Der rote Rausch

Der rote Rausch

Eine Filmkritik von Stefan Dabrock

Zerrissene Seele

Als 2002 der verschollen geglaubte Film Der rote Rausch nach fast 40 Jahren wiederentdeckt wurde, war die Aufregung groß. Schließlich verkörperte Klaus Kinski in der Mischung aus Thriller und Psychodrama eine der wenigen Hauptrollen seiner langen Karriere. Jetzt ist das Werk auch auf DVD erschienen.
Der vierfache Frauenmörder Josef Stief (Klaus Kinski) flüchtet in der Nacht aus einer „Verwahranstalt für kriminelle Geisteskranke“, wie das Schild am Gebäude im damals üblichen Sprachgebrauch verrät. Obwohl schnell eine Fahndung eingeleitet wird, gelingt es den Behörden nicht, Stief aufzugreifen. Der taumelt am nächsten Tag durch den Schilfgürtel des Neusiedler Sees, wo er von den Arbeitern des Bauern Vollbricht (Jochen Brockmann) aufgegriffen wird. Die halten Stief für einen Flüchtling aus Ungarn und nehmen ihn bei sich auf. In der Folge nähert sich der Mörder, der sich aufgrund der Behandlung in der Anstalt an seine Taten nicht erinnern kann, Vollbrichts Tochter Katrin (Brigitte Grothum) an. Stief erinnert sie an ihren im Grenzgebiet verschollenen Mann Martin, den sie nicht aufgeben kann. Die zunehmende Nähe der beiden bringt Karl (Sieghardt Rupp) gegen den Flüchtling auf, weil er selbst ein Auge auf Katrin geworfen hat. Während der Fahndungsdruck steigt, kommt die zerrissene Natur Stiefs immer wieder hoch, der jederzeit erneut zum Mörder werden könnte.

Die bleierne Stimmung in der Provinz Anfang der 1960er Jahre legt sich wie eine Glocke über den Beginn des Films. Hier scheint die Zeit stillzustehen, sodass die Chancen für das eigene Leben begrenzt sind. Karl muss sich entscheiden, ob er weiter auf die zaudernde Katrin warten will, die ihren Mann nicht vergessen kann, oder ob er die Chance auf den Hof zugunsten der kecken Barfrau Anna (Marina Petrova) aufgeben soll. In diese von Schleif mit präzisem Blick eingefangene Atmosphäre eines bäuerlichen Sozialgefüges mit patriarchalem Charakter bricht Stief ein, der sich selbst als Martin ausgibt, weil das der erste Name ist, den er nach seiner Flucht hört. Der verunsicherte Mörder wirkt wie ein Katalysator auf die anderen Menschen, die in ihren jeweiligen Rollen gefangen sind.
Aus dieser Konstellation entwickelt Schleif ein beeindruckendes Psychodrama, bei dem er sich ganz auf die Kunst seiner Darsteller verlassen kann. Kinski entwirft den wahnsinnigen Stief mit einer Mischung aus sanfter Ruhe und erschreckender Angst. Die großen Augen erzählen vom Unverständnis, mit dem er die Ereignisse wahrnimmt. Wie ein gehetztes Tier weiß er nicht, wie ihm geschieht. Die Szenen, in denen er mit Katrins Tochter Hanni (Christine Ratej) allein ist, gehören zu den intensivsten des ganzen Films. Kinskis brüchig-ruhige Stimme wirkt gleichzeitig friedlich und bedrohlich. Dadurch kommt die Zerrissenheit seiner Seele zum Vorschein, die ihre gewalttätigen Dämonen nicht besiegen kann, sich aber nach ein bisschen Stille sehnt. Im Ringen gegen die widersprüchlichen Kräfte spiegelt Stief auf gefährlich übersteigerte Weise die Befindlichkeit, die sich auch im restlichen Sozialgefüge der Provinz wiederfindet.

Karl probt den kleinen Ausbruch aus der einschnürenden Piefigkeit, wie die wankelmütige Beziehung zur Barfrau Anna verdeutlicht. Während er sich in der Vergangenheit auf sie eingelassen hat, zeigt er ihr jetzt die kalte Schulter. Bauer Vollbricht versucht mit jovial wirkender Autorität, die letztlich keinen Widerspruch duldet, Störfaktoren für sein bäuerliches Idyll wegzuschieben. Unter der Oberfläche brodelt es gewaltig und wenn die Jagd auf Stief eröffnet ist, dann verwischen auf einmal die Grenzen zwischen dem Wahnsinnigen und den Gesunden, die jegliche Schranken der Menschlichkeit über Bord werfen.

Die bürgerlich-bäuerliche Gesellschaft erscheint wie ein Pulverfass, das nur darauf gewartet hat, zu explodieren. Unterdrückte Sehnsüchte und Wünsche entfachen einen Furor, der sich an der Angst vor dem Frauenmörder entzündet. Die Arbeiter des Bauern Vollbricht wirken schließlich genauso beängstigend wie Stief selbst. Jede Chance auf eine offenere Gesellschaft wird dadurch verspielt. Ihre Aktionen münden in einer bitteren Konsequenz voller Hoffnungslosigkeit.

Der rote Rausch

Als 2002 der verschollen geglaubte Film „Der rote Rausch“ nach fast 40 Jahren wiederentdeckt wurde, war die Aufregung groß. Schließlich verkörperte Klaus Kinski in der Mischung aus Thriller und Psychodrama eine der wenigen Hauptrollen seiner langen Karriere. Jetzt ist das Werk auch auf DVD erschienen.
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