf den langen Weg. Ein Road Movie, quer durch die USA, hinein in die Kälte Alaskas. Die Chronik eines langsamen Verschwindens. 

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