Le jeune Ahmed (2019)

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„Young Ahmed“ ist 13 Jahre alt. Ein Junge mit Brille und lockigem Haar, der vor kurzem mit Hilfe eines Imams seinen Weg zum Koran gefunden hat, den er jetzt mit äußerstem Fundamentalismus ausübt. Die Sünder müssen büßen …

Le jeune Ahmed (2019)

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

Radikalisierungskanon

„Young Ahmed“ (Idir Ben Addi) ist 13 Jahre alt. Zu jung für den ersten Bartwuchs, zu jung sogar für die ersten Pickel. Der Junge mit der Brille und dem lockigen Haar ist eigentlich ein stiller, doch in letzter Zeit ist aus ihm ein radikaler Glaubender geworden, der den Koran auswendig lernt und seine Umwelt belehrt, dass sie in Sünde lebt. Seine Familie und Freunde, die zusammen mit ihm in einer kleinen belgischen Stadt wohnen, sind allesamt viel weniger radikal in der Auslegung ihres Glaubens und genau das treibt Ahmed noch mehr in seiner Konsequenzhaftigkeit an. Das und der Imam, der ihn nach dem Märtyrertod seines Cousins unter die Fittiche genommen hat und weiter anheizt.

Besonders abgesehen hat Ahmed es auf seine Nachhilfelehrerin. Der Grund: Sie gibt Arabischunterricht mit Hilfe von Liedtexten, um den Kindern und Jugendlichen auch alltagstaugliches Arabisch beizubringen. Laut Ahmeds Imam ist sie eine Ketzerin, eine Unreine, und so beschließt der Junge, sie mit einem Messer zu töten. Der Angriff misslingt und Ahmed landet in einer Jugendstrafanstalt, in der man so einiges dafür tut, den Jungen zu rehabilitieren. Neben Psychotherapie und Sport bekommt er Unterricht, in dem er auch anderen Jungen helfen soll und sich so unter Beweis stellen kann. Auch auf einem Bauernhof kann der Junge aushelfen, doch seine extrem enge Auffassung des Korans erlaubt nicht viel Platz. So viele Dinge sind harām, verboten, unheilig, tabu. Frauen mit einem Handschütteln begrüßen, sich von einem Hund abschlecken lassen … die Liste ist lang und der Junge lässt sich unter keinen Umständen von seinem Glauben abhalten. Mit Vehemenz fordert er drei Mal täglich zu ganz exakten Uhrzeiten seine Gebetsrunden ein. Werden diese nicht erfüllt, ist die Hölle los. 

Da ist es auch egal, wenn die Mutter weint, wenn er sein Leben versaut. Ahmed ist der Selbstgerechte, der Einzige ohne Sünde. Und sein Plan, die Nachhilfelehrerin zu bestrafen, ist auch in der Strafanstalt noch immer aktuell. Bei einem Treffen mit ihr will er es wieder versuchen.

Wie immer bieten die Brüder Dardennes auch bei Young Ahmed einen Film ganz im Stil ihres humanistischen Sozialrealismus an. Doch dieses Mal fällt dieser recht flach aus. Der Film erlaubt seiner Hauptfigur nicht genug Finesse und Ambivalenz, als dass er sie zu einer vollen, in all seiner Ambiguität zerreißenden Persönlichkeit ausbilden würde. Zu stumm und einseitig bleibt der Junge, dessen Beweggründe und Gedanken man nur rudimentär zu erfahren bekommt. Ein abwesender Vater ist da im Spiel, eine Mutter, die eventuell etwas überfordert ist. Und natürlich sind Kinder in diesem Alter hervorragende Opfer jeglicher Beeinflussung. Doch mehr will der Film einfach nicht erfahren und fällt damit deutlich flacher aus als diverse andere Filme, die sich diesem Thema schon gewidmet haben. Allen voran ist da an Der Himmel wird warten von Marie-Castille Mention-Schaar zu denken, der bedeutend tiefer in die Psychologie seiner Figuren eindringt und vielleicht genau deshalb nicht so kanonisch daherkommt wie der der Dardennes. 

Dem Thema etwas hinzuzufügen, haben sie indes nicht, und auch ihr sonst so wichtiges Kino der Underdogs vermag hier nicht zu greifen. So bleibt Ahmed mehr Stellvertreter einer Idee, der die Komplexität entweder abhandengekommen ist oder nicht aufgesucht wurde. Es ist nicht einmal ein Ringen um das Unverständliche, um die andere Kultur zu finden. 

Enttäuscht bleibt zu konstatieren: Dieses Mal haben die Dardennes, die sonst ihre Finger so gut in die Wunden und Herzen der kleinen Leute legen, keinen Zugang gefunden.

Le jeune Ahmed (2019)

Ahmed, ein junger Fanatiker, der kaum den Kinderschuhen entwachsen ist, plant im Namen seiner Religion einen Mord an seinem Lehrer. Wie kann die Liebe zum Leben seinen Wunsch, jemanden zu töten, überwinden?

 

 

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