Küss mich bitte

Küss mich bitte

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Was ist schon ein Kuss?

„Als ich dich bat: Ein Kuss, mein Kind, zum Lohne / Da sagtest du: Mein Gott was ist ein Kuss?“ so lautet ein Vers aus dem Gedicht Als ich dich fragte… von Erich Mühsam (1878-1934). Um die scheinbare Banalität eines eigentlich recht harmlosen Kusses geht es auch in Emmanuel Mourets wundervollem Film Küss mich bitte! / Un baiser, s’il vous plaît, der voller Charme und leisem Witz mit leichter Hand eine ebenso heiter wie nachdenklich stimmende Parabel über die Liebe und das Begehren entwirft.
Der Film beginnt mit der ältesten Geschichte der Welt – „boy meets girl“. Bei einer Geschäftsreise nach Nantes begegnet die Stoffdesignerin Emilie (Julie Gayet) dem charmanten Gabriel (Michaël Cohen), man gefällt einander, verbringt einen schönen Abend und die gegenseitige Anziehungskraft der beiden ist förmlich mit den Händen zu greifen. Doch als Gabriel die Initiative ergreift und um einen Kuss bittet – als Erinnerung an den Abend, wie er sagt – wehrt Emilie den Vorschlag ab und erzählt dem nach wie vor faszinierten Zuhörer eine Geschichte aus dem Bekanntenkreis, um zu verdeutlichen, welch fatale Folgen ein schlichter Kuss haben kann.

Julie (Virginie Ledoyen) und Claudio (Stefano Accorsi) sind ein glücklich verheiratetes Paar, nichts scheint die Beziehung der beiden erschüttern zu können. Und es gibt noch einen Mann in Julies Leben – ihren besten Freund Nicolas (Emmanuel Mouret), mit dem sie sich jeden Samstag zum Joggen und Reden trifft. Die beiden verstehen sich prächtig, jeder fühlt sich verstanden und geborgen, Eifersucht ist kein Thema und nie kämen Julie oder Nicolas auf die Idee, etwas miteinander anzufangen. Eines Tages aber vertraut sich Nicolas seiner Freundin an und gesteht ihr, dass ihm in seinem eigentlich erfüllten Leben doch etwas Wesentliches fehlt – „körperliche Zuneigung“. Der Mathematiklehrer und Single sehnt sich vor allem nach einem Kuss – für ihn der Inbegriff des trauten Beisammenseins. Und da Prostituierte niemals küssen, ist der Gang zu einer professionellen Liebesdienerin für ihn keine Option. Julie zögert nicht lange und gewährt ihrem Freund einen Kuss. Tatsächlich scheint die Maßnahme anfangs zu wirken, denn bald schon präsentiert Nicolas seine neue Freundin Câline (Frédérique Bel). Doch leider können dummerweise weder er noch Julie den Kuss vergessen. Von nun an wird es kompliziert, denn die beiden Verliebten setzen alles daran, Julies Ehemann Claudio mit Nicolas’ Freundin Câline zu verkuppeln, um guten Gewissens ihre Liebelei ausleben zu können…

Musik spielt in Emmanuel Mourets Film Küss mich bitte! / Un baiser, s’il vous plaît eine wichtige Rolle: Neben Schubert, dem von Claudio verehrten Komponisten, den die beiden Verschwörer Julie und Nicolas für eine listige Finte benutzen, reicht die musikalische Bandbreite über Mozart, Tschaikowski bis hin zu Dvorak – Popmusik hingegen sucht man vergebens. Sie wäre in diesem angenehm altmodischen Lehrstück über Liebe und Begehren auch fehl am Platz. Auch Chopin hätte vorzüglich gepasst, denn Mourets Film ist wie ein heiterer Walzer des polnischen Komponisten – leichtfüßig, voller Kapriolen und kleinen Spielereien und zugleich ungeheuer anregend und nachdenklich. Rhythmisiert von den gelegentlichen Einschüben der Rahmenhandlung behält die Erzählung stets ihr angenehmes Tempo bei und langweilt keine Minute.

Zwar irritieren anfangs der eingeschlagene leichte Tonfall der Erzählung und die offensichtliche Naivität der beiden Verliebten wider Willen ein wenig, doch mit der Zeit schafft es Mouret, der sich selbst einige der köstlichsten Dialoge auf den Leib geschrieben hat, den Zuschauer vollkommen in den Bann zu ziehen – gerade weil er stets dezent bleibt und eher andeutet als zeigt. In Zeiten, die denen das Thema Sex sonst meist mit dem Holzhammer präsentiert wird, ist das allein schon ein kleines Kinowunder und verdeutlicht, wie erhellend es manchmal sein kann, das Thema Nummer Eins ohne jeglichen Voyeurismus und aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Schließlich ist ein Kuss niemals nur ein Kuss…

Sicherlich kein Film für jedermann oder Liebhaber eher grobschlächtigen Humors, doch wer französische Liebeskomödien voller Tiefgang zu schätzen weiß, für den dürfte Film Küss mich bitte! / Un baiser, s’il vous plaît eine der schönsten Entdeckungen dieses Kinosommers sein. Und wer weiß: Vielleicht entwickelt sich der Film ja zu einem kleinen Kinohit in Deutschland – das Zeug dazu hätte er allemal.

Küss mich bitte

„Als ich dich bat: Ein Kuss, mein Kind, zum Lohne / Da sagtest du: Mein Gott was ist ein Kuss?“ so lautet ein Vers aus dem Gedicht Als ich dich fragte… von Erich Mühsam (1878-1934).
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Meinungen
@jens · 12.08.2008

Blödsinn! Verstehe gar nicht, was an diesem Film penetrant sein soll. Mir hat er auf jeden Fall sehr gut gefallen.

jens · 12.08.2008

penetranz über varianz!
tut mir leid. aber einer der schlechtesten filme des kinojahrs aus meiner sicht. leise ist eben doch kein ausreichendes kriterium für erfolgreich umgesetzten anspruch und auch nicht für subtilen humor. und die schlussendliche auflösung, die aussage des "beziehungsstelldicheins" ...

Kommentare

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