Hadewijch

Hadewijch

Eine Filmkritik von Monika Sandmann

Paradiese des Glaubens

Die Poetin Hadewijch von Antwerpen lebte im 13. Jahrhundert im heutigen Belgien. Viel ist über sie nicht bekannt. Ihre Werke dienten deshalb zur Interpretation ihres Lebens. Inspiriert wurde Hadewijch von den Liebesgedichten der Troubadore und Minnesänger. Das wiederum legt eine Herkunft aus reichem Elternhaus nahe, denn nur so konnte sie Zugang zu diesen Gedichten bekommen. Gesichert ist auch, dass sie ein Beginen-Kloster leitete. Die Beginen galten als Gemeinschaft christlicher Laien, die in einer Art Hausgemeinschaft ein frommes und keusches Leben führten.
Diese Verbindung von romantischer Liebe und Frömmigkeit bündelt der französische Regisseur Bruno Dumont in seinem Film Hadewijch zu einer gewaltigen Reflexion über Liebe und Toleranz. Die junge Céline (dargestellt von der brillanten Neuentdeckung Julie Sokolowski) ist eine Art moderne Hadewijch. Auch Céline lebt im Kloster, bis sie, gleich zu Beginn des Films, von den Schwestern aus dem „Paradies“ vertrieben wird. Sie hat sich übertriebener Askese schuldig gemacht. Es geht im Kloster nicht um Martyrium, begründet die Oberin ihre Entscheidung und reicht der jungen Frau ein Stück Brot, das diese essen soll. Doch Céline verfüttert es an die Vögel. Um Célines Gesundheit willen beschließen die Schwestern, sie vorerst wieder ins weltliche Leben zu schicken. Dort soll sie ihren Glauben suchen. Eine harte Strafe und schwere Enttäuschung für das fromme Mädchen. Céline läuft weinend zu einer kleinen Kapelle. An deren Außenmauer liegt, hinter einer Gittertür verborgen, eine Jesus-Statue im Grab. Das ist Célines „Liebesnest“. Denn ihre Liebe zu Gott geht über die platonische Liebe hinaus. Sie sucht die allumfassende göttliche Vereinigung.

Wie Jesus hinter der Gittertür ein- oder abgeschlossen ist, lebt auch Céline in ihrem selbst gewählten Gefängnis. Das Motiv Gefängnis durchzieht den Film bis zu seinem Schluss. So arbeitet im Kloster der Häftling David (David Dewaele) bei der Kloster-Renovierung mit. Später sehen wir ihn in der Haftanstalt. Das Fenster in Célines Klosterzimmer ist vergittert. Jeder Einschluss, ob physisch oder psychisch, so Dumonts Botschaft, bringt dem Menschen Probleme. Im Film ist nur die flandrische Landschaft weit und offen.

Célines Rauswurf aus dem „Paradies“ initiiert die weitere Entwicklung. Die Worte der Oberin wörtlich nehmend, versucht sie, ihren Glauben in der realen Welt zu beweisen. Dabei trifft ihr christlicher Fanatismus auf islamistische Radikalität – und versteht sich – auf ironische Weise – perfekt. Die Basis aller Religionen ist die Gleiche und so findet Dumont Bilder mit christlicher Symbolik direkt vor dem Haus, in dem der Islamist Nassir (Karl Sarafidis) seine Seminare abhält. Später beten Céline, Nassir und sein Bruder Yassine (Yassine Salihine) gemeinsam in unterschiedlichen Sprachen und Formen. Ein bewegendes Bild.

