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Eine Filmkritik von Falk Straub

Publikumsbeschimpfung

Privat sind Komiker selten komisch. Der in Rick Alversons jüngstem Drama ist nicht einmal auf der Bühne witzig. In Entertainment sieht das Publikum dem Protagonisten bei dessen gnadenlosem Absturz zu.
Wenn der namenlose Komiker (Gregg Turkington) die Bühne betritt, ist der Spaß vorbei. Zwei Longdrinks unter den Arm geklemmt, ein drittes Glas in der Hand beäugt er durch seine großen Brillengläser misstrauisch das Publikum. Der Anzug sitzt schlecht, die gegelten Haare nicht besser. In die angespannte Stille presst er eine Frage. Sein Ton ist nervtötend, seine als Pointe gedachte Antwort geschmacklos. Während sein Kollege Eddie (Tye Sheridan), der als Clown die Show eröffnet, die Zuschauer zumindest einigermaßen bei Laune hält, vergeht ihnen spätestens jetzt das Lachen.

Regisseur Rick Alverson schickt seinen Protagonisten auf einen humorlosen Höllentrip durch die Mojave-Wüste. Fortan sieht das Publikum dem griesgrämigen Gaglieferanten dabei zu, wie er tagsüber trostlose Touristenattraktionen abklappert, bevor er abends in noch trostloseren Tavernen sein Publikum beschimpft. Auch neben der Bühne steht er im Abseits, wirkt wie ein Fremdkörper in der pittoresken Landschaft, träumt sich im glänzend weißen Cowboy-Outfit in die heile Welt einer Telenovela. Und während Cousin John (John C. Reilly) nur von verschenktem Potenzial, Karriereplänen und Wachstumschancen schwafelt, hält keiner die Abwärtsspirale auf. Eigentlich will der schwermütige Held nur nach Los Angeles zu seiner Tochter, der er nach den Shows liebevoll auf die Mailbox spricht. Als er endlich dort anlangt, um im Garten eines Hollywoodstars aufzutreten, verliert er seinen letzten Halt.

Dieser erfolglose Spaßmacher ist kein Einzelfall im US-amerikanischen Kino, was angesichts der Vielzahl erfolgreicher Stand-up-Comedians in der Filmbranche kaum verwundert. Die Stoßrichtung verwundert da schon eher. Denn sind die Filme prominent besetzt, zeigen sie fast ausnahmslos den Komiker in der Krise – ob alkoholkrank wie Chris Rock in Top Five (2014), leicht geisteskrank wie Robert De Niro in King of Comedy (1982), todkrank wie Adam Sandler in Wie das Leben so spielt (2009) und Jim Carrey in Der Mondmann (1999) oder drogenabhängig wie Dustin Hoffman in Lenny (1974) und Richard Pryor in Jo Jo Dancer – Dein Leben ruft (1986). Und zumindest an einem Punkt hat jeder dieser traurigen Clowns seinen Witz verloren.

Gregg Turkington hat den namenlosen Krisenkomiker an seine eigene Bühnenfigur Neil Hamburger angelehnt, deren Tiraden in Entertainment aber ins Unerträgliche gesteigert. Sympathien hegt mit diesem abgehalfterten Typen, der sich für einen großen Missverstandenen hält, keiner. Das macht es den Kinozuschauern nicht gerade einfach. Alversons Fokus ist so eng begrenzt, dass bereits die Hemdknöpfe zu unscharfen Punkten verschwimmen, wenn das Gesicht seines Protagonisten in Großaufnahme zu sehen ist. In seiner wüsten Welt gibt es kein Entrinnen. An allen Ecken und Enden grüßt der Tod – ob symbolisch auf einem Flugzeugfriedhof oder ganz real während einer missglückten Geburt auf der Toilette.

Alverson bricht diesen Schrecken immer wieder auf, setzt ihm durch Symmetrie, Form- und Farbgebung etwas Schönes entgegen: kleine Postkartenmotive aus der amerikanischen Provinz voll morbidem Charme.

Der bitterböser Blick auf die Niederungen der Showbranche dürfte nicht vielen gefallen. Dazu ist der Anti-Humor dieses Dramas, der sich an Größen wie Andy Kaufmans Figur Tony Clifton orientiert, dann doch zu sperrig. Wem seichte Wohlfühlkomödien auf die Nerven gehen, der könnte der Publikumsbeschimpfung dieser traurigen Nervensäge hingegen durchaus etwas abgewinnen.

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Privat sind Komiker selten komisch. Der in Rick Alversons jüngstem Drama ist nicht einmal auf der Bühne witzig. In "Entertainment" sieht das Publikum dem Protagonisten bei dessen gnadenlosem Absturz zu.
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