Die Kunst der Nächstenliebe (2018)

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In „Die Kunst der Nächstenliebe“ lässt Gilles Legrand seine Hauptdarstellerin Agnès Jaoui sich mit den Schwierigkeiten des sozialen Engagements auseinandersetzen. Und dabei entsteht reichlich Energie.

Die Kunst der Nächstenliebe (2018)

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Wuselnde Wohltäterin

Isabelle (Agnès Jaoui) will helfen. Sie hat – wie es der Originaltitel von Gilles Legrands neuem Film auf den Punkt bringt – „gute Absichten“. Deshalb bringt sie etwa Kleidung und Medikamente zu einer Annahmestelle und verteilt Flyer für die kostenlosen Französischkurse, die sie in einem Sozialzentrum gibt, an Obdachlose. Wäre „Die Kunst der Nächstenliebe“ ein US-Indie-Drama, wäre Isabelle vermutlich eine durch und durch bewundernswert-tapfere Heldin, höchstwahrscheinlich verkörpert von Hilary Swank. Das Drehbuch, das Legrand zusammen mit Léonore Confino verfasst hat, zeichnet die Figur indes weniger erhaben und wählt einen überwiegend humoristischen Ton.

Mit ihrem aus Bosnien stammenden Ehemann Ajdin (Tim Seyfi), den sie einst kennenlernte, als sie in dessen Heimatland humanitäre Arbeit leistete, und den gemeinsamen Kindern Zoé (Lucy Ryan) und Paul (Théo Gross) lebt Isabelle in gutbürgerlichen Verhältnissen. Die Alphabetisierungskurse, die sie anbietet, sollen den Teilnehmenden dabei helfen, durch bessere Sprachkenntnisse einen Job zu finden. Isabelles Engagement nimmt allerdings kompetitive Züge an, als die neue deutsche Lehrerin Elke (Claire Sermonne) mit ihren modernen pädagogischen Methoden deutlich mehr Erfolg zu haben scheint als sie. Und so bringt sie den phlegmatischen Fahrlehrer Attila (Alban Ivanov) dazu, eine soziale Fahrschule zu gründen. Dabei stürzt sie sich und ihr gesamtes Umfeld aber mehr und mehr ins Chaos.

Die Konfrontationen von Familien aus dem Wohlstandsmilieu mit der zunehmenden Not in der Welt beziehungsweise direkt vor der eigenen Haustür wurden in den vergangenen Jahren schon häufiger im Kino thematisiert, mal auf allzu seichte Art (etwa in Willkommen bei den Hartmanns), mal in fragwürdig-brachialer Manier (insbesondere in Hereinspaziert!) – und fast immer mit extrem vielen Klischees. Auch Die Kunst der Nächstenliebe ist nicht gänzlich frei von Stereotypen. Die Balance aus Witz und Ernsthaftigkeit gelingt dem Film insgesamt jedoch recht gut, da er in seinen Details stimmig beobachtet ist.

Ein wichtiger Aspekt der Geschichte sind zum Beispiel die Motive von Isabelle und ihrer (vermeintlichen) Konkurrentin Elke für ihre intensiven Einsätze. Und diese erweisen sich durchaus als komplexer, als man zunächst erwarten könnte. Auch Isabelles familiäre Situation wird interessant geschildert. Haben Ajdin, Zoé und Paul das Recht, sich vernachlässigt zu fühlen, wenn sich Isabelle mit vollem Eifer ihrer Mission widmet? Und darf Isabelle von ihrer Familie verlangen, all ihre Überzeugungen zu teilen und entsprechend zu handeln – und deshalb etwa auf Weihnachtsgeschenke zu verzichten? Das Skript bleibt hierbei unparteiisch und begegnet beiden Fronten mit Humor. Amüsant ist vor allem eine Sequenz am Familien-Esstisch, an dem vier Generationen aufeinandertreffen. Besonders die Schauspiel-Veteranin Michèle Moretti als Isabelles unterkühlte Mutter bleibt dabei in Erinnerung.

Ebenfalls überzeugend sind Legrands wuseliger Inszenierungsstil sowie die mobile Kameraführung von Pierre Cottereau, die uns als Zuschauer_innen perfekt die Unruhe vermitteln, mit welcher Isabelle durch ihren Alltag hastet. Agnès Jaoui (Champagner & Macarons – Ein unvergessliches Gartenfest) wirft sich energisch in diese Rolle, ohne ihre Co-Stars an den Rand zu spielen. Nichts läuft hier so wirklich, wie die Protagonistin sich das wünscht – alles ist voller Hürden. Und so führen auch bei Weitem nicht alle guten Absichten von Isabelle zu einem guten Ergebnis; wir sehen Isabelle oft scheitern und verzweifeln. Aber wir erkennen im Laufe des Films: Bewegung kann helfen, kann etwas bewirken. Wir müssen einfach weiterwuseln, weiter und weiter.

Die Kunst der Nächstenliebe (2018)

Isabelle ist 50 Jahre alt, hat zwei Kinder und ist mit einem ehemaligen bosnischen Flüchtling verheiratet. Zusammen mit ihrer Familie lebt die ehrenamtlich engagierte Sozialarbeiterin in Paris. Doch das gutherzige Engagement von Isabelle, die sich mit aller Kraft den Menschen in sozialen Missständen innerhalb Paris hingibt, stößt bei ihren eigenen Kindern und ihrem Ehemann auf Missmut. Ihr Ehemann Ajdin und ihre beiden Teenager bitten um die Zuneigung und Aufmerksamkeit, die sie ständig in der Welt verteilt.

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