Und so plädiert Dumont für die Toleranz der Unterschiede menschlichen Daseins. Denn so fern die Haltungen zu seien scheinen, so nah sind sie sich am Ende doch. Dennoch zeigt der Film auch, dass die reine Toleranz, der jede Emotion, jede anteilnehmende Liebe fehlt, in bizarrer Egozentrik erstarrt. Da geht es beim Tolerant-Sein vielmehr darum, wie der eigene Narzissmus neben dem anderen problemlos existieren kann. Célines Eltern zum Beispiel tolerieren die extreme Gottesliebe ihrer Tochter. Als Céline aus dem Kloster verwiesen wird, holt der Vater, ein Minister, sie kommentarlos ab. Stumm sitzen sie im Wagen nebeneinander. Immer wieder schaut der Vater nachdenklich zu seiner Tochter, die abwesend aus dem Fenster starrt. Zwei Wesen, die einander nicht fremder sein könnten. Doch zu mehr reicht es nicht. Zuhause, in der opernhaft-sakral ausgestatteten Innendekoration des schlossähnlichen Anwesens inmitten von Paris, gleichzeitig abgeschottet von der Welt auf der Ile Saint-Louis, geht jeder seines Weges. In dem fast schon depressiven Universum vegetiert Célines Mutter vor sich hin, emotionaler Reaktionen unfähig. Die riesigen Rundbogenfenster des Hauses mit ihren Sprossenfenstern symbolisieren auch hier wieder die Idee des Gefängnisses. Das einzige Lebendige im Haus ist Célines kleiner, weißer Schoßhund. Dass Tier fordert nichts. Es steht für die pure, reine Liebe.

Nur Yassine, der jüngere Bruder des Islamisten Nassir, hat noch ein Gespür für die Menschen um ihn herum. Seine Vermutung, dass Céline wohl nach Liebe sucht, ist der Kernsatz des Dramas. Doch auch seine Liebe ist von seinem Verlangen nach Sex getrübt. Aber er toleriert Célines Wunsch, für Gott „rein“ zu bleiben, und stellt sie seinem Bruder vor. So fügt sich ein Rädchen ins andere.

Dumont bleibt sich auch in Hadewijch in seiner Handschrift treu: karg und reduziert. Kein Wort fällt zu viel. Die Erzählung entwickelt sich fast ausschließlich über klare, durchkomponierte Bilder. Darin ist der Regisseur ein Meister seines Fachs. Bei ihm braucht es nur ein, zwei Bilder, wenige gezielte Schnitte und vor dem inneren Auge blättert sich eine ganze Geschichte auf. Erst in der Reflexion darüber ertappt man sich, in der eigenen Interpretation vielleicht zu frei, zu voreilig gewesen zu sein. Denn Dumonts Kraft ist eigentlich subtil. Anders als in früheren Filmen enthält er sich hier jeglicher, offener Brutalität. Seine kleinen Hinweise liegen versteckt, unter mitunter leider doch allzu greller Symbolik. Hier wäre weniger tatsächlich mehr gewesen. So fühlt man sich mitunter etwas arg in den Bildern bevormundet. Der süße kleine Hund als Bild der reinen Liebe, Célines Zuhause, dessen Bombast alles Menschliche erschlägt. Also kein Wunder, so scheinen uns die Bilder zu suggerieren, dass Céline ihre Liebe woanders suchen muss.

Dabei scheint die Liebe oft viel näher zu sein, als man glaubt. Man muss sich nur umschauen und genau hinsehen. Dann findet man in Bruno Dumonts Film eine tröstliche Antwort. Doch Dumont wäre kein guter Philosoph, würde er tatsächlich einfache Antworten auf die großen Fragen der Welt liefern. Schaut man genauer hin, kommt der Trost plötzlich wie eine Illusion daher.

Hadewijch

Die Poetin Hadewijch von Antwerpen lebte im 13. Jahrhundert im heutigen Belgien. Viel ist über sie nicht bekannt. Ihre Werke dienten deshalb zur Interpretation ihres Lebens. Inspiriert wurde Hadewijch von den Liebesgedichten der Troubadore und Minnesänger. Das wiederum legt eine Herkunft aus reichem Elternhaus nahe, denn nur so konnte sie Zugang zu diesen Gedichten bekommen.
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